Tür­kei: Wul­ff auf heik­ler Mis­si­on

Der Bun­des­prä­si­dent be­ginnt heu­te sei­nen ers­ten Staats­be­such der Tür­kei. Chris­ti­an Wul­ffs Satz, auch der Is­lam ge­hö­re zu Deutsch­land, hat ihm dort viel Wohl­wol­len ein­ge­bracht. Pro­ble­ma­ti­sche The­men gibt es den­noch ge­nug – Re­li­gi­ons­frei­heit und der EU-Bei

Rheinische Post Goch - - Politik - VON GREGOR MAYNTZ

BERLIN Wenn Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff heu­te zu sei­nem ers­ten of­fi­zi­el­len Staats­be­such in die Tür­kei auf­bricht, dann ist der wich­tigs­te und um­strit­tens­te Satz sei­ner Amts­zeit ihm be­reits vor­aus­ge­eilt. „Zu Deutsch­land ge­hört auch der Is­lam“, ge­spro­chen zum 20. Jah­res­tag der Ein­heit, ist in der Tür­kei mit größ­tem Wohl­wol­len auf­ge­nom­men wor­den. Da­mit ha­be Wul­ff „ei­ne Rea­li­tät zur Spra­che ge­bracht“, sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan am

Der Kanz­le­rin wur­de im März noch „Hass ge­gen

Tür­ken“ un­ter­stellt

Ran­de des Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiels zur Fuß­ball-EM zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei in Berlin.

Die­se „Rea­li­tät“ war der­art mit Hän­den zu grei­fen, dass die Kom­men­ta­to­ren das Spiel vor der „tür­ki­schen Ku­lis­se“ im Olym­pia­sta­di­on iro­nisch als „Aus­wärts­sieg für Deutsch­land in Berlin“ be­zeich­ne­ten. Tat­säch­lich ist Berlin mit sei­nen rund 200 000 tür­kisch­stäm­mi­gen Ein­woh­nern die größ­te tür­ki­sche Stadt au­ßer­halb der Tür­kei. Rund 2,8 Mil­lio­nen Men­schen tür­ki­scher Her­kunft le­ben in Deutsch­land, je­der Drit­te hat ei­nen deut­schen Pass. Im Ok­to­ber 2011 jährt sich der Be­ginn die­ser Ent­wick­lung zum 50. Mal. Das Ju­bi­lä­um des Ver­tra­ges über die An­wer­bung tür­ki­scher Ar­beits­kräf­te wol­len Berlin und An­ka­ra zum An­lass für ei­ne Bi­lanz neh­men – und neue Per­spek­ti­ven ent­wi­ckeln. Wul­ffs Rei­se wird da­für Grund­la­gen le­gen.

Mit sei­nem Satz scheint der Bun­des­prä­si­dent auch emo­tio­nal Tü­ren zu den Gast­ge­bern ge­öff­net zu ha­ben. Noch im März emp­fin­gen tür­ki­sche Me­di­en die Bun­des­kanz­le­rin bei ih­rer Tür­kei-Rei­se mit der Ver­mu­tung, sie he­ge „Hass auf die Tür­ken“ – weil sie sich zu­vor ge­gen tür­ki­sche Schu­len in Deutsch­land aus­ge­spro­chen hat­te. Jetzt emp­fängt Staats­prä­si­dent Ab­dul­lah Gül sei­nen Amts­kol­le­gen mit dem Ap­pell an die Lands­leu­te in Deutsch­land: „Lernt Deutsch!“ – und zwar flie­ßend, oh­ne Ak­zent und schon vom Kin­der­gar­ten an. Die Be­stär­kung ei­ner tür­ki­schen Par­al­lel­ge­sell­schaft scheint ge­fühl­te Jahr­zehn­te zu­rück­zu­lie­gen. Da­bei ist es ge­ra­de zwei Jah­re her, dass Er­do­gan in Köln As­si­mi­la­ti­on mit ei­nem Ver­bre­chen gleich­setz­te.

