Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post Goch - - Wissen / Roman -

weißt du es.”

Der Straf­block war be­rüch­tigt. Er stand ab­seits an ei­ner Sei­te des La­gers und be­stand aus acht­und­vier­zig en­gen, halb un­ter der Er­de lie­gen­den fens­ter­lo­sen Be­ton­zel­len. Auf­recht ste­hen­de Sär­ge. Im Win­ter ver­schlim­mer­ten Käl­te und Re­gen die Qua­len, im Som­mer führ­te die Hit­ze un­wei­ger­lich zu De­hy­drie­rung. Man hat­te ge­se­hen, wie Leu­te halb wahn­sin­nig und bis aufs Ske­lett ab­ge­ma­gert nach zehn, zwan­zig oder gar drei­ßig Ta­gen dort her­aus­ge­zo­gen wur­den. Wer noch län­ger drin­blei­ben muss­te, kam, so hieß es, nur noch tot wie­der ins Freie.

„Bit­te nicht!”, bet­tel­te Mut­ter. „Ha­ben Sie Er­bar­men!” Sie zog Ve­ra an sich und hüll­te sie in ih­ren Rock ein. Sie stan­den mit dem Rü­cken an der Wand. Der Wäch­ter mach­te ei­nen Schritt auf Mut­ter zu, noch ei­nen und noch ei­nen, sein Ge­sicht nä­her­te sich dem ih­ren. An sei­nem Kinn glänz­ten dün­ne blon­de Här­chen. Ver­mut­lich war er kaum über zwan­zig.

„Sie sind doch ein so netter jun­ger Mann”, bet­tel­te Mut­ter mit al­len ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­den deut­schen Wor­ten. Trä­nen stan­den ihr in den Au­gen. „Bit­te, ha­ben Sie doch Mit­leid.”

„Gut”, sag­te er. „Wir ha­ben ja Mit­leid. Wir wer­den dich nicht von dei­nem Kind tren­nen.” Er wieg­te sich im Ge­fühl sei­ner Macht. „Du kannst mit dei­nem Kind in den Block ge­hen, Ab­schaum.”

„War­um ma­chen Sie das? Ha­ben Sie kei­ne Schwes­ter? Ha­ben Sie kei­ne Mut­ter?”

„Was fällt dir ein, von mei­ner Mut­ter zu re­den? Mei­ne Mut­ter ist ei­ne deut­sche Frau.” Er un­ter­brach sich, blin­zel­te, über­leg­te, fand aber of­fen­sicht­lich kei­ne wei­te­ren Wor­te. Vi­el­leicht war es der Mach­t­rausch, der ihn ins Sto­cken brach­te, vi­el­leicht fehl­te ihm ein­fach nur die nö­ti­ge Fan­ta­sie. „Wir wer­den dir bei­brin­gen, wie man Kin­der er­zieht, da­mit sie nicht steh­len”, sag­te er schließ­lich. „Wir wer­den dich um­er­zie­hen. Und dei­nen Mann auch, falls du ei­nen hast. Al­le wer­det ihr um­er­zo­gen.”

Die Dun­kel­heit um uns scheint Atem zu ho­len. Dann hö­re ich aus dem Bett un­ter mir ein Ge­räusch, ei­nen fast er­stick­ten, schnie­fen­den Laut. Ich lie­ge ganz still, lau­sche ihm nach und bin mir nicht si­cher, ob ich mich nicht ver­hört ha­be, denn die­ses Ge­räusch hö­re ich zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben, ich ha­be es nie zu­vor wahr­ge­nom­men und mich auch ge­wei­gert, es zu hö­ren, weil ich nicht für mög­lich ge­hal­ten ha­be, dass es so et­was über­haupt gibt. Aber jetzt hö­re ich es ganz deut­lich: Mei­ne gro­ße Schwes­ter weint.

Ei­nes Ta­ges wer­de ich Ve­ra fra­gen, was in Block F ge­schah. Jetzt ist nicht der Zeit­punkt da­für. Oder vi­el­leicht hat sie ja Recht: Vi­el­leicht gibt es wirk­lich Din­ge, die man bes­ser nicht wis­sen soll­te, weil man die­ses Wis­sen nie wie­der rück­gän­gig ma­chen kann. Mut­ter und Va­ter ha­ben mir nie et­was über den Straf­block er­zählt. Ich wuchs auf, oh­ne zu ah­nen, wel­che dunk­len Ab­grün­de in der mensch­li­chen See­le lau­ern. © 2006 dtv München; aus dem Eng­li­schen von El­fi Har­ten­stein

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