Steiermark lockt Gour­mets

Die Land­wir­te sind die heim­li­chen Zug­pfer­de der stei­ri­schen Tou­ris­mus-In­dus­trie. Dank ih­rer Krea­ti­vi­tät bie­ten Spe­zia­liä­ten-Lo­ka­le und Schän­ken vie­le re­gio­na­le Köst­lich­kei­ten.

Rheinische Post Goch - - Reise& Welt - VON CHRIS­TI­AN SCHREI­BER

Gie­rig na­gen sich die Ma­schi­nen durch die Fel­der rund um das Ört­chen Bad Radkersburg. Über­all zie­hen sie ih­re Run­den, fah­ren und fres­sen, und selbst am Ho­ri­zont ist ihr Hun­ger noch nicht ge­stillt: Es ist Ern­te­zeit in der süd­li­chen Steiermark. Südoststeiermark heißt der Fle­cken ganz ge­nau, dar­auf le­gen die Men­schen hier wert. Es ist das letz­te Stück­chen Ös­ter­reich, flan­kiert von der slo­we­ni­schen Gren­ze, wie ei­ne Spit­ze ragt es ins Nach­bar­land. Heu­te ist Kä­fer­boh­nen-Tag.

Die Bau­ern pflü­gen durch ih­re Fel­der, um das wein­ro­te Ge­mü­se­aus der grü­nen Pflan­zen­um­klam­me­rung zu be­frei­en. Wenn die Land­wir­te jetzt ih­re Ern­te­kör­be fül­len, dann sind sie auf die Kä­fer­boh­ne be­son­ders stolz. Sie stand am An­fang ei­ner ku­li­na­ri­schen Ent- wick­lung, hat Krea­ti­vi­tät und Ri­si­ko­freu­dig­keit ge­för­dert und da­für ge­sorgt, dass kein zwei­ter Land­strich in Ös­ter­reich ei­ne so brei­te Pa­let­te ein­zig­ar­ti­ger Le­bens­mit­tel(krea­tio­nen) her­vor­ge­bracht hat.

Die Re­gi­on im Sü­den Ös­ter­reichs, we­gen der zahl­rei­chen Qu­el­len und Bä­der auch „Stei­ri­sches Ther­men­land“ ge­nannt, hat kaum In­dus­trie­be­trie­be. Kei­ne Bun­des-, kei­ne Lan­des­re­gie­rung hat sich je die Mü­he ge­macht, hier grö­ße­re Fir­men an­zu­sie­deln, um das Ge­biet zu stär­ken. Da­für gibt es frucht­ba­re Vul­kan­bö­den und ein mil­des Kli­ma, in dem Wein und Korn und Mais und Co. be­son­ders gut ge­dei­hen. Dar­un­ter eben die Kä­fer­boh­ne. Sie war schon vor Jah­ren das Al­lein­stel­lungs­merk­mal der Südoststeiermark auf dem hart um­kämpf­ten Feld des agra­ri­schen Wett­be­werbs. Und so ha­ben die Bau­ern be- schlos­sen, sie groß­flä­chig an­zu­bau­en und da­mit ganz un­be­wusst ei­ne Ent­wick­lung in Gang ge­setzt, die die­ses Fleck­chen Ös­ter­reich zu ei­ner Krea­ti­vi­täts-Spiel­wie­se für Le­bens­mit­tel­pro­du­zen­ten ge­macht hat.

Im Herbst fal­len die Ur­lau­ber von nah und fern in die Schän­ken und Spe­zia­li­tä­tenLo­ka­le ein und schlem­men sich durch das reich­hal­ti­ge An­ge­bot. Noch ei­ne Plat­te. Die lus­ti­ge Ur­lau­berg­rup­pe aus Wi­en kann sich ein­fach nicht satt es­sen. We­gen des gu­ten Weins sind sie hier­her ge­kom­men, zum „Bu­schen­schank Nau­bau­er“ am Ro­sen­berg.

Wo­mit die Be­su­cher nicht ge­rech­net ha­ben: mit dem pa­pier­dünn ge­schnit­te­nen Schin­ken vom Vul­ca­noSchwein, der auf der Zun­ge zu schmil­zen scheint, und dem wei­ßen Speck vom Man­ga­litza-Schwein. Al­so muss der Ober al­le 20 Mi­nu­ten ei­ne fri­sche Plat­te brin­gen. Mit sei­nen Man­ga­litza-Schwei­nen hat An­ton Kris­pel das fort­ge­führt, was die Bau­ern mit der Kä­fer­boh­ne be­gon­nen ha­ben: ein Pro­dukt an­zu­bie­ten, das man nicht mit Ös­ter­reich in Ver­bin­dung bringt und in ei­ner Qua­li­tät an­bie­ten, der kei­ner wi­der­ste­hen kann.

Ei­ne gan­ze Re­gi­on ent­wi­ckel­te den Mut, ku­li­na­ri­sche Tra­di­tio­nen wie­der aus­zu­gra­ben und mit neu­er Krea­ti­vi­tät zu paa­ren. Da ist zum Bei­spiel der He­cken­k­le­scher, der auch in der „Bu­schen­schank Nau­bau­er“ auf der Kar­te steht, wenn­gleich ziem­lich weit un­ten. Die Ur­lau­berg­rup­pe aus Wi­en hat sich gar nicht mehr durcht­rin­ken kön­nen bis da­hin, weil Wel­sch­ries­ling und Zwei­gelt man­chen schon früh­zei­tig au­ßer Ge­fecht ge­setzt ha­ben.

He­cken­k­le­scher ken­nen sie ver­mut­lich gar nicht. Frü­her ha­ben ihn die Land­wir­te mit Was­ser ver­mischt und als Kraf­te­lexier mit zur Feld­ar­beit ge­nom­men. Heu­te fei­ert er ein Come­back als „Bau­ern-Re­dBull“, die ers­ten Win­zer wol­len ihn dem­nächst in Do­sen fül­len. Sol­che neu­en Krea­tio­nen tau­chen in der Re­gel zu­nächst in der „Spe­ze­rei“ in Bad Radkersburg auf. Bei Be­trei­be­rin Sa­bi­ne Her­mann be­ginnt der Test­lauf für Pro­duk­te wie Zuc­chi­ni-Min­ze-Kon­fi­tü­re, Kür­bis­punsch oder Hol­ler Vul­canDrink. Das Aus­wahl­kri­te­ri­um ist ein­fach: „Was mir nicht schmeckt, stel­le ich erst gar nicht ins Re­gal“, sagt Sa­bi­ne Herr­mann.

FO­TO: SCHREI­BER

Die Wein­ber­ge in der süd­öst­li­chen Steiermark kön­nen ganz schön steil sein. Uralub­er kom­men aber nicht nur we­gen der re­gio­na­len Wein-Spe­zia­liä­ten, son­dern auch we­gen der Spe­zia­li­tä­ten.

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