Wul­ffs his­to­ri­sche Re­de in An­ka­ra

Die ers­te An­spra­che ei­nes deut­schen Staats­ober­haupts vor dem tür­ki­schen Par­la­ment hat viel­fäl­ti­ge Re­ak­tio­nen aus­ge­löst, vor al­lem die Pas­sa­gen zur In­te­gra­ti­on. Wir do­ku­men­tie­ren Aus­zü­ge. Vier Gast­au­to­ren ge­ben uns ih­re Ein­schät­zung.

Rheinische Post Goch - - Politik -

AN­KA­RA (RP) Bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff hat in sei­ner Re­de vor dem tür­ki­schen Par­la­ment ein wei­tes The­men­spek­trum an­ge­spro­chen – von der deutsch-tür­ki­schen Ge­schich­te bis zur Be­d­roh­rung durch den Iran. Wir do­ku­men­tie­ren aus­zug­wei­se die Pas­sa­gen, in de­nen sich Wul­ff mit der In­te­gra­ti­on und dem Chris­ten­tum be­fasst:

„Nir­gend­wo in Eu­ro­pa le­ben heu­te mehr Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger mit tür­ki­schen Wur­zeln als in Deutsch­land. Mein Land ist seit Lan­gem wich­tigs­ter Wirt­schafts­part­ner der Tür­kei, an ers­ter Stel­le beim Ex­port, an zwei­ter Stel­le beim Im­port. Vie­le deut­sche Un­ter­neh­men ha­ben sich in der Tür­kei nie­der­ge­las­sen und tra­gen hier zur wirt­schaft­li­chen Dy­na­mik bei. (...)

Tou­ris­ten aus Deutsch­land stell­ten auch im Jahr 2009 die größ­te Grup­pe aus­län­di­scher Be­su­cher in Die Re­de steht in ei­ner über­zeu­gen­den Rei­he: Chris­ti­an Wul­ff hat­te schon vor sechs Mo­na­ten die Sym­pa­thie der Deutsch­land-Tür­ken ge­won­nen, als er als ers­ter deut­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent mit Ay­gül Öz­kan ei­ne tür­kisch­stäm­mi­ge Mi­nis­te­rin er­nann­te.

Als er dann als Bun­des­prä­si­dent in sei­ner Re­de am 3. Ok­to­ber in Bre­men sag­te, dass „der Is­lam auch zu Deutsch­land ge­hört” und er auch Bun­des­prä­si­dent der Mus­li­me in Deutsch­land sei, fand das ein sehr po­si­ti­ves Echo un­ter der Tür­ken und tür­kisch­stäm­mi­gen Men­schen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Auch in der Tür­kei wur­den sei­ne Äu­ße­run­gen sehr be­grüßt.

Mit sei­ner viel­sei­ti­gen, groß­ar­ti­gen und auch kri­ti­schen Re­de in An­ka­ra hat er sich vie­le Freun­de ge­macht. Zu­min­dest un­ter den Tür­kei-und Deutsch­land-Tür­ken. Auch wenn sich dar­über vie­le in Deutsch­land wie zum Bei­spiel der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent See­ho­fer oder der aus­ge­schie­de­ne Bun­des­bank-Vor­stand Thi­lo Sar­ra­zin be­stimmt nicht ge­freut ha­ben dürf­ten.

„Tür­ki­sche Mit­bür­ger sind in un­se­rem Land herz­lich

will­kom­men“

der Tür­kei. (...) Die­ser Über­blick zeigt, dass Deut­sche und Tür­ken in bei­den Län­dern Gäs­te und Gast­ge­ber und im­mer öf­ter auch Freun­de und Nach­barn ge­wor­den sind. (...)

