Au­tor und Re­gis­seur Tho­mas Har­lan ist tot

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON DO­RO­THEE KRINGS

DÜSSELDORF Die Ver­gan­gen­heit hat ihn nicht zur Ru­he kom­men las­sen. Da­bei war er ein Kind, als in Deutsch­land die Er­mor­dung der Ju­den be­gann und sein Va­ter mit ei­nem Hetz­film den An­ti­se­mi­tis­mus noch be­stärk­te. Doch Tho­mas Har­lan, Sohn des „Jud-Süß“-Re­gis­seurs Veit Har­lan, hat sich nie be­ru­fen auf die Gna­de der spä­ten Ge­burt. Die Ver­gan­gen­heit hat ihn zu ei­nem Ge­trie­be­nen ge­macht, der sich jah­re­lang mit wü­ten­der Akri­bie durch Ak­ten in pol­ni­schen Ar­chi­ven ge­ar­bei­tet hat, um das „Un­fass­ba­re“ wenn nicht zu be­grei­fen, dann we­nigs­tens lü­cken­los zu be­schrei­ben. Und die Ver­ant­wort­li­chen vor Ge­richt zu brin­gen. Für 2000 An­kla­gen ge­gen deut­sche Kriegs­ver­bre­cher wa­ren sei­ne Re­cher­chen Grund­la­ge. Ihm selbst brach­te die­se Ar­beit 1963 in Po­len ein Jahr Haus­ar­rest ein, in Deutsch­land we­gen sei­ner An­grif­fe auf deut­sche Staats­be­am­te in pol­ni­schen Me­di­en ein Ver­fah­ren we­gen Lan­des­ver­rats.

Tho­mas Har­lan ging nach Ita­li­en, schloss sich links­ex­tre­men Grup­pen an und reis­te zu den Schau­plät­zen lin­ker Re­vo­lu­tio­nen in Latein­ame­ri­ka, Mo­sam­bik und Por­tu­gal. Er hat Do­ku­men­tar­fil­me ge­dreht, die Er­geb­nis­se sei­ner Re­cher­chen aber im­mer auch künst­le­risch ver­ar­bei­tet zu Thea­ter­stü­cken, Dreh­bü­chern, Ro­ma­nen. Den An­stoß da­zu hat­te er be­reits kurz nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs be- kom­men, als er zum Stu­di­um nach Frank­reich ging und Künst­ler und Kom­mu­nis­ten je­ner Jah­re ken­nen lern­te. Ge­mein­sam mit dem Phi­lo­so­phen Gil­les De­leu­ze leb­te er in der Fa­mi­lie des Schrift­stel­lers Mi­chel Tour­nier, An­fang der 50er Jah­re teil­te er sich ein Haus mit dem Kom­po­nis­ten Pier­re Bou­lez, auch mit dem Schau­spie­ler Klaus Kin­ski war er eng be­freun­det.

Vie­le sei­ner künst­le­ri­schen Ar­bei­ten, in de­nen der scharf­sin­ni­ge, wort­ge­wal­ti­ge Har­lan Fak­ten und Fik­ti­on zu mons­trö­sen Ge­schich­ten in­ein­an­der­wu­chern ließ, wur­den zu Skan­da­len. Sein Film „Wund­ka­nal“ (1984) et­wa, in dem er Ent­füh­rung und Ver­hör des Ban­kiers und SS-Füh­rers Al­f­red Fil­bert durch ei­ne be­waff­ne­te lin­ke Grup­pe vor­führt und die The­se auf­stellt, die Ge­fan­ge­nen der RAF in Stamm­heim könn­ten vom deut­schen Staat er­mor­det wor­den sein.

Die letz­ten zehn Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te Har­lan, schwer krank, in ei­nem Lun­gens­a­na­to­ri­um na­he Berch­tes­ga­den. Dort ist er nun 81-jäh­rig ge­stor­ben.

FO­TO: TEU­TO­PRESS

Tho­mas Har­lan

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