Tür­kei: Gro­ße Hoff­nun­gen in Wul­ff

Der ers­te Tür­kei-Be­such ei­nes Bun­des­prä­si­den­ten seit zehn Jah­ren weckt in dem Land am Bo­spo­rus die Hoff­nung auf ei­nen neu­en Schub für die Be­zie­hun­gen bei­der Län­der. Als Ga­rant gilt da­für ne­ben Wul­ff der Gast­ge­ber, Prä­si­dent Ab­dul­lah Gül.

Rheinische Post Goch - - Politik - VON THO­MAS SEI­BERT

ISTAN­BUL Die Tür­kei er­hofft sich von dem heu­te of­fi­zi­ell be­gin­nen­den Be­such von Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff wich­ti­ge Im­pul­se für die deutsch-tür­ki­schen Be­zie­hun­gen. Wul­ffs Äu­ße­run­gen zum Is­lam und sein Be­kennt­nis zu den tür­ki­schen EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen wur­den in der Tür­kei po­si­tiv auf­ge­nom­men. Nun wird wäh­rend des ers­ten Be­su­ches ei­nes deut­schen Prä­si­den­ten in der Tür­kei seit zehn Jah­ren ein neu­er Schub für das bi­la­te­ra­le Ver­hält­nis er­war­tet.

Ei­ne gro­ße Rol­le spielt da­bei Wul­ffs Gast­ge­ber, der tür­ki­sche Prä­si­dent Ab­dul­lah Gül. Nach tür­ki­schen Pres­se­be­rich­ten ver­spricht sich die tür­ki­sche Sei­te viel vom per­sön­li­chen Kon­takt zwi­schen den bei­den Prä­si­den­ten, die wäh­rend des Be­su­ches viel Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen wer­den: Gül und Wul­ff se­hen sich in die­ser Wo­che in An­ka­ra, in Kay­se­ri und in Istan­bul. In der re­gie­rungs­na­hen Zei­tung „Za­man“ war be­reits von der „Ach­se GülWul­ff“ die Re­de, die den Be­zie­hun­gen neu­en Schwung ver­schaf­fen könn­te. Schließ­lich kön­ne Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) we­gen in­ner­par­tei­li­cher Wi­der­stän­de in der Uni­on in der Fort­ent­wick­lung der Be­zie­hun­gen nicht mehr viel wei­ter ge­hen, hieß es.

Ei­nen An­satz für die neue „Ach­se“ sieht die Tür­kei vor al­lem in Wul­ffs Is­lam-Äu­ße­run­gen. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen hat­te Gül den deut­schen Prä­si­den­ten ge­gen Kri­tik aus den deut­schen Uni­ons­par­tei­en in Schutz ge­nom­men. Es ist zu er­war­ten, dass bei­de Prä­si­den­ten bei ih­rer ers­ten Be­geg­nung in An­ka­ra heu­te die Men­schen in bei­den Län­dern zu mehr To­le­ranz und Mit­ein­an­der auf­ru­fen wer­den.

An­lass da­zu ha­ben bei­de Po­li­ti­ker. So fremd sich Deut­sche und Tür­ken manch­mal schei­nen mö­gen, so ähn­lich sind sie sich doch zu­min­dest bei ih­rer durch­schnitt­li­chen In­to­le­ranz. Das le­gen je­den­falls de­mo­sko­pi­sche Stu­di­en na­he – in Deutsch­land die in der ver­gan­ge­nen Wo­che vor­ge­leg­te Un­ter­su­chung der Fried­rich-Eber­tStif­tung zur „Mit­te in der Kri­se“, in der Tür­kei ver­schie­de­ne Stu­di­en re­nom­mier­ter Uni­ver­si­tä­ten aus den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten. Bei völ­lig un­ter­schied­li­chen ge­sell­schaft­li­chen Pro­ble­men kom­men Mehr­hei­ten bei­der Völ­ker zu dem Schluss: Die je­wei­li­ge re­li­giö­se Min­der­heit sei ei­ne ar­ge Ge­fahr. Fast 60 Pro­zent der Deut­schen fin­den, dass die Re­li­gi­ons­aus­übung für Mus­li­me in Deutsch­land „er­heb­lich ein­ge­schränkt“ wer­den sol­le. Fast eben­so vie­le Tür­ken sind nach ei­ner Er­he­bung der Istan­bu­ler Sa­ban­ci-Uni­ver­si­tät da­für, öf­fent­li­che Kund­ge­bun­gen von nicht-mus­li­mi­schen Re­li­gio­nen in der Tür­kei zu un­ter­sa­gen. Eben­falls 59 Pro­zent sind nach ei­ner Stu­die der Istan­bu­ler Bo­spo­rus-Uni­ver­si­tät der Mei­nung, dass At­he­is­ten ih­re Über­zeu­gun­gen für sich be­hal­ten soll­ten.

Mehr als 55 Pro­zent der Deut­schen ge­ben laut Ebert-Stu­die an, dass sie Ara­ber als un­an­ge­nehm emp­fin­den oder das zu­min­dest ver­ste­hen kön­nen. In der Tür­kei be­ken­nen sich laut ei­ner Stu­die 35 Pro­zent der Be­völ­ke­rung da­zu, kei­ne Chris­ten als Nach­barn ha­ben zu wol­len. Ju­den als Nach­barn leh­nen 42 Pro­zent der Tür­ken ab, At­he­is­ten im Nach­bar­haus gar 57 Pro­zent. Aus­län­der sind im Ver­gleich noch re­la­tiv gut ge­lit­ten, ge­gen aus­län­di­sche Nach­barn ha­ben nur 18 Pro­zent et­was ein­zu­wen­den. Ein har­ter Kern von 13 Pro­zent lehnt als Nach­barn so­gar sol­che Mos­lems ab, die ei­ner an­de­ren is­la­mi­schen Glau­bens­rich­tung an­ge­hö­ren als sie selbst.

Ei­ne deut­li­che Mehr­heit der Tür­ken von 55 Pro­zent lehnt die­ser Stu­die zu­fol­ge ei­ne Be­schäf­ti­gung von An­ge­hö­ri­gen der nicht-mos­le­mi­schen Min­der­hei­ten – al­so Chris­ten und Ju­den – bei der Jus­tiz oder den Si­cher­heits­kräf­ten ab. Selbst im Ge­sund­heits­we­sen wol­len 44 Pro­zent der tür­ki­schen Be­völ­ke­rung kei­ne christ­li­chen oder jü­di­schen Ärz­te oder Kran­ken­schwes­tern se­hen. Fast je­der zwei­te Tür­ke wür­de nach Er­he­bung der Sa­ban­ci-Uni kei­nen an­ders­gläu­bi­gen Po­li­ti­ker wäh­len.

Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff und sei­ne Ehe­frau Bettina ges­tern bei der An­kunft in An­ka­ra.

FO­TOS: DPA/AP

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Ab­dul­lah Gül mit sei­ner Frau Hay­rün­ni­sa.

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