Das Wun­der von San Jo­sé

Die Welt fie­ber­te mit, als ges­tern die Ret­ter den ers­ten ver­schüt­te­ten Kum­pel zu­rück an die Erd­ober­flä­che hol­ten. Seit dem 5. Au­gust muss­ten 33 Berg­leu­te in über 600 Me­tern Tie­fe aus­har­ren. Er­grei­fen­de Sze­nen spiel­ten sich bei ih­rer Rück­kehr ab.

Rheinische Post Goch - - Politik - VON TO­BI­AS KÄU­FER

SAN JO­SÉ Schein­bar un­end­lich lan­ge 15 Mi­nu­ten und 42 Se­kun­den dau­ert es, bis Flo­ren­cio Áva­los Sil­va (31) end­lich an die Erd­ober­flä­che kommt. Um 0.11 Uhr Orts­zeit sind auch die letz­ten Zwei­fel be­sei­tigt, dass das Dra­ma in der chi­le­ni­schen Gold-und Kup­fer­mi­ne San Jo­sé ein glück­li­ches En­de fin­den wird. Der zwei­ma­li­ge Fa­mi­li­en­va­ter Áva­los ist der ers­te der 33 seit dem 5. Au­gust ein­ge­schlos­se­nen Berg­leu­te, der in

Chi­les First La­dy Ce­ci­lia Mo­rel wird von ih­ren

Trä­nen über­mannt

der Nacht zu ges­tern in der wohl spek­ta­ku­lärs­ten Ret­tungs­ak­ti­on der Berg­bau­ge­schich­te aus ih­rem Ge­fäng­nis 624 Me­ter tief un­ter der Er­de be­freit wird.

Áva­los trägt ei­nen grü­nen Ret­tungs­an­zug und ei­ne dunk­le Schutz­bril­le. Wie al­le Berg­leu­te, die ihm aus ih­rem Ge­fäng­nis im Bauch der Gold-und Kup­fer­mi­ne San Jo­sé fol­gen, wirkt auch er er­staun­lich ge­fasst. Die dunk­len Bril­len­glä­ser las­sen ihn nach Mit­ter­nacht ein klein we­nig wie ei­nen Film­star wir­ken. Chi­les First La­dy Ce­ci­lia Mo­rel wird von ih­ren Trä­nen über­mannt.

Was folgt sind Glücks­mo­men­te im St­un­den­takt. In­ner­halb von zehn St­un­den ha­ben die Ret­ter die ers­ten Berg­leu­te an die Erd­ober­flä­che ge­holt. Al­les funk­tio­niert wie er­hofft. Staats­prä­si­dent Sebastian Pi­ne­ra ist ner­vös, er kann sich nicht ent­schei­den, wo er die hei­ße Pha­se der Ber­gungs­ak­ti­on ver­fol­gen will. Erst nimmt er in ei­nem da­für ei­gens er­rich­te­ten Zelt mit Mo­ni­to­ren Platz, dann sucht er die Nä­he zu den Hel­fern am Ret­tungs­schacht. Drei­mal soll­te er bis ges­tern Nach­mit­tag ans Red­ner­pult tre­ten, um der Welt die fro­hen Bot­schaf­ten des Ta­ges zu ver­kün­den. „Groß­ar­ti­ge Ar­beit, groß­ar­ti­ge Ar­beit“, sagt Pi­ne­ra im­mer wie­der und um­armt Berg­bau­mi­nis­ter Lau­rence Gol­bor­ne. Aus der gan­zen Welt tref­fen Glück­wün­sche ein: USPrä­si­dent Ba­rack Oba­ma ist ei­ner der Ers­ten, die sich mel­den. Das glück­li­che En­de des Gru­ben­dra­mas wird Chi­les Image gut tun. Das Land ma­nag­te die Kri­se pro­fes­sio­nell, sach­lich und er­folgs­ori­en­tiert.

Für die Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen wird die letz­te Etap­pe der­weil zum emo­tio­na­len Här­te­test. Vie­len rol­len Trä­nen der Span­nung über die Wan­gen. Es wird ge­be­tet, ge­sun­gen, ge­klatscht, ge­schwie­gen. Die Span­nung ist spür­bar, als kurz vor Mit­ter­nacht Ma­nu­el Gon­za­les als ers­ter Ret­ter in die Kap­sel steigt. Er ist so et­was wie das Ver­suchs­ka­nin­chen. Nur zwei Test­fahr­ten hat­ten die Hel- fer zu­vor mit der Kap­sel Phö­nix II ab­sol­viert. Gon­za­les ist die Ner­vo­si­tät ins Ge­sicht ge­schrie­ben, als er in die Kap­sel steigt und die Rei­se in die Tie­fe be­ginnt. Mit „Chi, Chi, Chi, Le, Le, Le“-Ru­fen ver­ab­schie­den Hel­fer und Fa­mi­li­en den mu­ti­gen Mann. Er wird erst wie­der zu­rück­keh­ren, wenn der letz­te Kum­pel die Erd­ober­flä­che er­reicht hat. Wäh­rend Gon­za­les in die Tie­fe fährt, sin­gen die Men­schen die Na­tio­nal­hym­ne.

