Er­zie­hen wie Je­sus

Wenn der Na­za­re­ner sprach, tat er dies klar und be­stimmt – zu­min­dest nach den über­lie­fer­ten Bi­bel­tex­ten. Nach An­sicht nicht nur des Fa­mi­li­en­the­ra­peu­ten Wolf­gang Berg­mann soll­ten El­tern Je­sus als Vor­bild in Sa­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Kin­dern neh­men.

Rheinische Post Goch - - Wissen / Roman - VON WAL­TER SCHMIDT

DÜSSELDORF Kaum aus­zu­den­ken, wenn Je­sus von Na­za­reth heu­te le­ben und uns statt den Men­schen im an­ti­ken Ju­däa pre­di­gen wür­de. Er wür­de sei­ne Re­de dann wohl so ein­lei­ten: „Al­so, wenn ihr wollt, hört mir bit­te mal kurz zu, das wä­re echt su­per­nett von euch, wirk­lich.“ Doch wie sprach Je­sus statt des­sen zu sei­nen Jün­gern – zu­min­dest laut der Bi­bel? Er sag­te oh­ne Um­schwei­fe: „Wahr­lich, wahr­lich ich sa­ge euch: Ei­ner un­ter euch wird mich ver­ra­ten.“ Kein Wun­der, dass die Jün­ger ein­an­der er­schro­cken an­sa­hen und ban­ge rät­sel­ten, wen aus ih­ren Rei­hen Je­su wohl ge­meint ha­ben moch­te. Sie wa­ren be­ein­druckt, denn sie wuss­ten um die kla­re Re­de ih­res Meis­ters, der von sei­nen Zeit­ge­nos­sen wie­der­holt for­der­te: „Eu­re Re­de sei Ja, ja, nein, nein.“ Je­sus woll­te Kl­ar­text hö­ren, kein Wi­schi­wa­schi.

Kin­der-und Fa­mi­li­en­the­ra­peu­ten – dar­un­ter der Dä­ne Je­sper Ju­ul und der deut­sche Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Berg­mann – se­hen in der Un­ent­schie­den­heit und im Er­klä­rungs­wahn vie­ler El­tern im Kon­takt mit ih­ren Kin­dern ei­ne der Haupt­ur­sa­chen für Strei­tig­kei­ten in der Fa­mi­lie und den Au­to­ri­täts­ver­lust vie­ler El­tern. In sei­nem neu­en Buch rät Berg­mann, selbst Va­ter drei­er Kin­der, Müt­tern und Vä­tern die­ses: „Re­det nicht so viel, be­grün­det nicht zu viel, er­klärt nicht zu viel – eu­re Er­klä­run­gen klin­gen oh­ne­hin fast im­mer wie Ent­schul­di­gun­gen.“

Der Lei­ter des In­sti­tuts für Kin­der­psy­cho­lo­gie und Lern­the­ra­pie in Hannover fin­det, „dass jun­ge Men­schen ein Recht ha­ben auf die Klar­heit des ,Ja, ja, nein, nein‘“, wie Je­sus es pfleg­te. Nicht um­sonst lau­tet der Un­ter­ti­tel sei­nes neu­en Buchs: „Was El­tern von Je­sus ler­nen kön­nen“ – ein un­ge­wöhn­li­cher An­satz für ei­nen mo­der­nen Rat­ge­ber. Der Au­tor er­zählt dar­in im­mer wie­der Be­ge­ben­hei­ten aus dem Neu­en Tes­ta­ment und lei­tet dar­aus Emp­feh­lun­gen für heu­ti­ge El­tern ab. Da­bei glaubt Berg­mann nicht im klas­si­schen Sin­ne an Gott, schon gar nicht ist er got­tes­fürch­tig. „Ich tei­le den kirch­lich-tra­di­tio­nel­len Got­tes­glau­ben – den ,per­so­na­len‘ Gott, der über al­lem wal­tet – nicht; mir er­scheint er ganz be­hei­ma­tet in ei­nem vor­auf­klä­re­ri­schen Welt­bild.“ Sein christ­li­ches Bild sei zu­sam- men­ge­fasst in dem Satz „Gott ist das Le­ben“ – in sei­nem Buch geht er dar­auf und auf sein Ver­ständ­nis ei­ner „uni­ver­sa­len Lie­be“ ge­nau­er ein. Berg­mann hält zwar ei­ni­ges von Dis­zi­plin, aber we­nig bis nichts von dis­zi­pli­na­ri­schen Maß­nah­men oder Stra­fen und stellt sich ve­he­ment – auch in Fern­seh-Talk­shows oder Zei­tungs­dis­pu­ten – ge­gen die An­sich­ten des Päd­ago­gen und Pu­bli­zis­ten Bern­hard Bu­eb („Lob der Dis­zi­plin“), der für ei­ne Er­zie­hung aus „Füh­ren und Wach­sen­las­sen, Dis­zi­plin und Lie­be, Kon­trol­le und Ver­trau­en“ wirbt – aber eben auch für kind­li­chen Ge­hor­sam.

