Er­in­ne­run­gen an die Kind­heit

Rheinische Post Goch - - Weitsicht -

Ein ganz nor­ma­ler Dis­coun­ter mit ganz nor­ma­ler War­te­schlan­ge an der Kas­se. Wäh­rend ich ge­lang­weilt war­te, drin­gen Ge­sprächs­fet­zen an mein Ohr. Hin­ter mir steht ei­ne Da­me, die mit ei­nem jun­gen Mann spricht. Sie er­zählt ihm von den Bro­ten, die mit ro­hem Schin­ken be­legt wa­ren und die von der Mut­ter lie­be­voll vor­be­rei­tet wur­den.

„Sie hat den Schin­ken mit ei­nem Mes­ser vor­ge­schnit­ten. Im­mer ein paar Schnit­te quer und ein paar längs. So konn­te man ins Brot bei­ßen, oh­ne dass man gleich den gan­zen Schin­ken mit run­ter­ge­zo­gen hat.“

Und dann ha­be ich die­ses Grin­sen im Ge­sicht und das Lä­cheln an Dich im Herz. Denn das ken­ne ich auch. Und dann sagt sie noch: „Weißt du was das war?“ Er ent­geg­net: „Faul­heit?“ „Nein“, und sie lä­chelt, „das war Lie­be.“

In Se­kun­den­bruch­tei­len hab ich die­sen Flash – ab in die Kind­heit. Ich se­he Dich vor mir, mit Dei­ner Tas­se Kaf­fee und dem But­ter­brot aus Weiß­brot und Schwarz­brot mit dick But­ter drauf. Ich se­he Dich mit dem Hund zu Dei­nen Fü­ßen und dem Pa­pa­gei auf der Stuhl­leh­ne und ich hö­re Dich, wie du mich be­grüßt: „Kind, schön dass du da bist.“ Ich hab sie vor mir – die Stri­che ne­ben dem Tür­rah­men, die do­ku­men­tier­ten dass ich, wenn auch lang­sam, wuchs.

Ich se­he die al­ten Flie­sen, die an ei­ner Stel­le falsch ver­legt wa­ren, und wir bei­de ha­ben im­mer auf die­sen win­zi­gen Fleck im lan­gen Flur ge­schaut. Nie­mand an­de­rem fiel es auf, aber wir wuss­ten es. Ich se­he Dich la­chen, als ich die Wä­sche fas­sungs­los be­trach­te, die du mit ei­ner ro­ten So­cke in ba­by­ro­sa ein­färb­test um mir dann zu er­klä­ren, dass das sehr mo­dern wä­re. Und ich hö­re Dich noch, wie Du am Te­le­fon plötz­lich Dei­ne Stim­me ver­stell­test, weil ir­gend­wer Dich an­rief, um Dir ir­gend­was an­zu­bie­ten, was Du nicht woll­test. „Isch nur Putz­frau. Frau nicht da.“

Dei­ne Brat­kar­tof­feln – die­sen Ge­ruch wer­de ich nie ver­ges­sen und Dein Re­zept für den Sau­er­bra­ten hast Du mit­ge­nom­men. Ich se­he Dich, wenn du lach­test, und auch den Kum­mer in den Au­gen, den ich Dir be­rei­tet ha­be, und um den es mir heu­te un­end­lich leid tut. Nur Se­kun­den und ein Teil mei­nes Le­bens rennt an mir vor­bei. Und ab heu­te schnei­de ich für mei­ne Lie­ben auch den ro­hen Schin­ken in klei­ne Qua­dra­te. Das ist näm­lich Lie­be, an die man sich 40 Jah­re spä­ter noch er­in­nert. Ganz plötz­lich – mit­ten in ei­nem Dis­coun­ter.

Von NICOLE KRÜGER (44), Arzt­hel­fe­rin aus Mön­chen­glad­bach. OPINIO-Nick: Ni­ciK­rü­ger.

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