NRW plant Er­zie­hungs­camp für Neun­jäh­ri­ge

Ver­hal­tens­auf­fäl­li­ge Kin­der sol­len künf­tig schon mit neun Jah­ren in Be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen un­ter­ge­bracht wer­den. So sol­len sie vor ei­ner Kar­rie­re als In­ten­sivstraf­tä­ter ge­schützt wer­den.

Rheinische Post Goch - - Vorderseite - VON GERHARD VOOGT

DÜSSELDORF NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) plant ei­ne ra­di­ka­le Früh­in­ter­ven­ti­on ge­gen Ju­gend­kri­mi­na­li­tät. Ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums sag­te un­se­rer Zei­tung, es sei ge­plant, ein Kon­zept aus der Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on „zur Prä­ven­ti­on von Kin­de­r­und Ju­gend­kri­mi­na­li­tät“ um­zu­set­zen. Da­nach sol­len schon ver­hal­tens­auf­fäl­li­ge Kin­der im Al­ter von neun oder zehn Jah­ren „päd­ago­gisch hoch­in­ten­siv“ be­treut wer­den. „Bes­ser frü­he als zu spä­te Hil­fe“ lau­te das Mot­to, so der Spre­cher. Bei et­wa 80 Pro­zent al­ler auf­fäl­li­gen Kin­der las­se sich schon ge­gen En­de der Grund­schul­zeit mit ho­her Wahr­schein­lich­keit er­ken­nen, ob sie die In­ten­siv­tä­ter-Lauf­bahn ein­schlü­gen. Nur zu ei­nem frü­hen Zeit­punkt und durch in­ten­si­ve Päd­ago­gik lie­ßen sich auf­fäl­li­ge Kin­der noch prä­gen, hieß es.

Die Lan­des­re­gie­rung will ers­te Mo­dell­pro­jek­te schon 2011 mit rund 20 Mil­lio­nen Eu­ro fi­nan­zie- ren. Ziel ist es, ein deutsch­land­weit bis­lang uner­reich­tes Be­treu­ungs­ver­hält­nis zu schaf­fen: Je­des Kind soll ei­nen Be­treu­er ganz für sich be­kom­men. Die Kos­ten pro Kind wer­den mit 50 000 bis 60 000 Eu­ro pro Jahr be­zif­fert.

Wo die Ein­rich­tun­gen ent­ste­hen sol­len, ist bis­lang noch un­klar. In Deutsch­land dür­fen Kin­der bis zum voll­ende­ten 14. Le­bens­jahr nur in of­fe­nen, nicht aber in ge­schlos­se­nen Hei­men be­treut wer­den. Das Kon­zept des In­nen­mi­nis­te­ri­ums sieht ei­ne Rund-um-dieUhr-Be­treu­ung vor. Wür­den of­fe­ne Ein­rich­tun­gen in ab­ge­le­ge­nen Ecken und auf dem Land er­rich­tet, hät­ten Kin­der „kei­ne An­rei­ze zum Weg­lau­fen“, heißt es im Mi­nis­te­ri­um. Das be­leg­ten auch „die skan­di­na­vi­schen Län­der, in de­nen sol­che Hei­me ver­brei­tet sind“. In­nen­mi­nis­ter Jä­ger hofft, mit der neu­en Form der Früh­in­ter­ven­ti­on so vie­le Straf­tä­ter­kar­rie­ren zu ver­hin­dern, dass ein Teil der Kos­ten wie­der her­ein­kommt. Schließ­lich ver­ur­sach­ten auch Straf­ta­ten und JVA-Auf­ent­hal­te Mil­lio­nen­kos­ten.

Die Op­po­si­ti­on im Düs­sel­dor­fer Land­tag be­grüß­te den Vor­stoß des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. „Das Kon­zept der Eins-zu-eins-Be­treu­ung kann er­folg­reich sein“, sag­te Pe­ter Bie­sen­bach, In­nen­ex­per­te der CDUFrak­ti­on, auf An­fra­ge. Es kom­me dar­auf an, ei­ne ef­fek­ti­ve Nach­be­treu­ung der Un­ter­brin­gung si­cher­zu­stel­len. Da­zu sei ei­ne bes­se­re Per­so­nal­aus­stat­tung der Ju­gend­äm­ter un­aus­weich­lich. Of­fe­ne in­ten­siv­päd­ago­gi­sche Ein­rich­tun­gen sei­en die bes­se­re Al­ter­na­ti­ve zur Her­ab­set­zung der Straf­mün­dig­keit. Die Vor­gän­ger­re­gie­rung hat­te be­reits 2008 in Bed­burg-Hau ei­ne so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche Ein­rich­tung für Ju­gend­li­che im Al­ter von zwölf bis 15 Jah­ren er­öff­net.

Auch Horst En­gel, in­nen­po­li­ti­scher Spre­cher der FDP-Frak­ti­on, be­für­wor­te­te die Plä­ne. Der In­nen­mi­nis­ter ha­be „al­les rich­tig ge­macht“, sag­te der Li­be­ra­le. Bei den Pro­blem­kin­dern müs­se man sich auf lan­ge Be­treu­ungs­zei­ten ein­stel­len. „Mit ein paar Mo­na­ten ist es nicht ge­tan“, sag­te En­gel. Er kön­ne sich vor­stel­len, dass es ei­nen ein­stim­mi­gen Be­schluss im Land­tag ge­ben wird.

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