„Bun­des­wehr-Re­form be­un­ru­higt Sol­da­ten“

Der Vor­sit­zen­de des Bun­des­wehr­ver­ban­des, Oberst Ul­rich Kirsch, zur quä­len­den Un­ge­wiss­heit in der Trup­pe über ih­re Zu­kunft

Rheinische Post Goch - - Politik -

BERLIN (may-) Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg ( CSU) hat ge­wal­ti­ge Ein­schnit­te in die Struk­tur der Bun­des­wehr ein­ge­lei­tet. Bis Mit­te No­vem­ber sol­len die Par­tei­ta­ge von CSU und CDU über ein Aus­set­zen der Wehr­pflicht ent­schei­den. Auch ein Ab­sen­ken des Per­so­nal­um­fangs von der­zeit 250 000 auf dann 163 500 und die dar­aus fol­gen­den Stand­ort­ver­lus­te sor­gen für Un­ru­he un­ter den Bun­des­wehr-Sol­da­ten, de­ren Ver­band sich nun zu Wort mel­det und Er­klä­run­gen ein­for­dert. Die Trau­er­fei­er für den in Af­gha­nis­tan ge­fal­le­nen Sol­da­ten hat we­nig Re­so­nanz ge­fun­den. Ge­wöh­nen sich die Deut­schen an die neu­en Kriegs­to­ten? Kirsch Das treibt mich um. Wir dür­fen uns nicht dar­an ge­wöh­nen. Je­der Ver­lust ist an Tra­gik nicht zu über­bie­ten. Es darf nicht zur Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den, dass in Af­gha­nis­tan deut­sche Sol­da­ten fal­len. Das müs­sen die Ver­ant­wort­li­chen deut­li­cher ma­chen. Zu den Ver­ant­wort­li­chen zäh­le ich üb­ri­gens nicht nur den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, son­dern je­des Mit­glied der Bun­des­re­gie­rung und des Bun­des­ta­ges. Wie den­ken die Sol­da­ten über den Af­gha­nis­tan-Ein­satz? Kirsch Wir ver­mis­sen die an­ge­kün­dig­te Bi­lanz des mi­li­tä­ri­schen und zi­vi­len En­ga­ge­ments. Zwar hat die Re­gie­rung er­klärt, dass sie Kri­te­ri­en er­ar­bei­ten wol­le, um Fort­schrit­te oder Rück­schrit­te eva­lu­ie­ren zu kön­nen. Wir wis­sen aber im­mer noch nicht, wo wir dort ste­hen. Das mah­ne ich drin­gend an. Gibt es we­nigs­tens Fort­schrit­te bei der Aus­rüs­tung? Kirsch Es gibt wei­ter­hin zu we­nig Ge­rät, um sich in Deutsch­land auf den Ein­satz vor­be­rei­ten zu kön­nen. Das muss drin­gend be­rei­nigt wer­den. Das ge­hört mit in die Bi­lanz. Der Wehr­be­auf­trag­te kri­ti­siert im­mer wie­der die zu ge­rin­ge Stück­zahl an Fahr­zeu­gen und Waf­fen­sys­te­men, um op­ti­mal aus­ge­bil­det in den Ein­satz ge­hen zu kön­nen. Das wird dann kurz dis­ku­tiert, aber in der Wahr­neh­mung der meis­ten Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten än­dert sich we­nig. Wie ist die Stim­mung in der Trup­pe an­ge­sichts des be­vor­ste­hen­den To­tal­Um­baus der Streit­kräf­te? Kirsch Ich ha­be den Ein­druck, dass die deut­sche Dis­kus­si­on über die neue Bun­des­wehr von den Er­eig­nis­sen im Ein­satz ab­lenkt. Das darf nicht pas­sie­ren. Bei der künf­ti­gen Struk­tur dür­fen wir zu­dem nicht in ei­nen ober­fläch­li­chen Wett­lauf um die per­so­nel­le Ober­gren­ze kom­men. Wer Per­so­nal­stär­ken nennt, muss auch sa­gen, wie er die­se se­ri­ös be­zah­len will. Wenn wir wie­der in ei­ne Struk­tur hin­ein­lau­fen, die un­ter­fi­nan­ziert ist, dann kön­nen wir uns die gan­ze Re­form spa­ren. Das wä­re kon­tra­pro­duk­tiv. Wie es um un­ter­fi­nan­zier­te Streit­kräf­te be­stellt ist, er­le­ben wir je­den Tag und ha­ben wir in der Ver­gan­gen­heit schon zur Ge­nü­ge er­lebt. Un­se­re Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten müs­sen kla­re Per­spek­ti­ven ha­ben. Es darf in Zu­kunft kei­ne hoh­len Struk­tu­ren mehr ge­ben. Der Mi­nis­ter will erst Mit­te nächs­ten Jah­res über die Zu­kunft ein­zel­ner Stand­or­te ent­schei­den – ist die­se Frist zu lang? Kirsch Die Stim­mung ist an­ge­spannt. Al­le war­ten dar­auf, dass Ent­schei­dun­gen so bald wie mög­lich fal­len. Der Schwe­be­zu­stand wird im Mo­ment noch ak­zep­tiert. Aber so­bald der Rah­men ge­stal­tet ist, muss schnellst­mög­lich klar wer­den, was aus den Stand­or­ten wird. Die Un­ge­wiss­heit ist ei­ne ex­tre­me Be­las­tung für die Trup­pe und ih­re Fa­mi­li­en. Sie ver­mis­sen die In­for­ma­ti­on? Kirsch Ich fin­de es gut, wie der Mi­nis­ter und der Ge­ne­ral­in­spek­teur sich kürz­lich bei ei­ner Ver­samm­lung von Spie­ßen der Bun­des­wehr um Auf­klä­rung be­müht ha­ben. So in­ten­siv, wie Herr zu Gut­ten­berg in der Po­li­tik für das Aus­set­zen der Wehr­pflicht und den Um­bau der Bun­des­wehr ge­wor­ben hat, so er­war­ten auch die Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten, zu er­fah­ren und zu ver­ste­hen, wo­hin die Rei­se geht. Die Trup­pe braucht Ant­wor­ten. Die Un­ru­he ist sehr, sehr groß.

Gregor Mayntz führ­te das Ge­spräch.

FO­TO: DDP

Oberst Ul­rich Kirsch (59) führt seit 2009 den Bun­des­wehr­ver­band. Der Ver­ein ver­tritt die In­ter­es­sen der Sol­da­ten und ih­rer Fa­mi­li­en. Er hat nach ei­ge­nen An­ga­ben über 200000 Mit­glie­der.

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