Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman -

ben dem La­da und dem Schrott­au­to kein Platz mehr für ihn ist. Vier Män­ner, al­le­samt grin­send wie die Ho­nig­ku­chen­pfer­de, klet­tern her­aus. Sie un­ter­hal­ten sich in fröh­li­chem Kau­der­welsch, und ich se­he vom Fens­ter aus, wie Va­ter die Ar­me in die Luft wirft, als er den La­da auf sei­nem Ra­sen ste­hen sieht. Er winkt Du­bov zu sich her­an, um ihm ir­gend­wel­che tech­ni­schen Ei­gen­hei­ten dar­an zu er­klä­ren, doch Du­bov scheint sich mehr da­für zu in­ter­es­sie­ren, wo sei­ne Be­sit­ze­rin ab­ge­blie­ben ist. Eric Pi­ke hält Mi­ke am Ell­bo­gen fest, wäh­rend er mit der an­de­ren Hand hef­tig ges­ti­ku­liert. Dann sind sie aus mei­nem Blick­feld ver­schwun­den, und ich hö­re sie un- ten in die Die­le und ins Wohn­zim­mer stür­men.

Und schlag­ar­tig herrscht ab­so­lu­te Stil­le, so plötz­lich, als hät­te je­mand den Ton aus­ge­schal­tet. Nichts ist zu hö­ren. Bis in die­se Stil­le Va­len­ti­nas Stim­me hin­ein­tönt: „Va­ter von Ba­by ist mein Mann Ni­ko­lai.”

Als ich hin­un­ter­kom­me, sind al­le im Wohn­zim­mer ver­sam­melt. Va­len­ti­na, die auf­recht wie ei­ne Kö­ni­gin auf dem bei­gen Ses­sel an der Stirn­sei­te des Raums thront, hat sie al­le im Blick.

Du­bov und Pa­pa sit­zen ne­ben­ein­an­der auf dem Zwei­sit­zer­so­fa, Pa­pa strahlt, Du­bov hat den Kopf in den Hän­den ver­gra­ben. Eric Pi­ke kau­ert auf dem Sche­mel am Fens­ter und starrt al­le fins­ter an. Mi­ke steht in der Ecke hin­ter dem So­fa. Er legt mir ei­nen Arm um die Schul­ter, als ich mich ne­ben ihn stel­le.

„Mo­ment mal, Va­len­ti­na”, sa­ge ich. „Von Oral­sex kann man aber nicht schwan­ger wer­den.”

Sie wirft mir ei­nen ver­nich­ten­den Blick zu. „Wie­so du ken­nen Oral­sex?” „Al­so, je­den­falls . . .” „Na­dia, bit­te!”, un­ter­bricht Va­ter mich auf Ukrai­nisch.

„Va­len­ka, Liebs­te”, sagt Du­bov zärt­lich. „Vi­el­leicht, als du letz­tes Mal in der Ukrai­ne warst . . .? Ich weiß ja, dass es schon lan­ge her ist, aber in der Lie­be gibt es doch auch Wun­der. Vi­el­leicht hat die­ses Ba­by auf un­se­ren neu­en Bund ge­war­tet . . .”

Va­len­ti­na schüt­telt den Kopf. „Un­mög­lich.” Ih­re Stim­me zit­tert ein we­nig.

Eric Pi­ke sagt gar nichts. Aber ich se­he, dass er ver­stoh­len an den Fin­gern ab­zählt.

Auch Va­len­ti­na stellt Be­rech­nun­gen an. Ih­re Au­gen wan­dern von Du­bov zu mei­nem Va­ter und dann wie­der zu­rück zu Du­bov, doch ihr Ge­sicht bleibt aus­drucks­los.

In die­sem Mo­ment wer­den drau­ßen Schrit­te laut, und dann klin­gelt es en­er­gisch an der Tür. Sie ist nicht ab­ge­schlos­sen.

Se­kun­den spä­ter stürzt der kah­le Ed, ge­folgt von Sta­nis­lav, ins Zim­mer. Ed drängt sich zu Va­len­ti­nas Ses­sel durch, Sta­nis­lav bleibt an der Tür ste­hen, den Blick fest auf Du­bov ge­rich­tet, lä­chelt und blin­zelt ge­gen Trä­nen an. Du­bov winkt ihn zu sich her, macht ihm, in­dem er ein we­nig nä­her an Va­ter her­an­rutscht, ei­nen Platz ne­ben sich auf dem So­fa frei und legt ihm ei­nen Arm um die Schul­ter.

(Fort­set­zung folgt) © 2006 dtv München; aus dem Eng­li­schen von El­fi Har­ten­stein

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