Das Du­ell der Rock-Gi­gan­ten

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen und Her­bert Grö­ne­mey­er be­spie­len kurz hin­ter­ein­an­der deut­sche Kon­zert­hal­len. Da­bei bie­ten sie vor al­lem ei­ne Rei­se in die Ver­gan­gen­heit. Künst­le­risch Weg­wei­sen­des brin­gen bei­de kaum noch zu­stan­de.

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON JÖRG ISRINGHAUS

DÜSSELDORF Es geht vor al­lem um gro­ße Ge­füh­le. Um Ro­man­tik. Um Il­lu­sio­nen. „Ich bin wie­der hier“, raunzt Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen mit le­bens­rau­er Stim­me und setzt die Zeit­ma­schi­ne in Gang. Kei­nen küm­mert’s, dass der Pfef­fer­minz-Prinz mitt­ler­wei­le 61 ist, so­lan­ge er nur die al­ten Gas­sen­hau­er singt. Wes­tern­ha­gen weiß, was sein Pu­bli­kum will und be­dient es auf sei­ner ers­ten Tour seit sechs Jah­ren, die ihn ab Sams­tag nach Köln führt. Rock als Nost­al­gie-Show, das be­herrscht auch der zwei­te deut­sche Pop-Groß­mo­gul aus dem Eff-eff: Her­bert Grö­ne­mey­er, 54, tourt im Früh­jahr 2011, und auch er wird zehn­tau­sen­de Feu­er­zeu­ge zum Leuch­ten brin­gen. Wes­tern­ha­gen und Grö­ne­mey­er sind im­mer noch die bei­den Ho­he­pries­ter des deut­schen Rock/Pop – ob­wohl sie künst­le­ri­schen Still­stand pre­di­gen.

Die Markt-Of­fen­si­ve der zwei mit­tel­al­ten Mu­si­ker mag zu­fäl­lig sein, weist aber ku­rio­se Par­al­le­len auf. Wes­tern­ha­gen tritt in zehn, Grö­ne­mey­er in elf deut­schen Städ­ten auf (al­ler­dings in deut­lich grö­ße­ren Hal­len). Wes­tern­ha­gen lie­fert ei­ne DVD-Au­to­bio­gra­phie ab, Grö­ne­mey­er liest „Das Boot“ ein, als Au­dio Blu Ray und Dop­pel-CD. Bei­de schau­en zu­rück, der ei­ne auf sein Le­ben, der an­de­re auf sei­nen größ­ten Fil­mer­folg, der auch sei­ne Mu­si­ker-Kar­rie­re kräf­tig an­kur­bel­te. Das Ge­schäft der bei­den Rock’n’Rol­ler be­steht mitt­ler­wei­le dar­in, die Ver­gan­gen­heit zu ver­mark­ten – und als klei­ne Flucht aus der Ge­gen­wart zu ver­kau­fen.

Wäh­rend die al­ten Hits das gro­ße Geld ein­fah­ren, pflegt das un­glei­che Ge­spann, das sich aus der Dis­tanz ge­gen­sei­tig höf­lich be­lä­chelt, sei­ne mu­si­ka­li­schen Bio­to­pe. Her­aus kommt künst­le­ri­sche Klein­gärt­ne­rei: Grö­ne­mey­er be­sitzt schon lan­ge sei­ne ei­ge­ne Plat­ten­fir­ma, Grön­land, und züch­tet ei­ge­ne Band-Ge­wäch­se von un­ter­schied­li­chem Ge­wicht. Wes­tern­ha­gen hat sich vom Me­di­en­rie­sen Warner ge­trennt und sein letz­tes Al­bum im Al­lein­gang ver­öf­fent­licht. „Wil­li­ams- burg“ lie­fert aber nur ei­ne selbst­ge­fäl­li­ge Rei­se in den Blues und da­mit Ein­bli­cke in die Hob­bys ei­nes sa­tu­rier­ten Mu­si­kers. Grö­ne­mey­er kom­po­nier­te zu­letzt die Ruhr­ge­biets­hym­ne „Komm zur Ruhr“, ein fa­des Re­vier-Sing­spiel.

Um die Kas­sen zu fül­len, bleibt nur der Blick zu­rück. Wes­tern­ha­gen be­stückt zwei Drit­tel des Kon­zerts mit al­ten Hits, Grö­ne­mey­er schreibt sich, wie er ver­riet, vor­sichts­hal­ber die Re­frains von „Mensch“ aufs Key­board. Man weiß ja nie. Statt im Re­tro-Rausch zu ba­den, wä­re es auf­re­gend, die Pop-Gi­gan­ten mit der jun­gen und wil­den Mu­sik­sze­ne in­ter­agie­ren zu se­hen. Udo Lin­den­berg, ein wei­te­res Rock-Re­likt, hat mit sei­ner letz­ten Plat­te ge­zeigt, wie sich der ei­ge­ne Stil in­no­va­tiv auf­hüb­schen lässt, oh­ne al­te Fans zu ver­prel­len.

Vi­el­leicht lähmt die­se Ge­fahr aber auch die Krea­ti­vi­tät – denn Er­folg ver­pflich­tet und zwingt zur Wie­der­ho­lung des Ewigg­lei­chen. Am En­de wol­len die Fans im­mer das­sel­be se­hen. Ei­nen dün­nen He­ring, ei­nen zap­pe­li­gen Hecht: Gro­ße Ge­füh­le! Ro­man­tik! Il­lu­sio­nen!

FO­TO: OLE WIN­TER

Ver­öf­fent­licht im Fe­bru­ar ein neu­es Al­bum: Her­bert Grö­ne­mey­er

FO­TO: DAPD

Zur­zeit auf Tour­nee: Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen

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