Berg­mann hin­ge­gen be­tont ne­ben der Lie­be das gu­te El­tern-Bei­spiel, die wohl­wol­len­de Auf­merk­sam­keit für Kin­der und die Ach­tung ih­rer her­an­rei­fen­den Per­sön­lich­kei­ten: „Wer Kin­der liebt und sich ih­nen zu­wen­det, wie es Je­sus tat, der ist selbst dem Ge­heim­nis des Le­bens und der Lie­be na­he. Dies kön­nen wir ler­nen – von Je­sus eben­so wie von un­se­ren Kin­dern.“ Der frü­he­re Chef­re­dak­teur der

„Re­det nicht so viel, be­grün­det nicht zu viel,

er­klärt nicht zu viel“

„Deut­schen Leh­rer Zei­tung“ sieht durch­aus ein Er­fah­rungs-und Füh­rungs­ge­fäl­le zwi­schen El­tern und Kin­dern und will des­halb be­son­ders in ei­nem Punkt nicht miss­ver­stan­den wer­den: „Kin­der wol­len nicht gleich­be­rech­tigt sein, sie wol­len be­schützt wer­den“. Feh­le die­ser Schutz oder re­la­ti­vier­ten El­tern ih­re Aus­sa­gen und Hal­tun­gen fort­wäh­rend, „dann wer­den Kin­der for­dernd und manch­mal fast hoch­mü­tig, wo­hin­ter sich aber oft Trau­rig­keit ver­birgt, denn die Kin­der spü­ren, dass sie schon ver­lernt ha­ben, nach dem Glück zu stre­ben“.

Ent­schei­dend aber sei ei­ne Er­zie­hung in Lie­be, „al­les an­de­re geht schief“, be­fin­det Berg­mann. Kin­der müss­ten sich in ih­rem auf­kei­men­den Selbst stets bei ih­ren Be­zugs­per­so­nen ver­ge­wis­sern; die­se müss­ten sie acht­sam an­schau­en – wie Je­sus selbst ge­mein­hin ver­ach­te­te Pro­sti­tu­ier­te an­ge­schaut ha­be, so dass die­se sich buch­stäb­lich er­kannt fühl­ten. Kin­der brauch­ten kein selbst­ver­ges­se­nes, ängst­li­ches Be­tüt­teltwer­den durch ih­re El­tern, son­dern auf­merk­sa­me Zu­wen­dung. „Wenn sie nicht aus­rei­chend Ge­bor­gen­heit fin­den bei ih­ren El­tern oder an­de­ren ver­trau­ten Men­schen, dann wer­den sie un­ru­hig, rei­ßen sich los und stol­pern ziel­los vor­wärts, stür­zen und schrei­en und ha­ben kei­ne Zuflucht, er­fah­rungs­leer, ge­fühls­leer“, schreibt Berg­mann.

