Stutt­gart – un­ter­wegs mit den Geg­nern

Viel zu teu­er, un­nö­tig, un­durch­schau­bar: Das sind die Haupt­ein­wän­de der­je­ni­gen, die das Mam­mut- Bahn­hofs­pro­jekt ab­leh­nen. Vie­le von ih­nen sind bra­ve Bür­ger, he­gen aber zu­gleich heim­li­che Be­wun­de­rung für die ra­di­ka­le­ren Pro­test­ler. Auch ges­tern wur­de wie­de

Rheinische Post Goch - - Politik - VON REIN­HOLD MICHELS

STUTT­GART Jür­gen Has­sold fährt seit zehn Wo­chen Mon­tag für Mon­tag vom All­gäu in sei­ne Ge­burts­stadt Stutt­gart. Has­sold, ein Be­triebs­wirt um die 60, der 33 Jah­re bei IBM ge­ar­bei­tet hat, ist ei­ner der 10 000 De­mons­tran­ten, die sich ges­tern Abend zur 48. Pro­test­ak­ti­on ge­gen das ge­wal­ti­ge Bahn­hofs-und Ci­ty­Neu­bau­pro­jekt Stutt­gart 21 im Schloss­park, der grü­nen Lun­ge der Lan­des­haupt­stadt Ba­den-Würt­tem­bergs, ver­sam­melt ha­ben.

Ord­ner ach­ten dar­auf, dass Fahr­rä­der rich­tig

ge­parkt wer­den

Has­sold friert. Es sei „schat­tig“, meint er. Aber De­mo müs­se sein, „160 Ki­lo­me­ter vom All­gäu nach Stutt­gart, egal“. Sei­ne Frau sorgt für die Pfer­de, sonst wä­re sie mit­ge­kom­men. Jür­gen Has­sold hängt am al­ten Haupt­bahn­hof, wo er sich als zwölf­jäh­ri­ger Pfad­fin­der mit an­de­ren Jun­gen ge­trof­fen hat. In Stutt­gart ha­ben die Has­solds ei­nen Zweit­wohn­sitz – An­häng­lich­keit an die Stadt der Ju­gend und des Be­rufs­le­bens.

Jür­gen Has­sold hat wie vie­le Stutt­gart-21-Geg­ner die­se Haupt­ein­wän­de – ers­tens: Viel zu teu­er sei das Gan­ze, bis zu 15 Mil­li­ar­den Eu­ro hält er für rea­lis­tisch. Dem Land dro­he der Bank­rott, der nach­wach­sen­den Ge­ne­ra­ti­on droh­ten un­ge­heu­re Schul­den­las­ten. Zwei­tens: Stutt­gart ha­be seit Jahr­zehn­ten ei­ne sta­bi­le Ein­woh­ner­zahl, brau­che des­halb auch kei­ne neu­en Im­mo­bi­li­en­flä­chen, wel­che die Pro­jekt­pla­ner für so drin­gend not­wen­dig er­ach­te­ten. Drit­tens: Die Be­völ­ke­rung sei nie über die Kom­ple­xi­tät des Vor­ha­bens rich­tig ins Bild ge­setzt wor­den. Has­sold setzt auf ei­nen Volks­ent­scheid oder, wenn das ju­ris­tisch un­mög­lich ist, „we­nigs­tens auf ei­ne Volks­be­fra­gung“. Der Mann ist rechtstreu, des­halb sagt er: „Wenn die Mehr­heit für Stutt­gart 21 ist, beu­gen wir uns na­tür­lich.“

Has­sold ist nicht nur rechtstreu, son­dern auch ord­nungs­lie­bend. Je­den Mon­tag­abend mel­det er sich frei­wil­lig bei den De­mo-Ver­an­stal­tern zum Ord­nungs­dienst: „Man trägt ei­ne Bin­de um den Arm und ach­tet drauf, dass die Fahr­rä­der rich­tig ge­parkt wer­den und nie­mand auf der an­gren­zen­den Stra­ße zu Scha­den kommt oder den Ver­kehr be­hin­dert.“ Aha, denkt man, ei­ner der sprich­wört­li­chen deut­schen Re­vo­luz­zer, die frei nach Le­nin ei­ne Bahn­steig­kar­te lö­sen, be­vor sie ei­nen Bahn­hof er­stür­men.

