Ers­ter grü­ner Mi­nis­ter­prä­si­dent?

Win­fried Kret­sch­mann, Frak­ti­ons­chef der Grü­nen im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Land­tag, fischt so er­folg­reich im bür­ger­li­chen Teich, dass er En­de März der ers­te Re­gie­rungs­chef sei­ner Par­tei in ei­nem Bun­des­land wer­den könn­te. Rü­cken­wind gibt ihm der Pro­test geg

Rheinische Post Goch - - Politik - VON REIN­HOLD MICHELS

STUTT­GART In fünf­ein­halb Mo­na­ten kann Win­fried Kret­sch­mann Ge­schich­te schrei­ben. Um­fra­gen zum Aus­gang der Land­tags­wahl in Ba­den-Würt­tem­berg am 27. März 2011 ge­ben Kret­sch­mann ei­ne rea­lis­ti­sche Chan­ce, ers­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent aus den Rei­hen der Grü­nen zu wer­den. Die De­mo­sko­pie ist ein­deu­tig: Kret­sch­manns Par­tei ran­giert bei 32 Pro­zent, liegt nur noch zwei Pro­zent­punk­te un­ter­halb der CDU und üp­pi­ge 13 Pro­zent­punk­te vor der SPD. 32 (Grü­ne) plus 19 (SPD) – das be­deu­te­te ei­ne sat­te Mehr­heit zum Re­gie­ren.

Kon­ser­va­ti­ve schät­zen den nach­denk­li­chen Haus­halts­ex­per­ten

Der 62 Jah­re al­te Kret­sch­mann war ein­mal Leh­rer für Bio­lo­gie, Che­mie und Ethik; mit 54 Jah­ren erst wur­de er Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Grü­nen im Land­tag – spä­te po­li­ti­sche Kar­rie­re ei­nes Grü­nen der ers­ten St­un­de. Das nur für Au­ßen­ste­hen­de Er­staun­li­che ist, dass kaum je­mand bei den würt­tem­ber­gi­schen, schwä­bi­schen, ba­di­schen Christ­de­mo­kra­ten schlecht über Kret­sch­mann re­det. Im Ge­gen­teil: Der ver­hei­ra­te­te Va­ter von drei er­wach­se­nen Kin­dern gilt un­ter Kon­ser­va­tiv-Li­be­ra­len oder Li­be­ral­Kon­ser­va­ti­ven als ver­läss­li­cher Cha­rak­ter, als se­ri­ös, nach­denk­lich.

Dass Kret­sch­mann den Ruf ei­nes haus­halts­po­li­ti­schen Spar­fuch­ses hat und Mit­glied im Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Ka­tho­li­ken ist, be­stä­tigt so­ge­nann­te Bür­ger­li­che in ih­rer grund­sätz­li­chen Mei­nung: ein Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann be­deu­te­te kei­ne öko­no­mi­sche Selbst­ent­lei­bung des pro­spe­rie­ren­den Lan­des noch gar ei­nen hals­bre­che­ri­schen Kurs mit lau­ter lin­ken Kur­ven.

Dass Kret­sch­mann als jun­ger Mann beim Kom­mu­nis­ti­schen Bund West­deutsch­land mit­ge­macht hat, hält man kaum für mög­lich, wenn man den Grau­kopf sieht und re­den hört. Er zählt wohl zum Ty­pus po­li­ti­scher In­tel­lek­tu­el­ler, auf die der Spruch passt: Wer mit 20 kein So­zia­list sei, ha­be kein Herz, wer aber mit 40 noch im­mer So­zia­list sei, ha­be kei­nen Ver­stand.

Kret­sch­mann ver­kör­pert in sei­ner manch­mal un­mo­dern er­schei­nen­den Be­dacht­sam­keit auch ei­ne Weis­heit Ma­hat­ma Gandhis, wel­che die Pro­test­be­we­gung ge­gen das ge­wal­ti­ge Bahn­hof-und Ci­ty-Er­neue­rungs­pro­jekt Stutt­gart 21 auf dem De­mo-Ge­län­de Schloss­park her­zeigt: „Es gibt Wich­ti­ge­res im Le­ben, als be­stän­dig des­sen Ge­schwin­dig­keit zu er­hö­hen.“

Kret­sch­mann ist strikt ge­gen das Pro­jekt: In Hei­ner Geiß­lers Sch­lich­tungs-Run­de ist der mög­li­che künf­ti­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent auf der Sei­te der Pro­jekt-Geg­ner Ers­ter un­ter sie­ben Glei­chen, die Nein sa­gen. Kret­sch­mann, dem jah­re­lang nach­ge­sagt wur­de, er stre­be ein schwarz-grü­nes Re­gie­rungs­bünd­nis an, hält Stutt­gart 21 für zu teu­er, rah­men­spren­gend. An­de­rer­seits gibt es ihm doch auch zu den­ken, dass ges­tern wie­der­um 21 Bür­ger­meis­ter aus dem Länd­le sich de­zi­diert für das Pro­jekt aus­ge­spro­chen ha­ben.