Trau­ri­ge Bei­spie­le sei­en hy­per­ak­ti­ve Kin­der, „die al­les wol­len und an nichts Freu­de fin­den“. Ih­re Zahl wach­se „dra­ma­tisch, wie ei­ne Epi­de­mie“. El­tern soll­ten ehr­lich, wahr­haf­tig sein ge­gen­über ih­ren Spröss­lin­gen, ech­te Men­schen mit Ge­füh­len eben, auch un­an­ge­neh­men. So bricht Berg­mann auch ehr­li­chem Zorn ei­ne Lan­ze, wie ihn auch Je­sus zeig­te, et­wa als er die Händ­ler aus dem Je­ru­sa­le­mer Tem­pel scheuch­te. Die bi­bli­schen Händ­ler flo­hen be­ein­druckt, und auch Kin­dern im­po­nie­re ein ein­deu­ti­ges Wort. „Der Zorn ei­nes Va­ters über ein rück­sichts­lo­ses oder ge­mei­nes Ver­hal­ten sei­nes Kin­des ist eben­falls ein Zorn der Wahr­haf­tig­keit“, schreibt der 61-jäh­ri­ge Kin­der­the­ra­peut. Auch hier de­cken sich sei­ne An­sich­ten mit de­nen des dä­ni­schen Fa­mi- li­en­the­ra­peu­ten Ju­ul, der in ei­nem In­ter­view mit dem „Zeit-Ma­ga­zin“ sag­te, stän­dig wer­de er von El­tern ge­fragt, ob sie ge­gen­über Kin­dern laut wer­den dürf­ten.

Na­tür­lich sei ih­nen das er­laubt, „man darf heu­len, schrei­en, al­les Mög­li­che“, sagt Ju­ul, Au­tor des Buchs „Pu­ber­tät – Wenn Er­zie­hen nicht mehr geht“, das eben­falls ge­ra­de er­schie­nen ist. „Kin­der brau­chen le­ben­de El­tern. Sie brau­chen kei­ne Schau­fens­ter­pup­pen.“ Berg­mann kri­ti­siert zwar die Schrif­ten Bern­hard Bu­ebs oder auch je­ne des Bon­ner Kin­der-und Ju­gend­psych­ia­ters Michael Win­ter­hoff („War­um un­se­re Kin­der Ty­ran­nen wer­den“) – un­ter an­de­rem, da die­se na­he leg­ten, es ge­be ei­ne „rich­ti­ge“ Er­zie­hung von der Stan­ge. Doch sei­ne Kri­tik an der Er­zie­hungs­pra­xis rich­te sich „über­haupt nicht ge­gen Selbst­dis­zi­plin und Dis­zi­plin als so­zia­le em­pa­thi­sche Wahr­neh­mung und Ord­nung des Ver­hal­tens – sehr im Ge­gen­teil“, ent­geg­net Berg­mann auf Nach­fra­ge. „Gan­ze Pas­sa­gen des Bu­ches las­sen ja ein gründ­li­ches ethi­sches Fun­da­ment er­ken­nen, hof­fe ich.“ Auch ma­le er „kei­ne Idyl­len, ich ar­bei­te und pla­ge mich – mit Freu­de – täg­lich mit sehr schwie­ri­gen Kin­dern“. „Kein Kon­flikt wird bei mir aus­ge­las­sen“; so­bald er das Ver­trau­en ei­nes Kin­des er­wor­ben ha­be, sei er au­to­ri­tär – „aber nie oh­ne Lie­be“. Die mo­der­nen Kin­der woll­ten „ge­nau die­se Ver­bin­dung, vi­el­leicht mehr als wir vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert“.

„Ich tei­le den kirch­lich-tra­di­tio­nel­len

Got­tes­glau­ben nicht“

FO­TO: FARBLI­THO­GRA­PHIE/AKG

Kla­re Wor­te for­dert Wolf­gang Berg­mann: In sei­nem Buch zieht er das Neue Tes­ta­ment als Leit­fa­den in Sa­chen Er­zie­hung und Kom­mu­ni­ka­ti­on her­an. Auch die Berg­pre­digt könn­te ein Bei­spiel für di­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sein.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.