In der Stadt, rund ei­ne Au­to­stun­de von Co­pi­apo ent­fernt, be­ginnt der­weil die gro­ße Par­ty. Auf dem Marktplatz hat der Bür­ger­meis­ter ei­ne rie­si­ge Lein­wand auf­ge­stellt. Mehr als 30000 Men­schen wer­den er­war­tet. Die Kin­der ha­ben schul­frei, die­sen so his­to­ri­schen Tag für Chi­le sol­len al­le ge­nie­ßen dür­fen. Fin­di­ge Stra­ßen­händ­ler ver­kau­fen Fah­nen mit der Lo­sung des Ta­ges: „Wir er­war­ten un­se­re Hel­den.“

Un­ter­des­sen lau­fen die Ret­tungs­ar­bei­ten wei­ter. Ka­thy Val­di­via, Ehe­frau von Ma­rio An­to­nio Se­púl­ve­da, ist schon deut­lich ent­spann­ter, als ihr Mann als Zwei­ter in den Fahr­stuhl in die Frei­heit steigt. Ge­gen die Käl­te wapp­net sie sich mit ei­nem hei­ßen Kaf­fee. Dann schlägt sie die Hän­de vor das Ge­sicht. Sie war ex­tra

Ret­tungs­kap­sel „Phö­nix 2“ beim Fri­seur, hat sich die Fin­ger­nä­gel la­ckie­ren las­sen. Wenn ihr Mann sie wie­der­sieht, soll ei­ne schö­ne Frau vor ihm ste­hen. Wie­der nä­hert sich die Kap­sel Me­ter für Me­ter der Frei­heit, dies­mal geht es so­gar ei­ne Mi­nu­te schnel­ler. Ka­thy Val­di­via lacht, Ma­rio Se­púl­ve­da um­armt sei­ne Frau und ver­teilt St­ei­ne aus der Gru­be an die war­ten­den Hel­fer und an den Prä­si­den­ten. Dann schreit auch er er­leich­tert den Schlacht­ruf aus sich her­aus: „Chi, Chi, Chi, Le, Le Le.“ Was für ein Auf­tritt, was für ei­ne Le­bens­freu­de. Sei­ne Spä­ße lö­sen end­gül­tig die Span­nung. Kein Zwei- fel, Chi­le kann nach 70 Ta­gen des War­tens, Ban­gens und Zit­terns end­lich wie­der fei­ern. Die Emo­tio­nen neh­men kein En­de. Im­mer wenn ein Berg­mann das ret­ten­de En­de des Schachts er­reicht hat, wie­der­holt sich das Schau­spiel. Als mit Ma­rio Go­mez ei­ner der äl­tes­ten Berg­leu­te in Frei­heit ist, wird es plötz­lich ganz still. Go­mez kniet nie­der und be­tet. Es sind in all dem Tru­bel Se­kun­den der Stil­le, der De­mut und des Nach­den­kens. Sei­ne Frau Li­lia­na haucht ihm ein „Te Quie­ro“ („Ich lie­be Dich“) ins Ohr – zu mehr fehlt ihr die Kraft. Sie hält ih­ren Mann ein­fach nur noch fest in ih­ren Ar­men. Da­nach wird es po­li­tisch. Bo­li­vi­ens Staats­prä­si­dent Evo Mora­les dankt sei­nem chi­le­ni­schen Amts­kol­le­gen Sebastian Pi­ne­ra für die ge­leis­te­te Ar­beit: „Dan­ke, im Na­men des bo­li­via­ni­schen Vol­kes“, sagt der sicht­lich be­weg­te Mora­les, als er sei­nen Lands­mann Car­los Ma­ma­ni Solís (23) in Frei­heit be­grüßt. Ma­na­mi war der ein­zi­ge Aus­län­der un­ter den 33 ein­ge­schlos­se­nen Berg­leu­ten. Es ist die Zeit für gro­ße Ges­ten. Der So­zia­list Mora­les dankt dem Mil­li­ar­där Pi­ne­ra. Für den sonst in Latein­ame­ri­ka üb­li­chen Klas­sen­kampf ist an die­sem Tag kein Platz.

Das wo­chen­lan­ge Dra­ma ist da­mit be­en­det. Zahl­rei­che Ret­tungs­boh­run­gen schlu­gen fehl, ehe ein Zet­tel mit ro­ter Schrift zum Sym­bol der Ka­ta­stro­phe wur­de: „Es geht uns gut in un­se­rem Re­fu­gi­um – die 33“ hat­ten die Kum­pel auf ein Blatt Pa­pier ge­schrie­ben und nach oben ge­schickt. Mit we­ni­gen Löf­feln Milch und Thun­fisch über­leb­ten die Kum­pel. Erst am Wo­che­n­en­de war der Ret­tungs­schacht zur Ber­gung der Kum­pel fer­tig. Drei wei­te­re Ta­ge wa­ren nö­tig, um den Ka­nal ab­zu­si­chern und die Ber­gung end­gül­tig vor­zu­be­rei­ten.

FO­TO: AFP

Die Auf­nah­me des chi­le­ni­schen Fern­se­hens zeigt, wie die ar­bei­ter Juan Il­la­nes. 15 Mi­nu­ten dau­ert die Fahrt in der be­eng­ten Kap­sel.

vom Fu­ße des Schach­tes in die Hö­he ge­zo­gen wird. An Bord be­fin­det sich der Berg-

FO­TO: AP

Der Berg­mann Ma­rio An­to­nio Se­púl­ve­da kurz nach sei­ner Ret­tung.

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