Hal­be Wahr­heit über Suhr­kamp

Rheinische Post Goch - - Blickpunkt Kultur - VON FRANK DIETSCHREIT

Hein­rich Glück hat in Wi­en ei­nen klei­nen Ver­lag. Bei ihm er­schei­nen vor al­lem ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ge Ly­ri­ke­rin­nen. Gern schläft der al­te Pa­tri­arch auch mit sei­nen Dich­te­rin­nen. Ir­gend­wann lässt er sich von sei­ner ers­ten Gat­tin schei­den, um die ex­zen­tri­sche Dag­mar zu ehe­li­chen, ei­ne jun­ge Künst­le­rin mit dem Hang zu Mys­tik und Eso­te­rik. Nach dem Tod des Ver­le­gers schreibt Dag­mar nicht nur ein ziem­lich pein­li­ches Buch über das Ster­ben ih­res Man­nes, son­dern reißt auch die Ge­schäf­te an sich, ver­grault Mit­ar­bei­ter und Au­to­ren. Nur Ver­lags­lek­tor Wil­fried wei­gert sich, nach Dag­mars Pfei­fe zu tan­zen und lehnt es ab, ih­re ge­schön­ten Er­in­ne­run­gen an den ver­stor­be­nen Ver­le­ger zu be­treu­en. Wil­fried ver­liert sei­nen Job und rächt sich: Er schreibt ei­nen Ro­man über die fu­ri­en­haf­te Dag­mar und dar­über, dass die um­trie­bi­ge Ver­le­ge­rin ih­re Sicht der Din­ge im­mer für „Die gan­ze Wahr­heit“ hält.

Ei­ne net­te und un­ter­halt­sa­me Ge­schich­te hat Nor­bert Gst­rein da ge­schrie­ben. Aber sein Buch ist doch bei­lei­be nicht der gro­ße Li­te­ra­turskan­dal ge­wor­den, auch nicht die all­seits er­war­te­te, bit­te­re Abrech­nung mit der Un­seld-Wit­we und Suhr­kamp-Er­bin Ul­la Un­sel­dBer­kéwicz. Nor­bert Gst­rein, einst von Sieg­fried Un­seld ent­deckt und vä­ter­lich ge­för­dert, hat­te es an­de­ren Au­to­ren gleich­ge­tan (zum Bei­spiel Muschg und Wal­ser) und nach dem Tod des Ver­le­gers das Suhr­kamp-Im­pe­ri­um im Zorn ver­las­sen. Wer jetzt ge­hofft ha­ben mag, Gst­rein wür­de in sei­nem Ve­xier­spiel aus Fak­ten und Fik­tio­nen Ein­bli­cke in die Ab­grün­de des Ver­lags­me­tiers ge­wäh­ren und et­was über das Ver­lags­ge­ba­ren im Hau­se Suhr­kamp ent­hül­len, wird ent­täuscht. Der an­ge­kün­dig­te Skan­dal ent­puppt sich als Sturm im Was­ser­glas. Das liegt auch an der Ver­schie­bung der Aus­gangs­la­ge. Aus dem Frank­fur­ter Li­te­ra­tur­gi­gan­ten Suhr­kamp ei­nen Wie­ner Klein­ver­lag zu ma­chen hat et­was Pie­fi­ges. Als Le­ser fragt man sich: War­um all die Auf­re­gung über ei­nen un­be­deu­ten­den Ly­rik-Lieb­ha­ber? Und was in­ter­es­sie­ren uns die ver­schro­be­nen Ge­dan­ken ei­ner Wit­we, die sich ei­ne jü­di­sche Groß­mut­ter er­fin­det und mys­ti­sche Ri­tua­le fei­ert?

Die gan­ze Wahr­heit ist doch wohl, dass Ul­la Un­seld-Ber­kéwicz, die im Al­lein­gang den Ver­lags-Um­zug von Frank­furt nach Berlin vor­an­ge­trie­ben hat, im Kul­tur­be­trieb viel ein­fluss­rei­cher und mäch­ti­ger ist, als uns Gst­reins eben­so hei­te­re wie harm­lo­se Pro­sa weis­ma­chen will.

Na­tür­lich kann Gst­rein gut er­zäh­len und sei­ne Fi­gu­ren psy­cho­lo­gisch auf­la­den. „Üb­er­leb­nis“, der 2008 ver­öf­fent­lich­te Be­richt der Un­seld-Wit­we über das Ster­ben ih­res Gat­ten, ist von der ge­sam­mel­ten Kri­ti­ker-Zunft be­reits kopf­schüt­telnd be­lä­chelt und ver­ris­sen wor­den. Wenn Gst­reins Al­ter Ego Wil­fried die bi­zar­re Schrift noch ein­mal durch den Ka­kao zieht, reicht das vi­el­leicht für ei­ne hu­mor­vol­le Li­te­ra­tur­sa­ti­re. Für ei­nen gro­ßen Schlag ist das aber al­les viel zu klein. Info Nor­bert Gst­rein: „Die gan­ze Wahr­heit“. Han­ser, 304 Sei­ten, 19,90 Eu­ro

FO­TO: DDP

Dies­mal nur harm­lo­se Pro­sa: Au­tor Nor­bert Gst­rein

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