Streit um Mut­ter­schutz

Das EU-Par­la­ment will die Ge­set­ze eu­ro­pa­weit so an­pas­sen, dass in al­len Län­dern Müt­ter für 20 Wo­chen zu Hau­se blei­ben dür­fen. Die deut­sche Wirt­schaft fürch­tet dras­ti­sche Mehr­kos­ten.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON M. BRÖCKER, A. INGENRIETH UND C. NÜNEMANN

BERLIN/BRÜSSEL Das al­tern­de Eu­ro­pa braucht mehr Kin­der: Die Ge­bur­ten­ra­ten sol­len stei­gen, Fa­mi­lie und Be­ruf bes­ser ver­ein­bar sein. Ein Bei­trag zu die­sem Ziel ist der Mut­ter­schutz – und um den gibt es hand­fes­ten Streit in der EU. Das Eu­ro­pa­par­la­ment stimmt mor­gen über ei­ne Ver­län­ge­rung von 14 auf 20 Wo­chen bei vol­lem Lohn­aus­gleich ab. Zu­dem soll eu­ro­pa­weit ein voll­stän­dig be­zahl­ter zwei­wö­chi­ger Va­ter­schafts­ur­laub ein­ge­führt wer-

„Die­se über­zo­ge­nen Be­stim­mun­gen ge­hen

ein­deu­tig zu weit“

den. Bei­des soll für An­ge­stell­te wie Selbst­stän­di­ge gel­ten. Die­ser Be­schluss des Frau­en­aus­schus­ses hat gu­te Chan­cen auf ei­ne Mehr­heit im Plenum. Bun­des­re­gie­rung und Ar­beit­ge­ber schla­gen Alarm.

Die­se „über­zo­ge­nen Mut­ter­schutz­be­stim­mun­gen“ gin­gen „ein­deu­tig zu weit“, wet­tert der Prä­si­dent der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de, Die­ter Hundt. „Statt die Be­schäf­ti­gungs­chan­cen von Frau­en zu ver­bes­sern, könn­te die Ver­län­ge­rung der Mut­ter­schutz­frist so­gar ei­ne Ein­stel­lungs­er­schwer­nis für Frau­en dar­stel­len.“ Knack­punkt sind die Mehr­kos­ten: Wirt­schaft und öf­fent­li­che Haus­hal­te in Deutsch­land wer­den durch die Neu­re­ge­lung nach Be­rech­nun­gen des Fraun­ho­fer-In­sti­tuts für das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um mit 1,7 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr zu­sätz­lich be­las­tet. Al­lein für die ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen fie­len Zu­satz­kos­ten von rund 218 Mil­lio­nen Eu­ro beim Mut­ter­schafts­geld an, für den Bund 30 Mil­lio­nen und die Ar­beit­ge­ber 405 Mil­lio­nen. Für die Aus­wei­tung auf Selbst­stän­di­ge kä­men 490 Mil­lio­nen hin­zu, wo­bei un­klar ist, wer die­se trägt. Der Va­ter­schafts­ur­laub wür­de mit zu­sätz­lich 435 Mil­lio­nen Eu­ro zu Bu­che schla­gen.

„Bei uns wird be­reits heu­te ein ho­hes Schutz­ni­veau für Müt­ter ge­währ­leis­tet: Ne­ben 14 Wo­chen Mut­ter­schutz be­steht die Mög­lich­keit, un­mit­tel­bar im An­schluss an den Mut­ter­schutz für bis zu drei Jah­re in El­tern­zeit zu ge­hen, wo­von 14 Mo­na­te durch das El­tern­geld ab­ge­si­chert sind“, sag­te Do­ro­thee Bär, Vi­ze-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der CSU, un­se­rer Zei­tung. Auch die Re­gie­rung hält die deut­schen Re­geln für aus­rei­chend. Es ge­be kei­nen An­lass, von der der­zei­ti­gen Pra­xis von sechs Wo­chen vor und acht Wo­chen nach dem Ent­bin­dungs­ter­min ab­zu­rü­cken, sag­te ei­ne Spre­che­rin des Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­ums.

Die SPD be­grüßt den Vor­stoß der EU, pran­gert aber die Ze­men­tie­rung der Rol­len­zu­tei- lung an. „Ich hat­te von der EU mehr Fort­schritt er­war­tet“, sag­te SPD-Frak­ti­ons­vi­ze El­ke Fer­ner un­se­rer Zei­tung. Bes­ser wä­re es, wenn sich die Part­ner die Zeit des Mut­ter­schut­zes tei­len könn­ten. Die Grü­nen hin­ge­gen leh­nen ei­ne part­ner­schaft­li­che Tei­lung des Mut­ter­schut­zes ab. „Beim Mut­ter- schutz geht es nicht um Vä­ter“, sag­te Bea­te Mül­ler-Ge­me­ke, Spre­che­rin für Ar­beit­neh­mer­rech­te der Grü­nen-Frak­ti­on. Die Kin­der­be­treu­ung durch den Va­ter sol­le wei­ter­hin über das El­tern­geld und nicht über den Mut­ter­schutz fi­nan­ziert wer­den.

Bis­her klaf­fen die Mut­ter­schutz-Fris­ten in Eu­ro­pa weit aus­ein­an­der (sie­he Gra­fik). Dass es in Deutsch­land über den Mut­ter­schutz hin­aus um­fas­sen­den An­spruch auf El­tern­zeit gibt, wird we­der von der Kom­mis­si­on noch von der Mehr­heit des Par­la­ments be­rück­sich­tigt. Der so­zi­al­po­li­ti­sche Spre­cher der CDU/CSUAb­ge­ord­ne­ten im Eu­ro­pa­par­la­ment, Tho­mas Mann, for­dert des­halb: „Deutsch­land braucht als ,Ba­by­schutz-Eu­ro­pa­meis­ter’ drin­gend ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung, die ei­ne Bei­be­hal­tung der 14 Wo­chen Mut­ter­schutz­frist auf­grund un­se­rer ma­xi­mal drei Jah­re El­tern­zeit er­mög­licht.“

Die Kom­mis­si­on hat­te im Ok­to­ber 2008 ei­ne Ver­län­ge­rung des Mut­ter­schut­zes in der EU von der­zeit 14 auf 18 Wo­chen vor­ge­schla­gen. Sie ver­zich­te­te aber nach hef­ti­gen Pro­tes­ten auf die Ver­pflich­tung zu vol­lem Lohn­aus­gleich und Va­ter­schafts­ur­laub. Kon­kret schreibt sie den EU-Län­dern in ih­ren Le­gis­la­tiv-Plä­nen ei­nen Be­trag vor, der min­des­tens der Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall ent­spricht. Im Fe­bru­ar ging dann der Frau­en­aus­schuss weit über die Kom­mis­si­ons­plä­ne hin­aus. So weit, dass selbst Kom­mis­si­ons-Vi­ze Vi­via­ne Re­ding im Sep­tem­ber das Par­la­ment vor den Fol­gen ei­ner über­zo­ge­nen Aus­wei­tung warn­te. Ne­ben Par­la­ment und Kom­mis­si­on muss auch der EU-Mi­nis­ter­rat ei­ner Ver­län­ge­rung des Mut­ter­schut­zes zu­stim­men. Dort ist der Vor­schlag un­ter den 27 EU-Staa­ten um­strit­ten: Laut Brüs­se­ler An­ga­ben sprach sich zu­letzt ei­ne gro­ße Mehr­heit der Re­gie­run­gen für ei­ne Ver­län­ge­rung aus, et­wa ein Drit­tel war da­ge­gen – dar­un­ter auch Berlin.

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