Goe­the – der Held der Ju­gend

Nach dem Berg­stei­ger-Dra­ma „Nord­wand“ legt Phil­ipp Stölzl ei­nen Film über den jun­gen Goe­the vor. Dar­in er­zählt er von der un­glück­li­chen Lie­be des Dich­ters zu Char­lot­te Buff. Sei­ne un­ge­wöhn­lich fri­sche Wir­kung ver­dankt die­ser His­to­ri­en­film sei­nem Haupt­dar

Rheinische Post Goch - - Kino - VON DO­RO­THEE KRINGS

DÜSSELDORF Die­se Lot­te mit den wir­ren Lo­cken und dem ke­cken Hu­mor geht ihm nicht mehr aus dem Sinn. Wie er sie da­heim über­rascht hat, als sie ge­ra­de die Bro­te in den Ofen schob und ih­re Ge­schwis­ter­schar in Schach hal­ten muss­te und so al­ler­liebst aus­sah in all dem Ge­tüm­mel. Nichts lässt Ge­sich­ter ju­gend­li­cher glü­hen als ein we­nig grau­er Mehl­staub auf den ge­rö­te­ten Wan­gen. Al­so be­fiehlt Goe­the, sein Pferd zu sat­teln und prescht hin­aus zu ihr durch die gol­de­nen Fel­der vor Wetzlar, ein ver­lieb­ter Drauf­gän­ger, ganz Sturm und Drang.

Ein Por­trät des jun­gen Dich­ter­ge­nies Jo­hann Wolf­gang von Goe­the hat sich Phil­ipp Stölzl für sei­nem

Goe­the soll sich auf die Ju­ris­te­rei kon­zen­trie­ren – und ver­liebt sich prompt

neu­en Film vor­ge­nom­men, und so setzt er hin­ter den schlich­ten Ti­tel „Goe­the“ ein Aus­ru­fe­zei­chen. Der un­ge­stü­me, der emp­find­sam-ge­nia­li­sche Jun­gli­te­rat soll ge­fei­ert wer­den, ein ra­di­ka­ler Schön­geist, der sich in der Pro­vinz auf die Ju­ris­te­rei kon­zen­trie­ren soll und sich nur um so ent­schie­de­ner ver­liebt. Un­glück­lich na­tür­lich.

Das ist der Stoff, mit dem Stölzl auch jun­ge Zu­schau­er für den größ­ten deut­schen Dich­ter ge­win­nen will. Es ist auch der Stoff, aus dem Goe­the selbst „Die Lei­den des jun­gen Wer­t­her“ ge­macht hat. Und so biegt sich die­ser Film eben die His­to­rie zu­recht und steu­ert dra­ma­tur­gisch ge­schickt auf die­ses Fi­na­le zu: dar­auf, dass Goe­the in tiefs­ter Ver­zweif­lung sei­nen Brief­ro­man aufs Pa­pier wirft und über Nacht be­rühmt wird. Ein Pop-Li­te­rat des 18. Jahr­hun­derts. Ei­ner, der dem Geist sei­ner Zeit die rech­ten Wor­te ein­hauch­te.

Es ist ei­ne er­prob­te Stra­te­gie von Film­re­gis­seu­ren, die Ge­nies ver­gan­ge­ner Epo­chen als ver­kann­te Re­bel­len in Sze­ne zu set­zen, um so Auf­merk­sam­keit für ih­re Per­son zu we­cken. So hat schon Mi­los For­man aus Mo­zart ei­nen über­mü­ti­gen Kom­po­nis­ten­star mit Punk­fri­sur und ir­rem La­chen ge­macht und mit „Ama­de­us“ die Ki­no­sä­le ge­füllt.

Stölzl geht zu­rück­hal­ten­der vor. Zwar dich­tet er Goe­the al­ler­hand dra­ma­ti­sche Er­leb­nis­se an, so muss er sich im Film et­wa du­el­lie­ren und ei­nem Freund beim Selbst­mord zu­se­hen. Doch Stölzl macht aus Goe­the kei­nen kin­di­schen Hoch­be­gab­ten am Ran­de des Wahn­sinns, son­dern ei­nen durch­aus selbst­be­wuss­ten Spross aus gu­tem Hau­se, der ent­schlos­sen ist, sei­ne Lie­be zur Li­te­ra­tur ge­gen den Wil­len des ge­stren­gen Va­ters durch­zu­set­zen. Und so ist die Aus­bil­dung als Re­fe­ren­dar am Reich­kam­mer­ge­richt zu Wetzlar für ihn nur är­ger­li­che Zeit­ver­schwen­dung. Ei­gent­lich will er doch le­ben, lie­ben, Er­fah­run­gen ma­chen, die sich in ed­le Rei­me fas­sen las­sen.

