Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman -

füh­le mich ihr nah und gleich­zei­tig im Dun­keln in die­sem Bett über ihr auch fern. Als Kin­der ha­ben wir uns oft über un­se­re El­tern lus­tig ge­macht.

Es muss min­des­tens schon drei Uhr sein. Die Ge­räu­sche von ne­ben­an sind ver­stummt. Fast bin ich schon weg­ge­däm­mert. Es ist be­hag­lich im Dun­keln. Wir kön­nen uns ge­gen­sei­tig at­men hö­ren, doch weil wir un­se­re Ge­sich­ter da­bei nicht se­hen kön­nen, ist es wie im Beicht­stuhl, wo sich kein Ge­sichts­aus­druck of­fen­bart, kein Ur­teil und kei­ne Scham. Mir ist klar, dass sich jetzt ei­ne Chan­ce wie vi­el­leicht nie wie­der bie­tet.

„Pa­pa sag­te, in dem La­ger in Dra- chen­see sei dir et­was pas­siert. Et­was mit Zi­ga­ret­ten. Kannst du dich dar­an er­in­nern?”

„Na­tür­lich kann ich mich dar­an er­in­nern.”

Jetzt war­te ich, dass sie mehr er­zählt. Aber nach ei­ner Wei­le sagt sie: „Es gibt Din­ge, die man lie­ber nicht wis­sen soll­te, Na­dia.”

„Ich weiß. Aber er­zähl es mir trotz­dem.”

Das Ar­beits­la­ger in Dra­chen­see war ein weit­läu­fi­ger, häss­li­cher, chao­ti­scher und grau­sa­mer Ort. Hier leb­ten in nied­ri­gen ver­laus­ten Be­ton­ba­ra­cken auf engs­tem Raum zu­sam­men­ge­pfercht Zwangs­ar­bei­ter aus Po­len, der Ukrai­ne und Weiß­russ­land, die man ge­holt hat- te, um mit ih­ren Kräf­ten das deut­sche Kriegs­trei­ben zu un­ter­stüt­zen, hol­län­di­sche und bel­gi­sche Kom­mu­nis­ten und Ge­werk­schaf­ter, die hier um­er­zo­gen wer­den soll­ten, Zi­geu­ner, Ho­mo­se­xu­el­le, Kri­mi­nel­le, Ju­den auf Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg in den Tod eben­so wie In­sas­sen von Heil­an­stal­ten und ge­fan­gen ge­nom­me­ne Wi­der­stands­kämp­fer. Die ein­zi­ge Ord­nung, die in ei­nem sol­chen La­ger herr­schen konn­te, war das Ge­setz des Ter­rors. Und des­sen Re­geln gal­ten auf je­der Ebe­ne. Je­de Ge­mein­schaft, je­de Un­ter­grup­pe hat­te ih­re ei­ge­ne Hier­ar­chie, ih­re ei­ge­nen Re­geln und ih­re ei­ge­ne Art von Ter­ror.

Ganz oben in der Hier­ar­chie der Zwangs­ar­bei­ter­kin­der stand ein ma­ge­rer, ver­schla­gen aus­se­hen­der Jun­ge na­mens Kish­ka. Er war vi­el­leicht sech­zehn Jah­re alt, je­doch schmäch­tig für sein Al­ter, was da­mit zu tun ha­ben moch­te, dass er ei­ne Kind­heit in Hun­ger und Elend hin­ter sich hat­te. Mög­li­cher­wei­se hing es aber auch da­mit zu­sam­men, dass er viel zu früh an­ge­fan­gen hat­te zu rau­chen. Jetzt rauch­te er vier­zig Zi­ga­ret­ten am Tag.

Ob­wohl er so klein war, hat­te Kish­ka stän­dig ei­ne Cli­que grö­ße­rer Kin­der um sich her­um, die ihm aufs Wort ge­horch­ten. Zu die­sen ge­hör­ten sein Kum­pan Va­nen­ko, ein Scheu­sal, zwei gro­ße, nicht eben hel­le mol­da­wi­sche Jun­gen und ein ge­fähr­li­ches Mäd­chen mit ir­rem Blick, Le­na. Die­ser Le­na schie­nen die Zi­ga­ret­ten nie aus­zu­ge­hen – man er­zähl­te sich, dass sie mit den Wäch­tern schlief. Um Kish­ka und sei­ne Ban­de mit Zi­ga­ret­ten zu ver­sor­gen, wur­den die an­de­ren Kin­der „be­steu­ert”, das heißt, sie muss­ten die Zi­ga­ret­ten ih­rer El­tern steh­len und sie Kish­ka aus­hän­di­gen, da­mit er sie ver­tei­len konn­te. Wer nicht mit­mach­te, wur­de be­straft. © 2006 dtv München; aus dem Eng­li­schen von El­fi Har­ten­stein

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