Wenn’s in der WG kracht

Er hat schon wie­der nicht ge­putzt, sie fei­ert stän­dig lau­te Par­tys – in Wohn­ge­mein­schaf­ten kommt es schnell zu Strei­tig­kei­ten. Um sie zu schlich­ten, bie­tet das Stu­den­ten­werk Köln den Mie­tern sei­ner Wohn­hei­me jetzt den Be­such des Psy­cho­lo­gen und Kon­fliktm

Rheinische Post Goch - - Hochschule - VON ISABELLE DE BORTOLI

KÖLN Sie muss für ei­ne wich­ti­ge Prü­fung ler­nen, wäh­rend ih­re männ­li­chen Mit­be­woh­ner stän­dig laut sind. Auf sie wer­de kei­ne Rück­sicht ge­nom­men, klagt sie, und au­ßer­dem hiel­ten sich die Män­ner auch nicht an den Putz­plan. Abend­li­cher und nächt­li­cher Lärm, die Hy­gie­ne in Kü­che und Bad so­wie das Be­nut­zen von Ge­gen­stän­den der Mit­be­woh­ner – das sind die häu­figs­ten The­men, über die sich Wohn­ge­mein­schaf­ten ver­kra­chen.

Und wenn die Fron­ten erst ein­mal ver­här­tet sind, es zu ag­gres­si­ven Span­nun­gen, star­ken Emo­tio­nen und tief emp­fun­de­nem Frust

„Fast al­le all­täg­li­chen Din­ge

kön­nen zum Streit­the­ma wer­den“

kommt, dann kön­nen die Stu­die­ren­den die Wo­gen meist auch nicht mehr selbst­stän­dig glät­ten. Der ei­ne sieht sei­ne Rech­te un­ter­gra­ben, der an­de­re sich im­mer neu­en Zwän­gen und An­schul­di­gun­gen aus­ge­setzt. In solch ei­nem Fall hilft in den 86 Wohn­hei­men des Köl­ner Stu­den­ten­werks nun Psy­cho­lo­ge Ludger Bü­ter, Streit­schlich­ter für Wohn­ge­mein­schaf­ten.

Seit 30 Jah­ren ar­bei­tet er in der psy­cho­lo­gi­schen Be­ra­tung von Stu­die­ren­den. Heu­te be­sucht er zer­strit­te­ne WGs, hört sich al­le Par­tei­en an, be­vor er die Be­woh­ner schließ­lich an ei­nen Tisch bit­tet, um ei­ne Lö­sung zu fin­den. „Fast al­le all­täg­li­chen Din­ge kön­nen zum Streit­the­ma wer­den“, sagt Bü­ter. „So­gar der Platz auf der Abla­ge im Ba­de­zim­mer.“

Die hef­tigs­ten Kon­flik­te hat der Me­dia­tor un­ter Frau­en er­lebt, denn die sei­en häu­fig sehr emo­tio­nal und nach­tra­gend. „Wäh­rend Män­ner sich meist schnell wie­der ver­tra­gen, gibt es bei ver­krach­ten Frau­en-WGs manch­mal nur ei­ne Lö­sung: Man muss sie tren­nen.“

Beim Kon­flikt der Be­woh­ne­rin mit ih­ren lau­ten und nicht put­zen­den Mit­be­woh­nern hat Bü­ter al­le Par­tei­en an ei­nen Tisch ge­bracht. Aber nicht, um Vor­wür­fe zu for­mu­lie­ren oder ei­ne Schuld­fra­ge auf­zu­wer­fen. „Bei der Klä­rung des Kon­flikts ist es wich­tig, Wün­sche an sein Ge­gen­über zu for­mu­lie­ren, so­ge­nann­te Ich-Bot­schaf­ten, die po­si­tiv for­mu­liert sind.“ Ein Vor­wurf wie „Du be­han­delst mich wie den letz­ten Dreck“ füh­re zu nichts. Bes­ser sei die Bot­schaft: „Ich wün­sche mir von dir mehr Re­spekt.“ Oder: „Ich freue mich, wenn du freund­lich zu mei­nen Gäs­ten bist.“

Mit den Kon­flikt­par­tei­en hat Bü­ter ei­nen Schnitt ge­macht und ein neu­es Re­gel­werk für die WG er­stellt. „Ein Putz­plan nur mit Na­men und Wo­chen­ta­gen ist zu un­ge­nau. Statt­des­sen sind kon­kre­te Hand­lungs­an­wei­sun­gen wich­tig. Mei­ne Auf­ga­be als Streit­schlich­ter ist es, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass bei­de Sei­ten mit ei­ner ein­ver­nehm­li­chen und prak­ti­ka­blen Lö­sung nach Hau­se ge­hen.“ Manch­mal ist Bü­ters Ar­beit mit ei­ner Laut­stär­ke­re­ge­lung für ei­nen Fern­se­her er­le­digt, manch­mal kann auch er die Wo­gen nicht glät­ten, und die Par­tei­en müs­sen ge­trennt, die WG auf­ge­löst wer­den.

Ei­ne Wohn­ge­mein­schaft, da­von ist der Streit­schlich­ter über­zeugt, braucht im­mer ih­re Re­geln. „Da­bei spielt es auch kei­ne Rol­le, ob ich mit Leu­ten zu­sam­men­zie­he, die ich gar nicht ken­ne, oder mit mei­nem bes­ten Freund. Man soll­te das nicht über­schät­zen: Nur weil ich je­man­den schon gut ken­ne, heißt das nicht, dass es kei­ne Kon­flik­te ge­ben kann.“ Wich­tig sei auch die Be­reit­schaft, sich als WG-Be­woh­ner an Re­geln zu hal­ten. „Gebt euch Re­geln und stellt euch dar­auf ein, mit die­sen zu le­ben. Wer das nicht kann, hat in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft nichts zu su­chen.“ Wer in ei­ne WG ein­zie­hen will, dem rät Ludger Bü­ter, beim Be­sich­ti­gungs­ter­min dar­auf zu ach­ten, ob die schon ge­mein­sam woh­nen­den Par­tei­en un­ter­ein­an­der har­mo­nie­ren: „Was herrscht für ei­ne Stim­mung? Gibt es be­reits un­ge­lös­te Kon­flik­te, ab­les­bar an schlech­ter Stim­mung? In solch ein Span­nungs­feld soll­te man nicht un­be­dingt ein­zie­hen.“

Au­ßer­dem soll­te der WG-Su­chen­de die Au­gen of­fen­hal­ten und nicht nur den Raum, in dem er emp­fan­gen wird, son­dern al­le Zim­mer be­trach­ten. Ist es wohn­lich? Wel­che Bil­der hän­gen an der Wand? Ver­deckt das gro­ße Pos­ter nur ei­nen Schand­fleck? „Au­ßer­dem soll­te man Fra­gen zur WG-Or­ga­ni­sa­ti­on stel­len“, rät der Psy­cho­lo­ge. „Wie hält man es et­wa mit dem Put­zen?“ Wenn al­les ei­nen gu­ten Ein­druck macht, dann steht dem Ein­zug nichts im We­ge – „und mit ei­nem gu­ten Re­gel­werk, Rück­sicht und Ver­ständ­nis kann ei­ne WG über Jah­re har­mo­nie­ren“, sagt Ludger Bü­ter.

FO­TO: STU­DEN­TEN­WERK KÖLN

Psy­cho­lo­ge Ludger Bü­ter be­rät zer­strit­te­ne WG-Be­woh­ner und sucht mit ih­nen nach Lö­sun­gen.

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