Dass die­se Ge­schich­te nicht zum drö­gen Ko­s­tüm­film ver­kommt, son­dern ei­nen über­ra­schend fri­schen, leb­haf­ten Ein­druck macht, hat Stölzl vor al­lem sei­nem Haupt­dar­stel­ler zu ver­dan­ken. Alexander Fehling hat im Ki­no be­reits be­mer­kens­wer­te, aber lei­der we­nig be­ach­te­te Auf­trit­te ge­habt, et­wa in „Am En­de kom­men Tou­ris­ten“ oder in „13 Se­mes­ter“. Und Pe­ter St­ein hol­te ihn für sei­ne ge­wal­ti­ge Wal­len­stein-Tri­lo­gie in Berlin auf die Büh­ne. Das ju­gend­lich Tem­pe­ra­ment­vol­le, das er dort zeig­te, macht nun auch sei­ne Darstel­lung in „Goe­the!“ so über­zeu­gend und sym­pa­thisch. Die­ser Darstel­ler wirkt wie aus der Ge­gen­wart ge­grif- fen und fügt sich doch ins his­to­ri­sche Bild. Wenn er sei­ner Lot­te in ei­ner Wie­se sei­ne Lie­be in Ge­dicht­form ge­steht, dann wirkt die ge­reim­te Spra­che fast na­tür­lich, als müs­se der ho­he Ton ein­fach sein. Man ahnt dann, dass Goe­the wahr­schein­lich ganz an­ders war, aber es macht Spaß, sich den Dich­ter als ju­gend­li­chen Hel­den vom Charme die­ses Fehling vor­zu­stel­len.

Mo­ritz Bleib­treu da­ge­gen man­gelt es lei­der völ­lig an die­ser his­to­ri­sche Cha­mä­le­on­haf­tig­keit. Stets wirkt er wie hin­ein mon­tiert in die Ku­lis­se des 18. Jahr­hun­derts, was wohl vor al­lem dar­an liegt, dass sein Ge­sicht schon zu oft in mo­der­nen Stof­fen zu se­hen war. Bleib­treu lässt sich ein­fach nicht mehr in an­de­re Epo­chen bea­men. Das war ein Pro­blem in „Jud Süß“, das ist ei­nes in „Goe­the!“. Aber nur ein klei­nes, denn Bleib­treu spielt nur Goe­thes Ri­va­len Kest­ner, ei­nen hu­mor­lo­sen Ak­ten­fres­ser, der dum­mer­wei­se bei Lot­te das letz­te Wort ha­ben wird. Die­se Fi­gur darf ru­hig ein we­nig Fremd­kör­per blei­ben.

Na­tür­lich be­dient auch Stölzl man­ches Kli­schee. Da gibt es die wil­den Rit­te in die Na­tur, die na­tür­lich beim Bad im See en­den. Da wa­tet Goe­the in Wetz­lars Stra­ßen durch den Schlamm, weil sich in­zwi­schen auch un­ter Film­leu­ten her­um­ge­spro­chen hat, dass ver­gan­ge­ne Jahr­hun­der­te schmut­zig wa­ren. Und wie die pla­to­ni­sche Lie­be zu Lot­te im Film dann doch die Un­schuld ver­liert, ist nach ro­man­ti­schen Ge­mäl­den in Sze­ne ge­setzt. Doch da­für gibt es die­se Sze­nen mit fei­nem Hu­mor, et­wa, wenn Goe­the sei­nen Va­ter Hen­ry Hüb­chen von sei­ner neu­en Li­te­ra­ten­kar­rie­re be­rich­tet und just die Ab­leh­nung sei­nes jüngs­ten Ma­nu­skrip­tes ein­trifft. Die­ser „Goe­the!“ könn­te tat­säch­lich auch ein jun­ges Pu­bli­kum fin­den. Das Aus­ru­fe­zei­chen hat der Film ver­dient.

FO­TO: WARNER BROS.

Der Tri­umph steht am En­de: Goe­the (Alexander Fehling, M.) wird für sei­nen Ro­man „Die Lei­den des jun­gen Wer­t­her“ be­ju­belt.

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