Mag schon so sein, aber es gibt auch an­de­re, Kes­se­re, im Stutt­gar­ter Bahn­hofs­kampf. Bei­spiels­wei­se Ingrid Wet­ter­mann, Mar­lies Rie­der, Li­sa Sen­le­vend. Auch die­se drei schau­en bür­ger­lich-adrett aus; statt Bro­schen tra­gen sie But­tons mit maß­voll kämp­fe­ri­schen Aus­sa­gen: „Ge­mein­sam S 21 stop­pen“, auch: „Fried­lich ge­gen S 21“. Aber ein we­nig schei­nen die Mitt­fünf­zi­ge­rin­nen doch Lust zu ha­ben, die Ob­rig­keit in Gestalt der Po­li­zis­ten zu pie­sa­cken. Sie wür­den am liebs­ten auf die noch nicht ge­fäll­ten al­ten Park­bäu­me klet­tern, wie das die jun­gen Wil­den, die „Park­schüt­zer“, tun.

Die drei Da­men be­wun­dern die­se frei­en Ra­di­ka­len, die in Baum­kro­nen Mahn­wa­chen hal­ten: „Lei­der kön­nen wir da nicht mehr hoch­klet­tern“, meint Wet­ter­mann. Bei dem Was­ser­wer­fer-Abend des 30. Sep­tem­ber ha­ben sich die La­dies je­des Mal weg­ge­duckt, wenn die Po­li­zei „Was­ser marsch!“ be­fahl. Has­sold hat­te sich am „Schmut­zi­gen Don­ners­tag“ oder „Ta­li-Bahn-An­schlag“, wie ge­spot­tet wird, gar nicht erst in Ge­fahr be­ge­ben. Ingrid Wet­ter­mann, Mar­lies Rie­der, Li­sa Sen­le­vend hin­ge­gen schau­en he- raus­for­dernd auf die ne­ben ih­nen ste­hen­den Po­li­zis­ten und ru­fen pro­vo­zie­rend: „Wir wa­ren mit­ten­drin am 30. Sep­tem­ber!“ Das soll nach Front­kämp­fer-Er­fah­rung klin­gen. Da die Da­men aber aus den Au­gen­win­keln zwin­kern, über­wiegt auch hier der Ein­druck: Die sind noch nicht oft in ih­rem Bür­ge­rin­nen-Le­ben bei Rot über die Stra­ße ge­gan­gen. Ingrid Wet­ter­mann ki­chert: „Wenn der Tief­bahn­hof doch kommt, zie­he ich weg, in die ehe­ma­li­ge DDR.“ Mar­lies Rie­der und Li­sa Sen­le­vend hal­ten das für reich­lich keck.

Ge­ra­de als sie Rich­tung Tri­bü­ne ge­hen, von wo Mu­sik dröhnt und Wort­fet­zen der Bahn­hofs­bau-Geg­ner akus­tisch kon­kur­rie­ren, streunt ein kau­zi­ger Typ übers leicht ver­schlamm­te Ge­län­de. Auf dem Kopf trägt er ei­ne Woll­müt­ze, auf der Müt­ze hockt ein Pa­pa­gei. Nicht weit von die­sem Uni­kum hat je­mand die „Freie Re­pu­blik Schloss­park“ aus­ge­ru­fen. Die Pro­test-und Trau­er­ge­mein­de, die den ge­fäll­ten Park­bäu­men nach­weint, hat Holz­kreu­ze er­rich­tet, Fried­hofs-Va­sen und Gr­ab­lich­ter auf­ge­stellt. Das Kon­ter­fei ei­nes welt­be­rühm­ten For­schers ist zu se­hen. Es hängt an ei­ner Bu­che. Zu le­sen ist dies: „Die­ser Baum stand schon, als Charles Dar­win die ,Ent­ste­hung der Ar­ten’ schrieb.“ Die Groß­bot­schaft im Park heißt: Hän­de weg von un­se­rem Freund, dem Baum! Ein Alexander-von-Hum­boldt-Zi­tat ver­edelt das Her­zens­an­lie­gen: „Habt Ehr­furcht vor dem Baum.“

FO­TO: DAPD

Vor dem Haus der Ab­ge­ord­ne­ten in Stutt­gart pro­tes­tier­ten ges­tern Stutt­gart-21-Geg­ner. Die De­mons­tran­ten hiel­ten ei­nem Kro­ko­dil aus Papp­ma­schee Pla­ka­te ent­ge­gen mit den Auf­schrif­ten „Baustopp“ und „Volks­ent­scheid“ und for­der­ten: „Herr Map­pus, be­we­gen Sie sich!“.

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