Len­ny, das letz­te Raub­tier

Vor 20 Jah­ren starb in New York der US-ame­ri­ka­ni­sche Mu­si­ker Leo­nard Bern­stein. Der Di­ri­gent, Kom­po­nist, Pia­nist und Kon­zert­mo­de­ra­tor ist ei­ner der größ­ten Künst­ler des 20. Jahr­hun­derts.

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WOLF­RAM GOERTZ

NEW YORK In den Au­gen des stau­nen­den Pu­bli­kums wur­de das Di­ri­gen­ten­pult des spä­ten 20. Jahr­hun­derts von zwei ful­mi­nan­ten Wi­der­sa­chern be­herrscht. Zum ei­nen von Her­bert von Ka­ra­jan, dem aler­ten Por­sche-Fah­rer und Tech­no­kra­ten des Klangs, der mit ge­schlos­se­nen Au­gen di­ri­gier­te, zum an­de­ren von Leo­nard Bern­stein, dem ge­frä­ßi­gen Raub­tier, dem En­thu­si­as­ten, der bei ei­nem Beet­ho­ven-Rausch in die Luft sprang, bei den Pro­ben rauch­te und ei­nen Gin nahm. Es war der Kon­flikt zwi­schen dem stren­gen al­ten Eu­ro­pa und dem sün­di­gen jun­gen Ame­ri­ka, zwi­schen Be­wah­rern und Ero­be­rern.

Bern­stein, der heu­te vor 20 Jah­ren in New York ge­stor­ben ist, ha­ben wir al­le ge­liebt, das un­ter­schied ihn von Ka­ra­jan. Len­ny ver­kör­per­te die geis­ti­ge Lie­be zur Mu­sik und zu­gleich ih­ren ma­xi­ma­len Ge­nuss. Er ver­sorg­te aber auch Ele­men­tar­be­dürf­nis­se, et­wa in sei­nen hin­rei­ßend-wert­vol­len „Young Peop­le’s Con­certs“, die ei­ne Ur­form je­der mo­der­nen Form von „edu­ca­ti­on“ ab­ga­ben, de­rer sich un­se­re Kon­zert­pla­ner mitt­ler­wei­le be­flei­ßi­gen. „Mu­sik – die of­fe­ne Fra­ge“ mit Bern­steins Vor­le­sun­gen an der Har­vard-Uni­ver­si­tät sind noch heu­te die klügs­te, amü­san­tes­te, ori­gi­nells­te Ein­füh­rung in die Welt der Mu­sik. Da spricht ei­ner, der die Din­ge bis ins Letz­te ver­steht, aber die Leu­te an die Hand nimmt. Da­von pro­fi­tier­te so­gar ei­ne ab­ge­brüh­te Bri­ga­de wie die New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker, de­nen Bern­stein als Trai­ner vor­stand. An­sons­ten lieb­te er es, sich im Sprach­raum der Kom­po­nis­ten auf­zu­hal­ten, die er di­ri­gier­te. In Berlin, München und Wi­en war er lie­bend gern zu Gast.

Über­schäu­men­de Kon­takt­freu­de war ty­pisch für Bern­stein. Wenn er di­ri­gier­te, lieb­te er – er um­arm­te Orches­ter und Sän­ger, flir­te­te mit ih­nen, er ver­schwen­de­te sich an sie. Tö­ne schleu­der­te er mit Ju­bel zu den Ge­stir­nen, um sie be­glückt wie­der auf­zu­le­sen. Sei­ne Maß­lo­sig­keit ze­le­brier­te er. Sie war die Kehr­sei­te sei­ner Ge­nau­ig­keit, mit der er Par­ti­tu­ren stu­dier­te und für die Un­kun­di­gen über­setz­te.

Ein we­nig schien es im­mer, als schä­me sich der 1918 in Mas­sa­chu­setts ge­bo­re­ne Sohn emi­grier­ter rus­si­scher Ju­den sei­ner Höchst­be­ga­bung, mit der er schon als Jun­ge al­le Leh­rer und Hoch­schu­len über­rannt hat­te, um sich gleich nach sei­nem sen­sa­tio­nel­len De­büt 1943 in der Car­ne­gie Hall als Uni­ver­sa­list vor­zu­stel­len. Bern­stein konn­te al­les, war aber so be­schei­den, es nie­man­den spü­ren zu las­sen. Len­ny do­zier­te nicht. Er über­zeug­te durch Hin­ga­be. Da­bei konn­te es aber pas­sie­ren, dass ihm sei­ne tö­nen­den Hym­nen, Ge­be­te und Psal­men ein we­nig ge­wal­tig ge­rie­ten. Un­ter sei­nem Takt­stock klang die „Pas­to­ra­le“, als ha­be Beet­ho­ven Mit sei­nem Mu­si­cal „West Si­de Sto­ry“ hat sich Leo­nard Bern­stein der Nach­welt als Kom­po­nist ein­ge­schrie­ben. Ein Füll­horn un­ver­gess­li­cher Me­lo­di­en wird hier von ei­nem im­po­san­ten Team aus­ge­brei­tet (mit Ki­ri Te Ka­na­wa und Jo­sé Car­re­ras in den Haupt­rol­len und dem Ma­e­s­tro am Pult).

DGG/Uni­ver­sal 2 CD 457 1992

So­ny CD 828 76787532 Bern­stein be­wun­der­te den Pia­nis­ten Glenn Gould für die un­or­tho­do­xe Ge­nia­li­tät. Die­se Hal­tung mach­te den fa­mo­sen Live-Mit­schnitt von Brahms’ d-Moll-Kon­zert von 1962 mög­lich: Ei­gent­lich wa­ren ihm Goulds lang­sa­me Tem­pi ein Graus, aber aus Sym­pa­thie ging er auf sie ein. Es lohn­te sich. Bei Mah­ler lief Bern­stein mit­un­ter Ge­fahr, all­zu ex­hi­bi­tio­nis­tisch zu wer­den. Bei der Fünf­ten pas­sier­te das nicht – die Mu­sik ist es be­reits von sich aus. Mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern ist Bern­stein hier ei­ne vir­tu­os-ex­pres­si­ve Re­fe­renz­auf­nah­me ge­lun­gen, die al­le Zei­ten über­dau­ern wird.

DGG/Uni­ver­sal CD 477 6334

FO­TO: WOLF­GANG WIE­SE

Das Le­ben ein Rausch: Leo­nard Bern­stein (1918–1990).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.