Der längs­te Bahn­tun­nel der Welt

Heu­te wird die 57 Ki­lo­me­ter lan­ge Oströh­re im Gott­hard- Ba­sis­tun­nel in der Schweiz durch­ge­sto­ßen. Spä­tes­tens 2017 sol­len hier täg­lich bis zu 300 Zü­ge fah­ren – und die Stra­ßen merk­bar ent­las­ten.

Rheinische Post Goch - - Gesellschaft - VON ANDRE­AS BUCH­BAU­ER

SE­DRUN Es wird der bis­her wich­tigs­te Schritt zur Voll­en­dung des größ­ten In­fra­struk­tur­pro­jekts in Eu­ro­pa: Mehr als zehn Jah­re ha­ben 2500 Men­schen an der Un­ter­tun­ne­lung des Gott­hards ge­ar­bei­tet, vor­sich­tig, von ver­schie­de­nen Stel­len des Ber­ges aus, stets im Kampf ge­gen die Na­tur­kräf­te. Acht Men­schen ver­lo­ren ihr Le­ben bei der Ar­beit am Ba­sis­tun­nel, der heu­te Mit­tag um 13 Uhr sei­ne fi­na­le Län­ge von 57 Ki­lo­me­tern er­rei­chen wird: Mit dem von ei­nem Fest­akt be­glei­te­ten Durch­bruch der Oströh­re wird der Gott­hard-Tun­nel zum längs­ten Ei­sen­bahn­tun­nel der Welt.

Bis zu 300 Schnell-und Gü­ter­zü­ge sol­len spä­tes­tens ab 2017 täg­lich mit bis zu 250 km/h durch den aus­ge­bau­ten Ba­sis­tun­nel rau­schen. Zwei Röh­ren wer­den dann Erst­feld im Ur­ner Tal­bo­den und Bo­dio im Tes­sin ver­bin­den. Die Zug­fahrt von Zü­rich nach Mailand soll sich um ei­ne St­un­de ver­kür­zen. „Neue Al­pen­trans­ver­sa­le“ („Neat“) nen­nen die Eid­ge­nos­sen den Tun­nel, der das von Jahr zu Jahr grö­ßer wer­den­de Tran­sit-Pro­blem in den Al­pen lö­sen soll. „Der Gott­hard-Ba­sis­tun­nel ist ein Mei­len­stein auf dem Weg, mehr Gü­ter­ver­kehr von der Stra­ße auf die Schie­ne zu brin­gen“, sagt Pe­ter Füg­lis­ta­ler, Di­rek­tor des eid­ge­nös­si­schen Bun­des­am­tes für Ver­kehr. Gü­ter­zü­ge kön­nen durch den Tun­nel 4000 Ton­nen pro Fahrt be­för­dern. Bis­lang sind es ge­ra­de 2000 Ton­nen.

Er­gänzt wird der Ba­sis­tun­nel im Nor­den bei Zü­rich durch den 20 Ki­lo­me­ter lan­gen Zim­mer­berg-, im Sü­den bei Lu­ga­no durch den 15 Ki­lo­me­ter lan­gen Ce­ne­ri-Tun­nel, der 2019 in Be­trieb ge­hen soll. Das passt zu ei­nem ehr­gei­zi­gen Ziel: 2019 sol­len die Last­wa­gen-Tran­sit­fahr­ten durch die Schweiz von 1,1 Mil­lio­nen (Stand 2009) auf 650 000 pro Jahr re­du­ziert wer­den. Für Au­to­fah­rer könn­te das Ent­las­tung be­deu­ten. Staus von zehn Ki­lo­me­ter Län­ge sind am Gott­hard der­zeit kei­ne Sel­ten­heit.

Mo­men­tan sieht es so aus, als kön­ne der Zeit­plan für den Gott­hard-Ba­sis­tun­nel ein­ge­hal­ten wer­den – nicht nur we­gen des an­ste­hen­den Durch­sto­ßes der Oströh­re. Ren­zo Si­mo­ni, Chef der Alp­tran­sit Gott­hard AG und da­mit Bau­herr, stell­te gar ei­ne frü­he­re Er­öff­nung der Neat-Stre­cke in Aus­sicht: „Wir prü­fen der­zeit in­ten­siv, den Tun­nel vor dem ge­plan­ten Ter­min im De­zem­ber 2017 zu über­ge­ben. Ich persönlich hal­te ei­ne Er­öff­nung En­de 2016 für mach­bar.“

Die Kos­ten für das Mam­mut­pro­jekt am Gott­hard be­lau­fen sich laut Alp­tran­sit bis­lang auf 7,3 Mil­li­ar­den Eu­ro, hin­zu kom­men 1,8 Mil­li­ar­den Eu­ro für den Ce­ne­ri-Tun­nel. Die Ge­samt­kos­ten wer­den bis­her auf 14,2 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schätzt.

Der Bau am Gott­hard­mas­siv ist nicht nur auf Grund sei­ner Kos­ten und sei­ner Grö­ße im­po­sant, son­dern auch die Vor­ge­hens­wei­se beim Bau: Der Berg wur­de nicht, wie bei klei­ne­ren Tun­nels üb­lich, von zwei Sei­ten an­ge­bohrt. Statt­des­sen wur­den fünf Bau­ab­schnit­te ein­ge­rich­tet. Da­zu wur­den seit­li­che Zu­gän­ge an­ge­legt. Schon das war auf­wän­dig: In Se­drun (Grau­bün­den) zum Bei­spiel wur­de weit ober­halb des Tun­nel­mas­sivs zu­nächst ein 1000 Me­ter lan­ger Zu­gangs­stol­len in den Berg ge­legt. An des­sen En­de führ­ten zwei Schäch­te mit ei­nem Lift 800 Me­ter tief Rich­tung Tun­nel-Bau­stel­le.

In­nen nimmt sich der Berg an man­chen Stel­len üb­ri­gens so luf­tig aus wie ein gu­ter Schwei­zer Kä­se: 180 Qu­er­stol­len ver­bin­den die bei­den Röh­ren des Gott­hard-Ba­sis­tun­nels. Im In­ter­net wird seit Ta­gen stän­dig ak­tua­li­siert, wie groß die Ent­fer­nung bis zum Durch­bruch ist. Ges­tern wa­ren es noch 1,80 Me­ter. Ein Klacks für die Tun­nel­bohr­ma­schi­nen, die heu­te zum fi­na­len Akt an­set­zen.

FO­TO: ALP TRAN­SIT GOTT­HARD AG

In Am­steg führt ei­ner der „Zwi­schen­an­grif­fe“ ins In­ne­re des Gott­hard-Mas­sivs. Da­bei han­delt es sich um Zu­gangs­stol­len zur Bau­stel­le. Die Schwei­zer hat­ten 1994 in ei­nem Volks­ent­scheid für den Tun­nel-Bau ge­stimmt.

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