Ein feh­len­des Bild und das Ge­heim­nis des Va­ters

Rheinische Post Goch - - Blickpunkt Kultur - VON MA­THI­AS SCHNITZ­LER

Pe­dro Mai­ral sitzt zwi­schen den Stüh­len, und es geht ihm gut da­bei. Er will nicht ins Bild pas­sen, das man sich in Eu­ro­pa von der Li­te­ra­tur Ar­gen­ti­ni­ens macht. 1970 in Bu­e­nos Ai­res ge­bo­ren, schreibt Mai­ral kei­ne po­li­ti­schen Ro­ma­ne, wie es die meis­ten sei­ner Kol­le­gen tun, die die­sen Herbst auf der Buch­mes­se in Frank­furt ver­tre­ten sind. An­de­rer­seits ist er ge­nau­so we­nig ein Nach­fah­re von Bor­ges und Cor­tázar, den Meis­tern der fan­tas­ti­schen Fik­ti­on. Sein 2002 in Deutsch­land er­schie­ne­ner Ro­man „Ei­ne Nacht mit Sa­b­ri­na Lo­ve“ wur­de in Frank­reich zu­nächst ab­ge­lehnt, weil es ihm an Po­li­tik und ma­gi­schem Rea­lis­mus feh­le. Das neue Buch aber ist mit Ab­stand das Bes­te, was Mai­ral bis­her ge­schrie­ben hat. „Das feh­len­de Jahr des Juan Sal­va­tier­ra“ han­delt von ei­nem ei­gen­wil­li­gen Künst­ler, der ab­ge­schie­den in ei­nem Dorf auf der ar­gen­ti­ni­schen Sei­te des Rio de la Pla­ta lebt und sein Le­ben lang an ei­nem gi­gan­ti­schen Werk ar­bei­tet: Am En­de misst es vier Ki­lo­me­ter.

Das Rät­sel die­ses ein­zig­ar­ti­gen Bil­des aber ent­de­cken nach dem Tod des Ma­lers erst sei­ne bei­den Söh­ne – auf dem an­de­ren Ufer des Flus­ses in Uru­gu­ay. Im Al­ter von neun Jah­ren stürzt Sal­va­tier­ra vom Pferd, seit­dem spricht er nicht mehr. Bald dar­auf be­ginnt er zu ma­len, 60 Jah­re lang bis zu sei­nem Tod.

Es wird ein ein­zi­ges, schier end­lo­ses Bild zum The­ma Fluss und Le­ben. Fest­ge­hal­ten ist die­ses Bild auf ge­wal­ti­gen Lein­wan­d­rol­len. Je­de Rol­le, schwer wie ein Mensch, re­prä­sen­tiert ein Jahr. Als der Ma­ler stirbt, kennt ihn au­ßer­halb sei­nes Dor­fes kaum je­mand. Ei­ner der bei­den Söh­ne, der me­lan­cho­li­sche Er­zäh­ler Mi­guel, will sich um das Er­be küm­mern und dem Werk die ihm zu­ste­hen­de Gel­tung ver­schaf­fen. Der äl­te­re Sohn, der stets un­ter der Om­ni­prä­senz des Va­ters litt, möch­te sein ei­ge­nes Le­ben füh­ren und die To­ten ru­hen las­sen.

Nach Aus­ein­an­der­set­zun­gen rau­fen sich die Brü­der zu­sam­men und sto­ßen auf et­was Merk­wür­di­ges. Ei­ne Rol­le fehlt, es han­delt sich um das Jahr 1961. Was ist da­mals ge­sche­hen? Wo ist das feh­len­de Bild? Mi­guel und Luiz ma­chen sich auf die Su­che und ent­de­cken das Ge­heim­nis ih­res Va­ters, wel­ches das Le­ben der gan­zen Fa­mi­lie auf den Kopf stellt. Ein Ge­heim­nis, das mit Lie­be, Lei­den­schaft und den Lü­gen des Le­bens zu tun hat. Info Pe­dro Mai­ral: „Das feh­len­de Jahr des Juan Sal­va­tier­ra“. Aus dem Spa­ni­schen von Dag­mar Ploetz. Han­ser, 140 Sei­ten, 14,90 Eu­ro

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