Rad­sport: Spit­zen­klas­se mit Han­di­cap

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman - VON MAR­TIN BEILS

KAARST-BÜTT­GEN Udo Hem­pel schwankt zwi­schen Un­gläu­big­keit und Be­wun­de­rung an­ge­sichts der Leis­tun­gen auf dem Hol­zo­val in Bütt­gen. Rund 1:07 Mi­nu­ten brauch­te der Or­ga­ni­sa­tor der Rad­ren­nen in Kaarst-Bütt­gen einst für 1000 Me­ter auf der Bahn, auf die­sem Leis­tungs­ni­veau hat er es 1972 zu Olym­pia-Gold mit dem Bahn­vie­rer ge­bracht. Und jetzt fährt die­ser Jo­dy Cun­dy ge­schla­ge­ne zwei Se­kun­den schnel­ler als er. Mit 30 Me­ter Vor­sprung auf Hem­pel kä­me Cun­dy ins Ziel. Und da­bei er­setzt bei dem 32-jäh­ri­gen Bri­ten ei­ne Pro­the­se den rech­ten Fuß. „Das ist un­fass­bar“, sagt Hem­pel, „mit den Ver­bes­se­run­gen beim Ma­te­ri­al ist die­se Ent­wick­lung nicht zu er­klä­ren. Das sind heu­te ab­so­lu­te Spit­zen­ath­le­ten.“

Be­hin­der­te Spit­zen­sport­ler aus 16 Na­tio­nen star­ten an die­sem Wo­che­n­en­de beim Eu­ro­pa­cup am Nie­der­rhein, der mit der tra­di­ti­ons­rei­chen „Six-Day-Night“ der Rad­pro­fis kom­bi­niert wird.

Auch wenn die be­hin­der­ten Rad­renn­fah­rer im kom­men­den Früh- jahr noch die Welt­meis­ter­schaft in Ita­li­en vor sich ha­ben, rich­ten vie­le ih­ren Blick be­reits auf die Pa­ralym­pics 2012 in London. Sie wis­sen: Nur bei die­ser Part­ner­ver­an­stal­tung der Olym­pi­schen Spie­le fin­den sie das ganz gro­ße Pu­bli­kum. Die En­g­län­der ha­ben des­halb in ih­rem Leis­tungs­zen­trum in Man­ches­ter nicht nur ih­re aus­sichts­rei­chen Olym­pia-Kan­di­da­ten ver­sam­melt, son­dern auch 21 Pa­ralym­pics-An­wär­ter zu­sam­men­ge­zo­gen. Als „Voll­zeit­sport­ler“ (Cun­dy) ar­bei­ten sie dort mit erst­klas­si­ger tech­ni­scher und trai­nings­wis­sen­schaft­li­cher Un­ter­stüt­zung un­ter pro­fes­sio­nel­len Be­din­gun­gen.

Auch wenn die deut­schen pa­ralym­pi­schen Rad­sport­ler zur Welt­spit­ze ge­hö­ren, kön­nen die meis­ten von ih­nen von sol­chen Be­din­gun­gen nur träu­men. Michael Teu­ber (42) ist ei­ne Aus­nah­me. Der Bayer – drei­ma­li­ger Gold­me­dail­len­ge­win­ner bei Pa­ralym­pics und 16-ma­li­ger Welt­meis­ter – lebt al­lein von sei­nem Sport. Er kann gut re­den, sich ver­mark­ten, und er bringt seit mehr als ei­nem Jahr­zehnt erst­klas­si­ge Leis­tun­gen. Bei ei­nem Au­to­un­fall vor 23 Jah­ren ver­letz­te er sich an der Len­den­wir­bel­säu­le so schwer, dass er un­ter­halb des Knie­ge­lenks kom­plett ge­lähmt ist. Sei­ne Un­ter­schen­kel sind kaum di­cker als die Ober­ar­me ei­nes Halb­wüch­si­gen.

Mit der Un­ter­stüt­zung durch sei­ne Spon­so­ren und dank ei­nes För­der­mo­dells des Ver­ban­des kommt er gut über die Run­den. Als „Pro­fi“ lässt er sich den­noch un­gern be­zeich­nen. Das schlech­te Image, das den Rad­renn­fah­rern oh­ne Be­hin­de­rung an­haf­tet, möch­te er nicht auf sich über­tra­gen wis­sen. „Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit den Renn­fah­rern bei der Tour de Fran­ce“, sagt Teu­ber. Der pa­ralym­pi­sche Sport ist sei­ner Ein­schät­zung nach viel, viel sau­be­rer. Weil es nicht um viel Geld geht. Und weil Be­hin­der­te in der Re­gel sen­si­bler und sorg­fäl­ti­ger mit ih­rem Kör­per um­ge­hen und durch Do­ping nicht zu­sätz­lich die Ge­sund­heit ris­kie­ren wol­len. Do­ping­kon­trol­len gibt es gleich­wohl auch bei den Ren­nen in Bütt­gen.

Teu­ber ge­winnt bei sei­nem Sai­son­ab­schluss das Ren­nen über ei­nen Ki­lo­me­ter in 1:24,87 Mi­nu­ten und liegt da­mit 2,5 Se­kun­den über sei­nem Welt­re­kord (er star­tet in ei­ner an­de­ren Wett­kampf­klas­se als Cun­dy). Doch sein Sport­jahr ist noch nicht be­en­det. Als Bot­schaf­ter der Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­ti­on Lau­reus klet­tert er An­fang De­zem­ber mit der frü­he­ren Ten­nis­spie­le­rin Martina Nav­ra­til­o­va auf den 5895 Me­ter ho­hen Kili­man­dscha­ro. Mit Bei­nen so dünn wie Ober­ar­me.

FO­TO: L. BERNS

Im Re­gen­bo­gen­tri­kot des Welt­meis­ters: Michael Teu­ber.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.