Tho­mas Pyn­chons coo­le Kif­fer

Der 73-jäh­ri­ge Au­tor, der sich nicht fo­to­gra­fie­ren lässt, ist mit ei­nem neu­en Buch zur Stel­le: „Na­tür­li­che Män­gel“. Der be­kann­tes­te Un­be­kann­te der US-Post­mo­der­ne hat ei­ne kar­ne­val­es­ke Par­odie auf das Gen­re Kri­mi­nal­ro­man ge­schrie­ben, doch wirkt das Buch wi

Rheinische Post Goch - - Blickpunkt Kultur - VON MAR­TIN HAL­TER

16 Jah­re la­gen zwi­schen den „En­den der Pa­ra­bel“ und „Vi­ne­land“, neun zwi­schen „Ma­son & Di­xon“ und „Ge­gen den Tag“. Jetzt, nur vier Jah­re nach Tho­mas Pyn­chons letz­tem gro­ßen Streich, kommt schon wie­der ei­ne neue „Hip­pie­pha­nie“ vom be­kann­tes­ten Un­be­kann­ten der US-Post­mo­der­ne: Pyn­chon macht es auf sei­ne al­ten Ta­ge im­mer schnel­ler, kür­zer und gnä­di­ger.

„Na­tür­li­che Män­gel“, so der deut­sche Ti­tel von „In­herent Vice“ (ei­nem Be­griff aus dem See­recht), ist mit knapp 500 Sei­ten schma­ler und zu­gäng­li­cher als al­le Pyn­chonRo­ma­ne. Es geht dies­mal um kom­pli­zier­te Grund­stücks­spe­ku­la­tio­nen und kor­rup­te Cops in Los An-

Christ­li­che Sur­fer, Zen-Ex­or­zis­ten, Zom­bies und

ver­welk­te Blu­men­kin­der

ge­les. Pyn­chons Schnüff­ler er­in­nern an den leicht ver­trot­tel­ten Kif­fer aus „The Big Le­bow­ski“: Lar­ry „Doc“ Spor­tel­lo ist ein Lo­ve-an­dPe­ace-Hip­pie. Der Jo­int des De­tek­tivs geht nie aus, aber für ein hart­ge­sot­te­nes Pri­va­te Eye ist Doc ziem­lich blind, weich und sanft­mü­tig.

„Na­tür­li­che Män­gel“ spielt, wie schon „Vi­ne­land“, ge­gen En­de der „psy­che­de­li­schen Sech­zi­ger, die­ser klei­nen Pa­ren­the­se aus Licht“. Charles Man­son hat den Blu­men­kin­dern ge­ra­de ih­re Un­schuld ge­raubt. Der Sum­mer of Lo­ve ist vor­bei, die Ge­gen­kul­tur be­reits in­fil­triert, ge­kauft und zer­setzt von FBIA­gen­ten, har­ten Dro­gen und po­li­ti­schem Op­por­tu­nis­mus. Um­so grel­ler leuch­ten die letz­ten Sei­fen­bla­sen und Schaum­kro­nen der Gro­ßen Wel­le: Pyn­chons Fi­gu­ren – christ­li­che Sur­fer, Zen-Ex­or­zis­ten, Zom­bies, He­xen und ver­welk­te Blu­men­kin­der – tra­gen so psy­che­de­li­sche Na­men wie Saun­cho Smi­lax, Sledge Po­teet, Tso Broc­co­li, Tril­li­um Fort­night oder Scott Oof und ha­ben durch­weg schwe­re Ma­cken.

Wie im­mer be­schwört Pyn­chon mit spür­ba­rer Er­zähl­lust ei­ne Par­al­lel­welt von – zu­meist selbst er­fun­de­nen – Co­mics, Fern­seh­se­ri­en, B-Fil­men und gut ge­laun­ten Pop­songs. Mit Macht zieht es ihn in die gu­te al­te Zeit zu­rück, als Sex, Dro­gen und Rock ’n’ Roll noch für good vi­bra­ti­ons stan­den und ein rech­ter Hip­pie we­der Tod noch Teu­fel (und schon gar nicht Kli­ma­wan­del, Klin­gel­tö­ne oder Face­book-Freun­de) fürch­te­te.

