Wes­tern­ha­gens Bio­gra­fie als Film

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜSSELDORF In der schöns­ten Sze­ne die­ser Do­ku­men­ta­ti­on sitzt der jun­ge Wes­tern­ha­gen mit sei­ner Mut­ter da­heim in der Düs­sel­dor­fer Hee­sen­stra­ße auf dem So­fa ne­ben dem Weih­nachts­baum. Im Fern­se­her läuft ein Auf­tritt der Beat­les, und die Ma­ma sagt: „Das soll Mu­sik sein? Die se­hen ja aus wie Mäd­chen.“ Dar­auf der Sohn sehr si­cher und kühl: „Die­se Mu­sik wird Ge­schich­te ma­chen.“ Sol­che fla­ckern­den Vi­deo­film­chen aus dem Fa­mi­li­en­schatz zeich­nen die Bio­gra­fie „Zwi­schen den Zei­len“ aus.

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen hät­te sei­ne Le­bens­ge­schich­te als Buch ver­öf­fent­li­chen kön­nen, er ent­schied sich in­des für be­weg­te Bil­der, und das ist gut. Auf drei DVDs er­zählt er nun ei­ne per­sön­li­che His­to­rie der Bun­des­re­pu­blik, die Haupt­fi­gur ist ein dün­ner He­ring, der bei Frau­en gut an­kommt und des­halb den Spitz­na­men „Lie­bes­kas­per“ trägt. Wes­tern­ha­gens Freun­de von da­mals, sei­ne Weg­ge­fähr­ten und Kol­le­gen er­in­nern sich vor der Ka­me­ra: Air-Berlin-Chef Joa­chim Hu­nold, Pu­bli­zist Man­fred Bis­sin­ger, Ka­me­ra­mann Michael Ball­haus, Re­gis­seur Jür­gen Flimm. Sie steu­ern Schnur­ren bei, be­rich­ten von der Ge­wohn­heit der Mu­si­ker von Wes­tern­ha­gens Band Ha­ra­ki­ri Whoom, nach Auf­trit­ten beim Hüh­ner Hu­go in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt zu es­sen. Das Lokal hat­te bis drei Uhr nachts ge­öff­net, und der To­ast Ha­waii kos­te­te nur 3,50 Mark.

Die al­ten Schau­plät­ze wer­den be­sucht, und als Wes­tern­ha­gen an der frü­he­ren Woh­nung der El­tern klin­gelt, um sein Kin­der­zim­mer noch ein­mal zu se­hen, er­schrickt die neue Mie­te­rin und sagt: „Sie sind der Held mei­ner Kind­heit.“ Da ist der Künst­ler ehr­lich ge­rührt; der Zu­schau­er kommt ihm nah.

Wes­tern­ha­gen spiel­te be­reits mit 15 in Fil­men mit, kurz nach­dem sein Va­ter, En­sem­ble-Mit­glied un­ter Gründ­gens am Schau­spiel­haus, ge­stor­ben war. 1973 ver­ließ er Düsseldorf Rich­tung Ham­burg, und dort zog er in ei­ne Wohn­ge­mein­schaft mit Ot­to Waal­kes und Udo Lin­den­berg. Drei we­nig be­ach­te­te Al­ben lang ließ ihn sei­ne Plat­ten­fir­ma aus­pro­bie­ren, Ge­le­gen­heit, den Stil zu fin­den – dann kam 1978 „Mit Pfef­fer­minz bin ich dein Prinz“ und ver­kauf­te sich zwei Mil­lio­nen Mal. So ging es los. Elf Jah­re spä­ter wird sein Al­bum „Hal­le­lu­ja“ das ers­te sein, das aus dem Stand Platz eins der deut­schen Charts er­reicht.

An die­sem Punkt ver­liert der Film sei­nen Charme. Er wird all­zu ernst und schwer wie Wes­tern­ha­gens Po­sen und Bot­schaf­ten seit je­ner Zeit. Die Ka­me­ra hetzt ihm auf den ge­wal­ti­gen Bühnen der Are­nen hin­ter­her – und be­kommt den Men­schen doch nicht mehr zu fas­sen.

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