Den­noch ist auch Wul­ffs knapp ein­wö­chi­ge Rei­se mit pro­ble­ma­ti­schen The­men be­stückt. Im­mer noch sind Chris­ten in der Tür­kei nicht si­cher vor Ver­fol­gung. Der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges, der CDU-Po­li­ti­ker Ruprecht Po­lenz, hat Wul­ff da­her auf­ge­for­dert, auf bes­se­re Be­din­gun­gen für Chris­ten in der Tür­kei zu drin­gen. „Zur Tür­kei ge­hört auch das Chris­ten­tum“, sag­te Po­lenz un­se­rer Zei­tung. Wäh­rend sei­ner Rei­se kön­ne der Bun­des­prä­si­dent sei­nen Gast­ge­bern si­cher­lich ver­mit­teln, dass sie „stolz sein kön­nen auf ihr christ­li­ches Er­be“. We­sent­li­che Wirk­stät­ten des Urchris­ten­tums lä­gen in der Tür­kei. Wul­ff müs­se die Tür­kei da­zu er­mun­tern, ihr christ­li­ches Er­be als Schatz zu pfle­gen. Da­mit kön­ne sie auch nä­her an Eu­ro­pa her­an­wach­sen. Das Chris­ten­tum als Teil der Tür­kei sei nicht nur his­to­risch, son­dern auch ak­tu­ell zu be­grei­fen. ISTAN­BUL In Tar­sus an der Mit­tel­meer­küs­te will Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff an ei­nem Got­tes­dienst teil­neh­men. Es soll ei­ner der wich­tigs­ten Ter­mi­ne sei­ner Tür­kei­Rei­se wer­den – auch weil die La­ge der Chris­ten dort im­mer noch schwie­rig ist. Ei­ner­seits be­müht sich die Re­gie­rung Er­do­gan be­harr­lich um Ver­bes­se­run­gen der Min­der­hei­ten­rech­te und ei­ne Gleich­stel­lung der Chris­ten. An­de­rer­seits sind Chris­ten in der Tür­kei nicht ein­mal ih­res Le­bens si­cher – im Ju­ni wur­de der ka­tho­li­sche Bi­schof Lu­i­gi Pa­dove­se, da­vor ein wei­te­rer ka­tho-

Dar­über im­mer wie­der hin­weg­zu­se­hen, ist ein Vor­wurf der Geg­ner ei­nes tür­ki­schen Bei­tritts zur Eu­ro­päi­schen Uni­on. Die Res­sen­ti­ments sind ver­brei­tet. Wahl­kämp­fer von CDU und CSU wis­sen: Um die Stim­mung im Bier­zelt hoch­schla­gen zu las­sen, müs­sen sie nur die drei Wör­ter „Tür­ken“, „EU“ und „nie“ in ih­re Re­de ein­bau­en. Doch Wul­ff wird sich vor­hal­ten las­sen müs­sen, die EU mes­se bei ih­ren Bei­trit­ten mit zwei­er­lei Maß. Ver­bit­tert ver­folg­ten die Tür­ken die Auf­nah­me Ru­mä­ni­ens und Bul­ga­ri­ens, die ei­ne deut­lich schlech­te­re wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ve ha­ben.

Für Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat in­des die Auf­nah­me von Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en die Be­den­ken ge­gen ei­nen Tür­kei-Bei­tritt eher ver­stärkt. Da­mit zei­ge sich näm­lich, dass die EU ei­ne Auf­nah­me­pau­se brau­che, um selbst wie­der bei­tritts­fä­hig zu wer­den. Da­hin­ter steckt auch die Be­fürch­tung, dass ein EU-Mit­glied Tür­kei die nur müh­sam in ei­ne fra­gi­le Ba­lan­ce ge­brach­te Ar­chi­tek­tur der EU zum Ein­sturz brin­gen könn­te.

Kein leich­ter Job für Wul­ff, der sich vor sei­nem Be­such so­wohl mit dem Kanz­ler­amt als auch mit dem Aus­wär­ti­gen Amt eng ab­ge­stimmt – und da­bei ver­schie­de­ne Si­gna­le emp­fan­gen hat. Die For­mu­lie­run­gen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag wer­den von der Kanz­le­rin und vom Vi­ze­kanz­ler näm­lich un­ter­schied­lich aus­ge­legt. Gui­do Wes­ter­wel­le (FDP) be­ruft sich auf die Ver­ein­ba­rung, wo­nach Deutsch­land ein „be­son­de­res In­ter­es­se“ an ei­ner An­bin­dung der Tür­kei an die EU ha­be. Mer­kel hält sich da­ge­gen eher an die For­mu­lie­rung, wo­nach das „pri­vi­le­gier­te Ver­hält­nis“ der Tür­kei zur EU wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den soll, falls die Tür­kei nicht al­le Vor­aus­set­zun­gen er­fül­len oder die EU nicht auf­nah­me­fä­hig sein soll­te.

Die Prak­ti­ker der Part­ner­schaft be­schäf­ti­gen sich der­weil mit ganz an­de­ren Aspek­ten: 72 000 tür­kisch­stäm­mi­ge Un­ter­neh­mer ha­ben in Deutsch­land gut 350 000 Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. An­de­rer­seits ist Deutsch­land der wich­tigs­te tür­ki­sche Han­dels­part­ner, ha­ben 4000 deut­sche Un­ter­neh­men ei­ne Tür­kei-Ver­tre­tung und lie­fern Wa­ren für 15 Mil­li­ar­den Eu­ro an den Bo­spo­rus. 49 Jah­re nach dem deutsch­tür­ki­schen An­wer­be­ab­kom­men hat zu­dem ei­ne Ab­stim­mung mit den Fü­ßen be­gon­nen: die be­weg­li­chen, in­no­va­ti­ven und fin­di­gen Tür­ken fan­gen an, Deutsch­land zu ver­las­sen. Jähr­lich ge­hen rund 10 000 Tür­ken mehr aus Deutsch­land in die Tür­kei zu­rück, als Tür­ken nach Deutsch­land kom­men.

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