Kraft – ei­ne ers­te Bi­lanz

NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) re­giert seit 100 Ta­gen – bis­lang un­an­ge­foch­ten. Sie will wei­ter­hin mit Au­gen­maß Po­li­tik ma­chen. Für die Op­po­si­ti­on ist sie die „ Schul­den-Queen“.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON DET­LEV HÜWEL

DÜSSELDORF Vor ei­nem Jahr noch galt sie po­li­tisch als ver­schol­len. „Wo ist ei­gent­lich Han­ne­lo­re Kraft?“, frag­ten Be­ob­ach­ter der Lan­des­sze­ne mit ei­ner Mi­schung aus Ver­wun­de­rung und Hä­me. In­zwi­schen ist die SPD-Lan­des­che­fin Nord­rhein-West­fa­lens ers­te Mi­nis­ter­prä­si­den­tin, Che­fin des Bun­des­rats und ran­giert im ZDF-Po­lit­ba­ro­me­ter un­ter den Top Ten der be­lieb­tes­ten Po­li­ti­ker.

Die „Che­fin“ kann zu den Mi­nis­tern auch

knall­hart sein

„Re­gie­ren ist klas­se“, froh­lockt die 49-jäh­ri­ge Mül­hei­me­rin. Al­ler­dings hat­te man sie erst zum Ja­gen tra­gen müs­sen. Kraft woll­te nach den ge­schei­ter­ten Son­die­rungs­ge­sprä­chen mit Link­s­par­tei, FDP und CDU „Po­li­tik aus der Op­po­si­ti­on her­aus“ be­trei­ben. Hät­te die re­so­lu­te Grü­nen­po­li­ti­ke­rin Syl­via Löhr­mann – in­zwi­schen Schul­mi­nis­te­rin und Stell­ver­tre­te­rin der Re­gie­rungs­che­fin – nicht mas­si­ven öf­fent­li­chen Druck aus­ge­übt, sä­ße Han­ne­lo­re Kraft wo­mög­lich noch im­mer auf der Op­po­si­ti­ons­bank.

Die ers­ten Wo­chen ih­rer Re­gie­rungs­ar­beit wa­ren von der Lo­ve­pa­ra­de-Ka­ta­stro­phe in Duis­burg über­schat­tet. Kraft war an je­nem Schre­ckens­sams­tag auch persönlich be­trof­fen, wuss­te sie doch ih­ren Sohn Jan in dem Men­schen­ge­tüm­mel. Bei der Trau­er­fei­er für die 21 Op­fer fand sie die rich­ti­gen Wor­te: au­then­tisch, mit­füh­lend, trös­tend.

Han­ne­lo­re Kraft will für ei­nen neu­en Stil in der Po­li­tik sor­gen. Bei ei­nem Tref­fen mit füh­ren­den Kom­mu­nal­ver­tre­tern ge­lang es ihr auf An­hieb, das Ver­trau­en der ge­beu­tel­ten Kom­mu­nen zu ge­win­nen. Pe­ter Jung, CDU-Ober­bür­ger­meis­ter von Wup­per­tal, äu­ßer­te sich ge­ra­de­zu eu­pho­risch über die gu­te Ge­sprächs­at­mo­sphä­re; end­lich wür­den die Kom­mu­nen ernst ge­nom­men.

Das war ein kla­rer Punkt­sieg für Kraft, die zwar kei­ne neu­en fi­nan­zi­el­len Zu­sa­gen ma­chen kann, aber den­noch den Kom­mu­nen das Ge­fühl ver­mit­telt, end­lich „auf Au­gen­hö­he“ mit­ein­an­der zu re­den.

Es sind die klei­nen Ges­ten, die auf­fal­len. Nach der Jung­fern­re­de ei­nes SPD-Ab­ge­ord­ne­ten im Land­tag eil­te die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin zu des­sen Pult, um ihm herz­lich zu gra­tu- lie­ren. Kraft will „ge­er­det“ blei­ben und ih­re Be­su­che in Be­trie­ben und Un­ter­neh­men fort­set­zen, die sie vor der Land­tags­wahl be­gon­nen hat. Ein­mal im Mo­nat wird sie ei­nen Tag lang mit den Men­schen re­den, de­ren „Le­bens­wirk­lich­keit ei­ne ganz an­de­re“ sei als et­wa die in Düsseldorf. „Tat­kraft-Ta­ge“ nennt sie das.

Frau­en, so sagt Kraft, sei­en prag­ma­ti­scher als Män­ner und hör­ten mehr „auf Herz und Bauch“. Doch der Sanft­mut der leut­se­li­gen Lan­des­mut­ter, die sich freut, wenn Bür­ger sie auf der Stra­ße an­spre­chen, soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sie als Re­gie­rungs­che­fin knall­hart sein kann. Das be­kam auch ihr Ar­beits­mi­nis­ter, der frü­he­re DGB-Lan­des­chef Gun­tram Schnei­der (SPD), zu spü­ren. Schnei­der woll­te die Spre­che­rin der NRWG­rü­nen für die Pres­se­ab­tei­lung sei­nes Mi­nis­te­ri­ums en­ga­gie­ren, doch Kraft brems­te ihn im letz­ten Mo­ment aus. Ihm wur­de be­deu­tet, dass die Stel­le nicht an die Grü­nen ver­ge­ben wird. Das war ei­ne schwe­re Schlap­pe für den Ar­beits­mi­nis­ter, aber auch die Grü­nen fühl­ten sich dü­piert. Manch ei­ner er­in­ner­te sich düs­ter an die rot­grü­nen Zei­ten vor 2005, als die SPD den Ju­ni­or­part­ner her­ab­las­send be­han­delt ha­be.

Das rot-grü­ne Da­men­duo Kraft-Löhr­mann ist fest ent­schlos­sen, mit der Ge­mein­schafts­schu­le neue We­ge zu ge­hen. Die Op­po­si­ti­on be­fürch­tet, dass die zur Ein­heits­schu­le füh­ren. Nicht min­der be­sorgt zei­gen sich CDU und FDP über den Schul­den­kurs. Kraft, die die Rol­le des „vor­sor­gen­den Staats“ aus­bau­en will, feh­le je­der Wil­le zum Spa­ren, kri­ti­sie­ren die bei­den Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, die Kraft als „Schul­denQueen“ be­zeich­nen.

Die Na­gel­pro­be für den Fort­be­stand der Ko­ali­ti­on wird der Etat fürs nächs­te Jahr sein. Auch hier braucht Rot-Grün die Un­ter­stüt­zung der Lin­ken. Le­gen sie sich quer, dürf­te es zu Neu­wah­len kom­men.

Wäh­rend noch nicht ab­seh­bar ist, wer in die­sem Fall für die CDU ins Ren­nen geht – Ar­min La­schet oder Nor­bert Rött­gen –, steht die Spit­zen­kan­di­da­tin der SPD na­tür­lich fest.

FO­TO: DPA

Han­ne­lo­re Kraft ist seit dem 14. Ju­li Mi­nis­ter­prä­si­den­tin von NRW. Nach 100 Ta­gen im Amt sagt sie: „Re­gie­ren ist klas­se“.

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