Un­se­re Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger tür­ki­scher Her­kunft stel­len die größ­te Grup­pe der Ein­wan­de­rer in Deutsch­land. Sie sind in bei­den Kul­tu­ren zu Hau­se. Sie sind in un­se­rem Land herz­lich will­kom­men, und sie ge­hö­ren zu un­se­rem Land. (...) Vie­le Men­schen tür­ki­scher Her­kunft ha­ben in­zwi­schen in Deutsch­land Wur­zeln ge­schla­gen, ha­ben stu­diert, Un­ter­neh­men ge­grün­det und zahl­rei­che wert­vol­le Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. Vie­le sind deut­sche Staats­bür­ger ge­wor­den. Das ist ein gu­tes Zei­chen.(...)

Nie­mand muss und soll sei­ne kul­tu­rel­le Iden­ti­tät auf­ge­ben oder sei­ne Her­kunft ver­leug­nen. Es geht dar­um, die Re­geln und Ge­set­ze des Zu­sam­men­le­bens in un­se­rer Ge­sell­schaft zu ach­ten und zu schüt­zen. Da­zu ge­hö­ren un­se­re Ver­fas­sung und die in ihr fest­ge­schrie­be­nen Wer­te: zu­al­ler­erst die Men­schen­wür­de, aber auch die freie Mei­nungs­äu­ße­rung, die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau und der re­li­gi­ös und welt­an­schau­lich neu­tra­le Staat. (...)

Gleich­zei­tig er­war­ten wir, dass Chris­ten in is­la­mi­schen Län­dern das glei­che Recht ha­ben, ih­ren Glau­ben öf­fent­lich zu le­ben, theo­lo­gi­schen Nach­wuchs aus­zu­bil­den und Kir­chen zu bau­en. In al­len Län­dern müs­sen Men­schen die glei­chen Rech­te und Chan­cen ge­nie­ßen, un­ab­hän­gig von ih­rer Re­li­gi­on.

Hier in der Tür­kei hat auch das Chris­ten­tum ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Das Chris­ten­tum ge­hört zwei­fels­frei zur Tür­kei. (...) Ich hö­re mit gro­ßer Be­geis­te­rung, dass in der Tür­kei Stim­men zu hö­ren sind, die mehr Kir­chen für Got­tes­diens­te öff­nen wol­len. Zu die­ser Ent­wick­lung möch­te ich Sie nach­hal­tig er­mu­ti­gen.“ Bun­des­prä­si­dent Wul­ff hat in sei­ner Re­de vor der tür­ki­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung die Ge­mein­sam­kei­ten von Deut­schen und Tür­ken be­tont, da­bei aber auch mu­tig und of­fen über De­fi­zi­te ge­spro­chen.

Der Bun­des­prä­si­dent hob zu Recht die rei­chen ge­mein­sa­men Tra­di­tio­nen und Wer­te her­vor. Da­zu müs­sen auch in der Tür­kei der Min­der­hei­ten­schutz und der re­li­giö­se Plu­ra­lis­mus ge­hö­ren. Das Chris­ten­tum ist je­den­falls deut­lich län­ger in der Tür­kei zu­hau­se als der Is­lam in Deutsch­land. Schon des­halb er­war­ten wir, dass Chris­ten dort die glei­chen Rech­te ha­ben und un­ge­hin­dert in ih­ren Kir­chen den Got­tes­dienst fei­ern dür­fen.

