Kri­mi-Ho­tel auf NS-Or­dens­burg?

Pro­jekt­ent­wick­ler wol­len auf dem Ge­län­de der NS-Or­dens­burg Vo­gel­sang in der Ei­fel ein „Kri­mire­sort“ er­rich­ten. Das Ho­tel soll 200 neue Jobs in der Re­gi­on schaf­fen. Passt das Kon­zept zu dem Er­in­ne­rungs­ort? Kri­ti­ker hal­ten die Plä­ne für ge­schmack­los.

Rheinische Post Goch - - Land & Leute - VON GERHARD VOOGT

SCHLEI­DEN Die NS-Or­dens­burg Vo­gel­sang in der Ei­fel: Dort ha­ben die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ih­re po­li­ti­schen Füh­rungs­kräf­te ideo­lo­gisch ge­schult. Die Or­dens­burg gilt als wich­ti­ger Er­in­ne­rungs­ort an die Ge­schich­te des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und de­ren Fol­gen. Künf­tig soll auf dem Are­al nicht nur his­to­ri­sche Ar­beit statt­fin­den. Die Stand­ort­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft will dort ei­ne tou­ris­ti­sche At­trak­ti­on er­rich­ten: Kri­mi-Fans sol­len dort künf­tig in ei­nem „Kri­mi-Re­sort“ Mord­fäl­le nach­spie­len und sich bei der Su­che nach dem Tä­ter amü­sie­ren.

Die Initia­to­ren spre­chen von ei­nem „Leucht­turm­pro­jekt für die Re­gi­on und für Nord­rhein-West­fa­len“. Das Ho­tel soll in der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne „Van Doo­ren“ un­weit des his­to­ri­schen Fo­rums ent­ste­hen. Ge­plant ist ei­ne An­la­ge mit 150 Zim­mern, pro Jahr sol­len 50 000 Kri­mi­Fans in der ehe­ma­li­gen Sol­da­ten-Un­ter­kunft über­nach­ten. Die In­ves­ti­ti­ons­kos­ten be­lau­fen sich auf 20 Mil­lio­nen Eu­ro. An­geb­lich sol­len auf Vo­gel­sang 200 neue Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen. Mit dem Pro­jekt wol­len die Initia­to­ren an die Po­si­tio­nie­rung der Ei­fel als „Kri­mi­re­gi­on“ von Nord­rhein-West­fa­len an­knüp­fen. Dort fand un­ter an­de­rem das Li­te­ra­tur­Fes­ti­val „Cri­mi­na­le“statt.

Kern­stück des Kon­zepts ist ei­ne Schau­spiel-Aka­de­mie. „Dort sol­len den Gäs­ten die Gr­und­zü­ge der Schau­spie­le­rei bei­ge­bracht wer­den“, sagt Pro­jekt­ent­wick­ler An­ton Neu­ber­ger. In spe­zi­el­len „Kri­miDin­nern“ soll es un­ter an­de­rem um geld­gie­ri­ge Er­ben, Hin­ter­list, Ra­che oder Geis­tes­krank­heit ge­hen. Da­bei wer­den auch Fäl­le von Aga­tha Chris­tie und Ed­gar Wal­lace nach­ge­spielt. Die Gäs­te schlüp­fen in die Rol­le von be­rühm­ten Kri­mi­nal­fi­gu­ren wie Sher­lock Hol­mes oder Miss Marp­le.

Kri­mi-Ho­tel und NS-Ge­denk­stät­te – passt das über­haupt zu­ein­an­der? „Ja“, ist sich Tho­mas Fi­scherRein­bach, Spre­cher der Stand­ort­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft Vo­gel­sang, si­cher. Auf Vo­gel­sang sol­le nicht nur „Tr­üb­sin­nig­keit“ herr­schen, auch „fri­sche Ide­en“ müss­ten ei­ne Chan­ce be­kom­men. Das Kri­mi-Re­sort wer­de da­zu bei­tra­gen, dass sich zu­sätz­li­che Men­schen für das NSThe­ma in­ter­es­sie­ren wür­den. Schließ­lich wer­de fast je­der Ho­tel­gast auch das NSDo­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum be­su­chen. „Das The­ma Kri­mi steht we­der in Re­la­ti­on noch im Ge­gen­satz zum The­ma Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“, er­klä­ren die Pro­jekt­ent­wick­ler.