Was Doc Spor­tel­lo so treibt, ver­rät schon das Schild auf sei­ner Bü­ro­tür: LSD wie „Lo­ka­li­sie­rung, Si­cher­heits­checks, De­tek­tei“. Zu- ge­dröhnt von Su­per-Gras, si­nis­tren Cock­tails und sei­ner na­tür­li­chen Gut­mü­tig­keit, schä­kert der Schnüff­ler mit sei­ner Se­kre­tä­rin, bis nach den Re­geln des Gen­res ei­ne Femme fa­ta­le bei ihm auf­taucht und ihm ei­nen Auf­trag zu­schanzt, der über sei­ne be­schei­de­nen Kif­fer­kräf­te geht. Shas­ta, Docs al­te Ge­lieb­te, ver­misst ih­ren Lieb­ha­ber, den Im­mo­bi­li­en­hai Mi­ckey Wolf­man. Na­tür­lich ist der Fall schier un­lös­bar. Nicht nur, weil Doc ei­nen Groß­teil sei­nes Ver­stan­des in der Pfei­fe ge­raucht hat. Die Fron­ten zwi­schen Tä­tern und Op­fern, staat­li­chen An­ti­sub­ver­si­ons­feld­zü­gen und Un­der­ground sind längst durch­läs­sig und un­über­sicht­lich ge­wor­den. Am En­de weiß nicht nur Doc nicht mehr, für was und für wen er ei­gent­lich ar­bei­tet und in wel­cher Ge­schich­te er sich ge­ra­de be­fin­det. Ist ei­ne „Bong-User-Re­vo­lu­ti­ons­bri­ga­de“ sub­ver­si­ver als ein Lä­chel­pfle­ge­work­shop mit pä­do­phi­len Zahn­ärz­ten? Wolf­man ist of­fen­bar in ei­ner Hip­pie-Kom­mu- ne un­ter­ge­taucht und hat sich dort zum Phil­an­thro­pen ge­läu­tert. Sei­ne Leib­wäch­ter pfle­gen gu­te Be­zie­hun­gen zur Un­ter­welt und zum FBI, aber auch zu Black Pan­ther und schwu­len Neo­na­zis. Docs Freun­din Pen­ny ist Staats­an­wäl­tin, Coy, der un­to­te Sur­fer-Sa­xo­no­phist, ent­puppt sich als Agent pro­vo­ca­teur der rechts­ra­di­ka­len „Ka­li­for­ni­en, er­wa­che“-Be­we­gung. Da­für ist der Ober­bul­le gar nicht so übel: Big­food Bjorn­sen, selbst­er­nann­ter „Re­nais­sance-Cop“, gna­den­lo­ser Hip­pie­jä­ger und Samm­ler von St­a­chel­draht, ge­fro­re­nen Ba­na­nen und Wild­west­klim­bim, wird rich­tig sen­ti­men­tal, als Doc ihm den Schnurr­bart­be­cher Wyatt Earps als Ver­söh­nungs­ge­schenk an­bie­tet.

Pyn­chon, he­do­nis­tisch ent­spannt wie sel­ten, zün­det ein mun­te­res Feu­er­werk von Slap­stick, Gags und ha­ne­bü­che­ner „Hip­pie­m­e­ta­pyh­sik“. Am En­de, nach­dem er et­li­che Schur­ken be­kehrt, Fa­mi­li­en zu­sam­men­ge­führt und sei­ne El­tern mit Ma­ri­hua­na ver­sorgt hat, ver­schwin­det sein Held sin­gend in Nacht und Ne­bel. Aber der al­te Zau­ber wirkt nur noch be­dingt: Auf die Dau­er er­mü­den die Kif­fer­witz­chen und der bun­te Flo­wer-Po­wer-Fum­mel doch.

„Na­tür­li­che Män­gel“ ist vor al­lem ei­ne kar­ne­val­es­ke Gen­re­par­odie, ei­ne Art Chand­ler mit Ha­waii­hemd, Schnurr­bart und Schlag­ho­sen, um ei­ni­ge von Docs Tarn­kos­tü­men zu er­wäh­nen: Ein coo­ler Kif­fer tau­melt von ei­ner Bre­douil­le in die nächs­te und zieht sich an der ei­ge­nen Afro­look-Pe­rü­cke aus dem Sumpf von mo­ra­li­scher Ver­su­chung und po­li­ti­schem Ver­rat. Aber am En­de wir­ken die Bil­der, Sprü­che und Co­mic-Fi­gu­ren doch so un­wirk­lich und flüch­tig wie Dro­gen­hal­lu­zi­na­tio­nen.

Nicht dass „Na­tür­li­che Män­gel“ ein schlech­ter Trip wä­re; das Pyn­chon-De­chif­frier­syn­di­kat wird wie­der viel Freu­de an den (von Ni­ko­laus Stingl ge­wohnt meis­ter­lich über­setz­ten) Ge­heim­codes und An­spie­lun­gen ha­ben. Aber die Zeit ist nicht nur über Doc Spor­tel­lo hin­weg­ge­gan­gen, son­dern auch über die fröh­li­che Ver­schwö­rungs­theo­ri­en Pyn­chons.

Was sie ein­mal sub­ver­siv und vi­sio­när mach­te, ist heu­te ihr na­tür­li­cher Man­gel: Ver­gli­chen mit den ähn­lich bi­zar­ren, aber tie­fer grün­den­den Wahn­wel­ten ei­nes Da­vid Fos­ter Wal­lace wirkt Pyn­chons „Wirk­lich­keits­ver­wei­ge­rung“ heu­te wie der kind­li­che Scha­ber­nack ei­nes un­ver­bes­ser­li­chen Al­thip­pies.

FO­TO: WARNER

Wood­stock, 1969 – in der Welt der Hip­pies spielt auch Tho­mas Pyn­chons jüngs­ter Ro­man.

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