Er­käl­tet: Wes­tern­ha­gen in Köln

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

KÖLN Der An­fang war mit­rei­ßend. Die Büh­ne sah aus wie ein Va­rie­té der Bel­le Epo­que. Ge­raff­te Vor­hän­ge, viel Bor­deaux, ein biss­chen Blau, schumm­ri­ges Licht. Als Wes­tern­ha­gen auf­trat, auf dün­nen Bei­nen, die Hand­rü­cken in die Hüf­ten ge­drückt, schrien die 14 000 Men­schen in der Köl­ner Are­na. Und als sie „Es geht mir gut“ er­kann­ten, ein mit Wucht und in schmerz­haf­ter Laut­stär­ke ge­zün­de­ter Kra­cher aus gro­ßer Zeit, ras­te­ten die meis­ten Leu­te aus wie re­bel­li­sche Zahn­rä­der: Nach vier Mi­nu­ten hat­te der 61-jäh­ri­ge Volks­sän­ger das Pu­bli­kum da, wo an­de­re Künst­ler es in zwei St­un­den nicht hin­be­kom­men.

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen ist wie­der auf Tour­nee, da­bei hat­te er vor Jah­ren ver­kün­det, ei­gent­lich wol­le er das nicht mehr: die gro­ßen Hal­len. Er hat in New York ei­ne neue Plat­te auf­ge­nom­men. Sie heißt „Wil­li­ams­burg“, bie­tet Rhythm and Blues – und ist nur be­dingt büh­nen­taug­lich. Wes­tern­ha­gen wid­me­te ihr ein Drit­tel des Kon­zerts. Da stand er mit dem Rü­cken zum Pu­bli­kum, zuck­te im Gi­tar­ren­ge­wit­ter, das zum Ab­schluss des Songs „Wir ha­ben die Schnau­ze voll“ auf die Leu­te her­ab­ging, und sang miss­glück­te Rei­me: „Wir glaub­ten an El­vis und Sci­en­to­lo­gen / Das reimt sich ver­dammt gut / Auf wir wur­den be­tro­gen.“ Da­zu lie­fen auf der Vi­deo­wand Bil­der von Ver­mumm­ten. Bei „Hey, hey“ frag­te man sich gar, war­um er es spiel­te: „Hei­li­ger Oba­ma / Bud­dha oder Ra­ma / Na­tio­na­les Kar­ma / Dann ein letz­ter Furz“.

Vi­el­leicht spür­te Wes­tern­ha­gen das Frem­deln vie­ler Fans mit der ak­tu­el­len Wen­de in sei­nem Werk. Hät­te man die Er­re­gungs­zu­stän­de ge­mes­sen, wä­ren die Aus­schlä­ge nach un­ten eben­so stark ge­we­sen wie die nach oben. „Vie­len Dank, dass die Stü­cke vom neu­en Al­bum so gut an­ge­nom­men wer­den“, sag­te er und klang nicht mal sar­kas­tisch. Er leg­te „Ganz und Gar“ von 1988 nach, die Num­mer Si­cher.

Mu­si­ka­lisch war das Ni­veau hoch. Sie­ben von Ke­vin Bents an­ge­führ­te Män­ner, die Wüstensand auf die von Ohio träu­men­den neu­en Stü­cke streu­ten und die al­ten Sa­chen an­fet­te­ten und boo­gi­fi­zier­ten. Zwei sehr gu­te Back­ground­sän­ger sorg­ten für Tie­fe. Wes­tern­ha­gen trat in schwar­zer Ja­cke und Röh­ren­jeans auf. Er trug ei­ne run­de Son­nen­bril­le mit stahl­blau­en Glä­sern und ei­nen Schal im sel­ben Farb­ton. Er sah aus wie der Bö­se­wicht in ei­ner die­ser Ed­gar-Wal­lace-Ver­fil­mun­gen aus den Sech­zi­gern. Die spiel­ten in London, wur­den aber in ei­nem Ham­bur­ger Stu­dio ge­dreht.

Er krän­ke­le, sag­te er, „hab mir was ein­ge­fan­gen“. Stimm­lich an­spruchs­vol­le Stü­cke wie „Al­lei­ne“ ge­lan­gen in­des ta­del­los. So hat­te man fast ein schlech­tes Ge­wis­sen, dass man ge­kom­men war, wenn Wes­tern­ha­gen in sei­nen An­sa­gen im­mer wie­der das Han­di­cap an­sprach: „Ich glaub­te, dass ich den Abend nicht über­steh’.“ „Drückt mir die Dau­men, dass die Er­käl­tung bald weg­geht.“ „Ich ver­su­che al­les, was geht, raus­zu­ho­len.“ „Mir egal, wie ich mich mor­gen fühl‘.“

Was ihn aus­zeich­net, sind sei­ne Be­schrei­bun­gen der zur Not­wehr ge­zwun­ge­nen Lo­ser und Lie­bes­su­cher in der al­ten BRD. „Mit 18“ war ein Hö­he­punkt der Show. Aber die Dis­tanz zu den Songs aus den frü­hen 80ern spür­te man mit­un­ter doch. „Mit Pfef­fer­minz bin ich dein Prinz“ leg­te er zu­nächst tie­fer und ver­wan­del­te es in schwe­ren Blues­rock, um sich für die Mit­gröl-Ver­si­on vor­zu­be­rei­ten. Tat­säch­lich pas­sen Zei­len wie „Pip­pi ist kein Na­me und auch kein Ge­tränk“ nicht mehr so recht zur Ins­ze­nie­rung.

Am En­de gab es „Wie­der hier“, „Lich­ter­loh“ und die ge­samt­deut­sche Feu­er­zeug­bal­la­de „Frei­heit“. 26 Songs brach­te Wes­tern­ha­gen. Da­für be­dank­ten sich die Fans mit ei­ner rüh­ren­den Ges­te: „Oh, wie ist das schön“, san­gen sie.

FO­TO: PE­TER WAFZIG

Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen (61) in der Lan­xess Are­na.

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