Ers­ter Ein­druck zählt

Ex­per­ten ra­ten zu ei­ner Mi­schung aus Zu­rück­hal­tung und Of­fen­heit, um sich als neu­er Part­ner in der Cli­que zu in­te­grie­ren.

Rheinische Post Goch - - Extra -

Mit­läu­fer, Su­per­star, Het­zer – wenn Psy­cho­lo­gen über Cli­quen spre­chen, ver­tei­len sie gern Rol­len. Be­son­ders span­nend wird die Ty­pen­kon­stel­la­ti­on, wenn ein Neu­er da­zu­kommt. Erst recht, wenn er „nur“ An­hang ist, neu­er Part­ner ei­nes Cli­quen-Mit­glieds al­so und Nach­fol­ger des Ex, der doch so gut rein­ge­passt hat in den ein­ge­schwo­re­nen Bund. Wie in­te­griert sich der Neu­ling am bes­ten? Mit dum­men Sprü­chen si­cher nicht.

„Ba­lan­ce“ ist das Zau­ber­wort für Bea­te Mar­tin. Die Päd­ago­gin bei pro fa­mi­lia Müns­ter rät beim ers­ten Auf­tritt des Neu­en zu ei­ner Mi­schung aus Zu­rück­hal­tung und Auf­ge­dreht­heit: of­fen sein, Fra­gen stel­len, von sich er­zäh­len, aber Fin­ger weg von ei­ner OneMan-Show mit schrä­gen Wit­zen. Das gilt nicht nur für den Neu­en, son­dern auch für sei­nen Part­ner, sagt Mar­tin. Er muss dem neu­en Freund oder der neu­en Freun­din zur Sei­te ste­hen, darf sich im Bei­sein der Cli­que aber auch nicht zu sehr auf den Part­ner kon­zen­trie­ren, weil die al­ten Kum­pels das schnell übel­neh­men.

Zur Sei­te ste­hen, Par­tei er­grei­fen, den neu­en Freund zur Num­mer eins er­klä­ren: Das al­les gilt nicht oh­ne Ein­schrän­kun­gen, fin­det auch Ul­rich Gerth, Vor­sit­zen­der der Bun­des­kon­fe­renz für Er­zie­hungs­be­ra­tung in Fürth. Er rät so­gar, sich „nur im Not­fall“ auf die Sei­te des Part­ners zu schla­gen, wenn er „ins Ab­seits ge­rät“. Der Neue soll­te die Ge­le­gen­heit be­kom­men, sich selbst zu po­si­tio­nie­ren. „Wich­tig ist aber, den Punkt zu er­ken­nen, wo Gren­zen über­schrit­ten wer­den. Der Neue ist auf die So­li­da­ri­tät des Part­ners an­ge­wie­sen“, so Gerth.

Die ers­te Be­geg­nung mit der Cli­que ist oft ent­schei­dend, hat Ga­b­rie­le Lei­pold, Paar­be­ra­te­rin in München, be­ob­ach­tet. Das Un­be­kann­te ist da­bei die größ­te Fal­le. „Un­be­kann­ter Ort, un­be­kann­te Leu­te, un­be­kann­tes The­ma, das ist schlecht“, warnt auch Ul­rich Gerth. Er rät, ein Um­feld zu wäh­len, in dem sich der Neue aus­kennt. Bei Hö­hen­angst und Über­ge­wicht ent­wi­ckelt sich ein Cli­quen-Da­te an der Klet­ter­wand schnell zur Ka­ta­stro­phe. Und wenn es doch un­be­dingt die Klet­ter­wand sein muss, sei es hilf­reich, „wenn der Neue vor­her schon Ein­zel­nen vor­ge­stellt wur­de,

Fin­ger weg von ei­ner One-Man-Show mit

schrä­gen Wit­zen

die be­son­ders wich­tig sind, be­vor er die gro­ße Grup­pe ken­nen­lernt“, rät Lei­pold.

Die Vor­stel­lung des Neu­en in der Cli­que hat Zeit. Ga­b­rie­le Lei­pold rät, den neu­en Part­ner nicht in der al­ler­ers­ten Auf­re­gung der ge­sam­ten Freun­des­schar vor­zu­stel­len: „Man soll­te ihn erst in die Cli­que ein­füh­ren, wenn die Part­ner­schaft ein biss­chen sta­bil ist.“

Dann geht man bes­ser nicht mit zu ho­hen Er­war­tun­gen an das Tref­fen her­an. Cli­quen sind manch­mal ge­häs­sig und ma­chen dum­me Sprü­che: „Da muss er durch. Wenn er an­kommt, wird er ge­checkt. Man kann nie­man­den in Wat­te pa­cken“, sagt Gerth. Wer da­ge­gen auf Zwei­er-Idyl­le hofft, fal­le schnell auf die Na­se. Manch­mal er­war­tet ei­nen statt­des­sen Kon­kur­renz, Ei­fer­sucht, Re­vier­ver­hal­ten – Bea­te Mar­tin nennt das „die ganz nor­ma­le Pa­let­te von Ge­füh­len“.

Aber was ist, wenn der Neue auch lang­fris­tig nicht gut bei den al­ten Freun­den an­kommt? Zwei Wo­chen Pau­se, ein Tref­fen mit Ein­zel­nen, bloß nicht so­fort den Kon­takt zur Cli­que ab­bre­chen, rät Gerth. „Schließ­lich sind nicht im­mer al­le auf Sei­ten des Het­zers“, gibt auch Bea­te Mar­tin Ent­war­nung. Freund­schaf­ten müs­sen sich ent­wi­ckeln. „Was im Mo­ment nicht passt, kann spä­ter pas­sen“, be­ru­higt Lei­pold. Manch­mal hän­ge die Cli­que ein­fach noch am Ex.

Häu­fig brin­gen bei­de ei­ne Cli­que in die Part­ner­schaft mit. Könn­te man die nicht ein­fach zu­sam­men­le­gen? Ei­ne Patch­work-Cli­que et­wa? „Ver­mes­sen“ nennt Ul­rich Gerth ein sol­ches Vor­ha­ben: „Dann muss man schon der Su­per­star der Cli­que sein.“ Auch Mar­tin hält die Ver­kupp­lung im gro­ßen Stil für un­rea­lis­tisch und un­nö­tig, schließ­lich ent­wi­ckeln sich Cli­quen aus ei­nem ge­mein­sa­men In­ter­es­se her­aus. Sel­ten ge­nügt ei­ne ein­zi­ge Per­son als ge­mein­sa­mer Nen­ner.

Für die Be­zie­hung kann es so­gar gut sein, wenn je­der sei­ne Cli­que be­hält, er­klärt Mar­tin. Sie kann Rück­zugs­ort sein, Wahl­fa­mi­lie, das ei­ge­ne. Die ers­te Lie­be kann schon mal die bes­ten Freun­de auf Platz zwei ver­drän­gen. Das ist am An­fang okay, fin­det Mar­tin. „Aber man­che schaf­fen den Ab­sprung nicht“, sagt sie – und meint da­mit, dass sie ih­re al­ten Freun­de dau­er­haft ver­nach­läs­si­gen.

JO­HAN­NA UCHT­MANN

FO­TO: DIAGEN­TUR

Links lie­gen las­sen darf man die neue Freun­din beim ers­ten Cli­quen-Treff nicht. Stän­dig Händ­chen zu hal­ten ist aber ge­nau­so falsch.

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