Das se­hen die Kri­ti­ker in­des an­ders. Oli­ver Kri­scher, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter der Grü­nen aus der Re­gi­on, spricht von ei­ner „schlim­men Ge­schmack­lo­sig­keit“. Er sei ent­setzt über die Idee, Kri­mi­nal­spie­le auf ei­nem Are­al ab­zu­hal­ten, auf dem „einst die Mas­sen­mör­der der Ju­den­ver­nich­tung in Ost­eu­ro­pa“ aus­ge­bil­det wor­den sei­en. Auch der re­nom­mier­te Ei­fel­kri­mi-Au­tor Michael Preu­te (Jac­ques Berndorf) hält das Pro­jekt für „un­glaub­lich frag­wür­dig“.

Im Auf­sichts­rat der Stand­ort­ent­wick­lungs­ge­sell­schaft Vo­gel­sang, dem auch das Land NRW an­ge­hört, war die An­sied­lung des Kri­mi-Ho­tels bis­lang un­um­strit­ten. Nun, nach­dem in Düsseldorf Rot-Grün

50 000 Kri­mi-Fans pro Jahr sol­len in 150 Zim­mern des Ka­ser­nen-Baus über­nach­ten

die Lan­des­re­gie­rung stellt, weht dem Pro­jekt hefi­ger Wind ent­ge­gen. NRW-Um­welt­mi­nis­ter Jo­han­nes Rem­mel (Grü­ne) kri­ti­siert, das Kon­zept ha­be mit dem Ziel, die Be­su­cher des Na­tio­nal­parks Ei­fel für die Na­tur zu sen­si­bi­li­sie­ren, we­nig zu tun. „Ich hal­te das für nicht kom­pa­ti­bel“, ur­teilt der Mi­nis­ter auf An­fra­ge.

Die Lan­des­re­gie­rung und die Be­zirks­re­gie­rung Köln sind mit vier Ver­tre­tern im Auf­sichts­rat ver­tre­ten. Man wer­de nun auf al­len Ebe­nen ver­su­chen, Ein­fluss gel­tend zu ma­chen, um dass Kri­mi-Ho­tel zu stop­pen, heißt es in Re­gie­rungs­krei­sen. Ei­ne Spre­che­rin von NRWWirt­schafts­mi­nis­ter Har­ry Voigts­ber­ger (SPD) be­tont, man wer­de sich mit dem Vor­ha­ben „sehr ge­nau be­schäf­ti­gen“, und da­für Sor­ge tra­gen, dass der „sen­si­ble Um­gang mit dem Er­be im Blick“ blei­be.

Sven Leh­mann, der Lan­des­vor­sit­zen­de der Grü­nen, kri­ti­siert, bei der bis­he­ri­gen Pla­nung wer­de das In­ter­es­se der In­ves­to­ren of­fen­bar hö­her be­wer­tet als der Schutz der Er­in­ne­rungs­stät­te. Als ein­zi­ges er­hal­te­nes Land­schafts­denk­mal aus der NS-Zeit sei die Or­dens­burg Vo­gel­sang ein Uni­kat in Nord­rheinWest­fa­len.

Am 28. Ok­to­ber wol­len die Pla­ner ihr Kon­zept bei ei­ner Re­gio­nal­kon­fe­renz Po­li­tik und der Öf­fent­lich­keit vor­stel­len. Al­bert Mo­ritz, Ge­schäfts­füh­rer der ge­mein­nüt­zi­gen „Vo­gel­sang ip“ wirbt für das Kri­miHo­tel. „Die In­ves­to­ren be­ab­sich­ti­gen, den Bau­kör­per und das Vo­lu­men der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne ,Van Doo­ren’ zu er­hal­ten. Das be­grü­ßen wir. Auch in Zu­kunft kön­nen an der NS-Ge­schich­te in­ter­es­sier­te Gäs­te an dem Ge­bäu­de die tem­pel­ar­ti­gen Di­men­sio­nen des an die­ser Stel­le ge­plan­ten ,Haus des Wis­sens’ ab­le­sen“, er­klärt Mo­ritz.

Die Na­zis Ge­bäu­de hat­ten ge­plant, dass das „Haus des Wis­sens“ vom Köl­ner Dom aus zu se­hen ge­we­sen wä­re. Al­ler­dings wur­den we­gen des Kriegs­aus­bruchs nur die Fun­da­men­te der An­la­ge fer­tig­ge­stellt, mit dem ei­gent­li­chen Bau wur­de nie be­gon­nen.

FO­TO: ULLSTEIN BILD

Im No­vem­ber 1936 hielt Adolf Hit­ler (links ne­ben ihm: Or­ga­ni­sa­ti­ons­lei­ter Ro­bert Ley) zur Er­öff­nung der Or­dens­burg ei­ne Gau­amts­lei­ter-Ta­gung ab.

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