Ver­ständ­nis ha­be ich da­für, dass der Bun­des­prä­si­dent die EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen als er­geb­nis­of­fen be­zeich­net. Ich fürch­te aber, dass ei­ne sol­che Re­de in der Tür­kei Hoff­nun­gen weckt. Es wä­re fai­rer, wenn wir die Tür­ken of­fen dar­auf hin­wei­sen, dass es nicht nur auf Bei­tritts­fä­hig­keit an­kommt, son­dern auch auf die Auf­nah­me­fä­hig­keit der Uni­on. Letz­te­re ist für die Tür­kei auf ab­seh­ba­re Zeit nicht ge­ge­ben. Es ist ei­ne schö­ne Ges­te, un­se­ren Bun­des­prä­si­den­ten als Red­ner vor die Na­tio­nal­ver­samm­lung zu la­den. Und wie be­ru­hi­gend, auch ein­mal et­was über die his­to­ri­schen Ge­mein­sam­kei­ten der bei­den Län­der zu hö­ren. Bun­des­prä­si­dent Wul­ff kann man zu sei­ner er­mu­ti­gen­den und ver­söhn­li­chen Ein­stel­lung nur gra­tu­lie­ren. Aber ein biss­chen un­ge­wöhn­lich ist es dann doch, wenn er in der Tür­kei klagt, dass die Ein­wan­de­rer in Deutsch­land die deut­sche Spra­che ler­nen und die Ge­set­ze ein­hal­ten sol­len. Und wenn er for­dert, „dass je­der Zu­ge­wan­der­te sich mit gu­tem Wil­len ak­tiv in un­se­re deut­sche Ge­sell­schaft ein­fügt“. Was ge­nau ist da­bei die Rol­le der Tür­kei? Der Bun­des­prä­si­dent be­eilt sich zu sa­gen, dass Mi­nis­ter­prä­si­dent Er­do­gan und Staats­prä­si­dent Gül ja zur In­te­gra­ti­on in Deutsch­land auf­ge­ru­fen hät­ten. Schön. Bes­ser fän­de ich, wenn An­ge­la Mer­kel sa­gen wür­de: „Ich bin Eu­re Kanz­le­rin, ihr ge­hört hier­her, und wir wer­den un­se­re Pro­ble­me ge­mein­sam an­pa­cken.“ Aber da­zu ge­hört we­sent­lich mehr als die An­kün­di­gung ei­nes Ge­set­zes ge­gen Zwangs­ehen. Der Bun­des­prä­si­dent hat zwei­fels­oh­ne ei­ne wich­ti­ge Re­de ge­hal­ten, in­dem er die zum Teil en­gen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Län­dern his­to­risch und ak­tu­ell wür­digt. Das The­ma In­te­gra­ti­on hat da­bei zu Recht ei­ne eher ge­rin­ge Rol­le ge­spielt. In­te­gra­ti­on ist die Haus­auf­ga­be, die wir in Deutsch­land leis­ten müs­sen. Dies kann uns kein Land ab­neh­men, auch nicht die Tür­kei. Ich bin froh, dass der Bun­des­prä­si­dent dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass die Ge­schäfts­grund­la­ge für In­te­gra­ti­on un­se­re Ver­fas­sung und un­se­re Rechts­ord­nung sind. Da­mit hat er all de­nen in der CDU/CSU, die Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit als Kri­te­ri­um für In­te­gra­ti­ons­wil­lig­keit ideo­lo­gisch ver­brämt ha­ben, ei­ne kla­re Ab­sa­ge er­teilt. Ich hof­fe, dass es ge­lingt, in den vom Bun­des­prä­si­den­ten an­ge­mahn­ten of­fe­nen und re­spekt­vol­len Dia­log mit­ein­an­der ein­zu­stei­gen. Hier­bei soll­ten wir uns an den Chan­cen ei­ner viel­fäl­ti­gen Ge­sell­schaft ori­en­tie­ren. Es gibt weit­aus mehr gu­te Bei­spie­le für ge­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on, als die er­hitz­te De­bat­te über Pro­ble­me zur­zeit weis­ma­chen will.

FO­TO: REUTERS

Prä­si­den­ten­paa­re un­ter sich: Bettina und Chris­ti­an Wul­ff zu Gast im Çan­ka­ya-Pa­last in An­ka­ra bei Ab­dul­lah und Hay­rün­ni­sa Gül.

Ah­met Kül­ahçi, für die tür­ki­sche „Hür­riy­et“ in Berlin

Ay­dan Özo­guz, In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der SPD-Frak­ti­on.

Gun­tram Schnei­der (SPD), NRWSo­zi­al­mi­nis­ter.

Gün­ter Krings, CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.