Nie kä­me es dem Grauschopf au­ßer­dem in den Sinn, Ex­tra­tou­ren man­cher Pro­test­ler, wie neu­lich die ge­set­zes­wid­ri­ge Bahn­hofs­be­set­zung un­ter Ein­schluss von Ge­walt ge­gen Sa­chen, auch nur in­di­rekt zu bil­li­gen. Ihn be­schäf­ti­gen, quä­len in die­sen Ta­gen des „Bür­ger­auf­stands“ (Kret­sch­mann) zwei gro­ße Sor­gen: Ers­tens, dass es den po­li­ti­schen Geg­nern ge­lin­gen könn­te, sei­ner Par­tei wie­der wie einst das Eti­kett „Lin­ke, ge­walt­ge­neig­te Spin­ner“ an­zu­hef­ten; zwei­tens, dass er, trü­ge ihn die Pro­test­stim­mung auf Grü­nen-Schwin­gen tat­säch­lich ins Re­gie­rungs­chef-Amt, man­che trü­ben Geis­ter nicht los­wür­de, die der­zeit von Grü­nen wie Öz­de­mir, Trit­tin, Roth, Kü­n­ast be­den­ken­los ge­ru­fen, wenn nicht auf­ge­hetzt wer­den ge­gen „die da oben“.

Kret­sch­mann sagt mehr­mals täg­lich, man wer­de und müs­se auf dem Tep­pich blei­ben, und sei­en die Um­fra­gen für sei­ne Par­tei noch so gran­di­os. Ihm, dem die Bahn­hofs­Geg­ner sehr übel ge­nom­men ha­ben, dass er vor zwei Mo­na­ten ge­mein­sam mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­fan Map­pus (CDU) ei­nen ers­ten Dia­log zwi­schen Be­für­wor­tern und Geg­nern von Stutt­gart 21 un­ter­neh­men woll­te, schwant noch et­was: dass er, ein­mal in der Vil­la Reit­zen­stein, der Staats­kanz­lei in Stutt­garts fei­ner Hang­la­ge, an­ge­kom­men, der Wahr­heit die Eh­re ge­ben muss, die da lau­ten könn­te: Ein Stopp des Groß­pro­jekts sei recht­lich nicht mehr mög­lich, es sei denn um den Preis ei­nes sünd­haft teu­ren Ver­trags­bruchs.

Es gibt Par­tei­freun­de Kret­sch­manns, vor al­lem aber Süd­west-So­zi­al­de­mo­kra­ten, die im Fal­le ei­nes Fal­les sei­ne Ju­ni­or-Ko­ali­ti­ons­part­ner wür­den, die den bra­ven Mann aus Spaichin­gen (in dem Dorf war der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent und Kret­sch­mann-Freund Er­win Teu­fel, CDU, mal Bür­ger­meis­ter) für nicht be­last­bar und nicht durch­trie­ben ge­nug hal­ten. Dann heißt es, war­um wohl sei Kret­sch­mann auf der lan­des­po­li­ti­schen Schol­le ge­blie­ben, oh­ne je Berlin-Ehr­geiz zu ent­wi­ckeln? An­de­re fra­gen spöt­tisch, war­um die ehr­li­che Haut mit den vor­sich­ti­gen, ab­wä­gen­den For­mu­lie­run­gen es nicht end­lich kra­chen las­se an­ge­sichts der tol­len Wahl­aus­sich­ten und der Rie­sen­chan­ce aufs höchs­te Amt im Bun­des­land.

Kret­sch­mann bleibt ge­gen­über sol­chen klei­nen und gro­ßen Ge­mein­hei­ten äu­ßer­lich ge­las­sen – ganz Hob­by-Heim­wer­ker, der weiß, dass erst das so­lid ge­fer­tig­te Werk den Meis­ter lo­ben wer­de. Da­mit das Werk (Wahl­sieg, Mi­nis­ter­prä­si­den­ten-Amt) ge­lingt, müs­sen laut Kret­sch­mann die Süd­west-Grü­nen wei­ter er­folg­reich bür­ger­li­che Wäh­ler von der Uni­on ab­wer­ben. Da­für scheint er, die wan­deln­de Ent­war­nung, wie ge­schaf­fen zu sein.

FO­TO: AC­TION­PRESS

Win­fried Kret­sch­mann (62, l.), Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Grü­nen im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Land­tag, in sei­nem Bü­ro mit Hei­ner Geiß­ler (80), dem Sch­lich­ter im Streit um Stutt­gart 21.

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