Klas­sen­fahrt nach München

Rheinische Post Goch - - Weitsicht -

Fäul­nis vor Rei­fe – so hart hat Fon­ta­ne ein­mal über Preu­ßen ge­ur­teilt. Das Wort kam mir jetzt in den Sinn, als ich mei­ne Notizen über un­se­re letz­te Klas­sen­rei­se durch­ging.

Die ei­ne Hälf­te von uns hat­te da­mals nach Paris fah­ren wol­len, die an­de­re nach Berlin. Brunntha­ler, un­ser Klas­sen­leh­rer, be­stimm­te Ober­bay­ern zum Ziel. Wir fuh­ren sechs St­un­den lang mit dem Bus und lo­gier­ten in ei­ner Ju­gend­her­ber­ge an ei­nem der Se­en. Schon am ers­ten Abend ver­such­ten wir, uns zu be­sau­fen. Die Prei­se in der Ort­spin­te trie­ben uns die Trä­nen in die Au­gen, noch be­vor das der Al­ko­hol be­wir­ken konn­te.

Am an­de­ren Tag brach­te uns der Bus nach München. Wir stan­den vor der mehr­stö­cki­gen Bau­gru­be des St­a­chus und staun­ten: Et­was der­art Gi­gan­ti­sches hat­ten wir noch nie ge­se­hen. Brunntha­ler ließ uns nicht lan­ge gaf­fen, er trieb uns zur Al­ten Pi­na­ko­thek. Er hat­te in München stu­diert und woll­te uns vor al­lem sei­ne ei­ge­nen Bil­dungs­ein­drü­cke na­he brin­gen. Für die meis­ten von uns war es das ers­te gro­ße Mu­se­um über­haupt. Nach ei­nem hal­ben Dut­zend Sä­le fühl­ten wir uns vi­su­ell aus­ge­laugt, war­fen uns er­schöpft auf die Be­su­cher­so­fas oder ent­wi­chen in klei­nen Grup­pen ins Freie.

Dann durf­ten wir drei St­un­den oh­ne Auf­sicht durch München bum­meln. Ich nahm mit ei­nem Freund die Tram­bahn nach Bo­gen­hau­sen. Wir sa­hen uns das Vier­tel an, in dem Tho­mas Mann ge­lebt hat­te. An­schlie­ßend führ­te uns Brunntha­ler im Zen­trum von Kir­che zu Kir­che – mit nie ver­sie­gen­dem Re­de­fluss. End­lich war es Zeit, im „Platzl“ zu Abend zu es­sen. Dort saß man eng ge­presst, beim Han­tie­ren mit dem Be­steck lief man Ge­fahr, mit dem Är­mel So­ße zu schöp­fen.

Tags dar­auf der Hö­he­punkt der Rei­se: die Zug­spit­ze. Da sie bil­li­ger war, nah­men wir die al­te, klapp­ri­ge Seil­bahn auf der Ti­ro­ler Sei­te. Bei der Auf­fahrt ent­roll­te sich das ge­wal­ti­ge Pan­ora­ma der Kal­k­al­pen – doch kaum oben an­ge­kom­men, hüll­ten Wol­ken den Gip­fel ein und ga­ben ihn für die­sen Tag nicht mehr frei. Ei­ne ge­wis­se Ent­schä­di­gung bot Dr. Shas­tri, in­di­scher Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor, der den sei­ner­zei­ti­gen Prä­si­den­ten sei­nes Lan­des Freund und ei­nen frü­he­ren On­kel nann­te. Brunntha­ler de­bat­tier­te St­un­de um St­un­de mit ihm. Un­se­re be­schei­de­nen Geld­bör­sen er­reg­ten den Ver­druss des Per­so­nals. Jetzt pres­sier­te es auf ein­mal: Neu­schwan­stein muss­te auf der Rück­fahrt noch ab­sol­viert wer­den, aber wir sa­hen nichts mehr – es war schon voll­kom­men dun­kel . Noch ein Tag in München. Der Vor­mit­tag war dem Deut­schen Mu­se­um ge­wid­met. An Tech­nik voll­kom­men des­in­ter­es­siert, ent­wich ich mit ei­nem Klas­sen­ka­me­ra­den schon nach fünf Mi­nu­ten. Wir trie­ben uns in der Stadt her­um, fo­to­gra­fier­ten viel – spä­ter stell­te sich her­aus, der Film war im Ap­pa­rat nicht wei­ter­trans­por­tiert wor­den: Fluch der Tech­nik. Zur ver­ein­bar­ten Zeit stell­ten wir uns mit Un­schulds­mie­ne im Ves­ti­bül des Mu­se­ums ein. Dann folg­te als Be­loh­nung und krö­nen­der Ab­schluss der Rei­se ein Wies­nbe­such. Am fünf­ten Tag ging es heim. Ich woll­te am Haupt­bahn­hof und im Bus nach Hau­se et­was Ein­druck schin­den, in­dem ich ver­nehm­lich mit der schon aus­ge­le­se­nen Süd­deut­schen Zei­tung ra­schel­te. Aber kei­ner guck­te her.

FO­TO: DDP/OLI­VER LANG

Se­hens­wür­dig­keit: die Zug­spit­ze lockt Tou­ris­ten an.

Von BERND SCHÄ­FER, Un­fall­sach­be­ar­bei­ter, Bad Be­ven­sen. OPINIO-Nick: Arno Abend­schön.

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