Buch

Die Ver­band­sspar­kas­se Goch schreibt wei­ter Stadt-Ge­schich­te: Ih­re Un­ter­stüt­zung mach­te ein neu­es zur Ge­schich­te mög­lich. von be­schreibt, wie Men­schen über­leb­ten – und auch, wie sie star­ben.

Rheinische Post Goch - - Goch / Uedem - VON THO­MAS CLAAS­SEN

GOCH Heu­te noch, sagt Hein­rich Ger­rit­zen, hat er den Schrei sei­nes Stief­va­ters im Ohr, das Stau­nen, die Er­leich­te­rung, die Be­geis­te­rung – das Glück. „Loui­se – da is­ser!“ Der „Er“, das war eben der Hein­rich, ge­ra­de mal 17 Jah­re jung und nach ei­ner wah­ren Odys­see tat­säch­lich kör­per­lich un­ver­sehrt heim­ge­kom­men. Flucht vor der Front nach Thü­rin­gen und dann der Ver­such der Heim­kehr. Mit dem Fahr­rad! Das Ziel: Goch. „Wir wuss­ten ab­so­lut nicht, was uns er­war­te­te, es herrsch­te ja noch Krieg“, er­in­nert sich Ger­rit­zen. Kei­ne Chan­ce hät­te er ge­habt, wä­ren da nicht die gu­ten nie­der­län­di­schen Sprach­kennt­nis­se ge­we­sen. Der jun­ge Hein­rich ging als Hol­län­der durch. Buch­stäb­lich durch – er kam nach Goch zu­rück, ir­gend­wie, über 1000 Um­we­ge. Heim in ei­ne zer­trüm­mer­te, er­schos­se­ne Stadt.

Mo­sa­ik­stein­chen

Ei­ne Er­in­ne­rung von vie­len, ein Mo­sa­ik­stein­chen nur. Gerd As­hau­er, Re­al­schul­di­rek­tor a. D., trug sie zu­sam­men und form­te sie zu ei­nem Bild, das so de­tail­ge­treu und fun­diert sei­nes­glei­chen sucht. „1945 am Nie­der­rhein“ heißt das neue Buch, das er ge­mein­sam mit dem ge­bür­ti­gen Go­cher Wolf­gang En­de­mann her­aus­gab. Der ist Rich­ter im fer­nen Cott­bus und ent­warf mit un­end­li­cher Ge­duld die vie­len Kar­ten, die das Buch ent­hält. Ab­bil­dun­gen, die zei­gen, dass hier, ge­nau hier um und bei Goch, der Zwei­te Welt­krieg qua­si ent­schie­den wur­de. Gut, es ist be­kannt, dass bei Kep­peln die größ­te Pan­zer­schlacht des Zwei­ten Welt­kriegs ge­tobt hat. Über die Ope­ra­ti­on Mar­ket Gar­den, über die Plä­ne der Al­li­ier­ten, bei Arn­heim den Rhein zu que­ren, den end­gül­ti­gen Rhein­über­gang bei Xan­ten ist viel ge­schrie­ben und ge­sagt wor­den. Aber Gerd As­hau­er ar­bei­te­te nicht nur den ge­nau­en Ver­lauf der „Front­ge­schich­te“ in und um Goch auf, er ließ auch (und vor al­lem) Zeit­zeu­gen er­zäh­len. Wie war sie wirk­lich, die Front? Wer das Buch ge­le­sen hat, der weiß mehr.

Vie­les blieb si­cher un­ge­sagt. Zahl­rei­che Men­schen auch, die sich er­in­nern kön­nen, die noch le­ben, Zeit­zeu­gen, die das Un­be­greif­li­che be­grei­fen muss­ten, sind bis heu­te trau­ma­ti­siert. „Vie­le woll­ten nichts er­zäh­len, oder ihr Ehe­part­ner sag­te: Lass es lie­ber“, be­rich­tet As­hau­er. Die psy­chi­schen Ver­let­zun­gen wa­ren un­sicht­bar, nach dem Krieg, da the­ra­pier­te nie­mand, da muss­te kol­lek­ti­ves Ver­drän­gen und Ver­ges­sen hel­fen.

Aber wie kann man auch wei­ter­le­ben nach all dem? Wie über­le­ben, wenn al­les ka­putt ist? Vom Mut, von der „klei­nen Wie­der­auf­er­ste­hung“ schon we­ni­ge Ta­ge nach der Be­frei­ung Deutsch­lands – auch da­von er­zählt Gerd As­hau­er in sei­nem Buch. Die „Mi­li­tär­ge­schich­te“, die er dar­stellt, ist in­ter­es­sant. Die Men­schen, die er­zäh­len, die ma­chen die­ses Buch so un­ver­gleich­lich.

Ge­gen das Ver­ges­sen

So schätzt sich Gochs Ex-Bür­ger­meis­ter Wil­li Va­egs als Kopf des Hei­mat­ver­eins glück­lich, dass die­ses Buch ge­lun­gen ist. „Da­mit nicht ver­ges­sen wird, was nicht ver­ges­sen wer­den darf.“

RP-FO­TO: GOTT­FRIED EVERS

Au­tor Gerhard As­hau­er (2. v. r.) ge­mein­sam mit Tho­mas Mül­ler (r.), Wil­li Va­egs und Gott­fried Lam­bert (l.), der den Ti­tel ge­stal­te­te.

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