Ein Spray­er ent­larvt den Kunst­markt

Bank­sy ist ein hoch­ta­len­tier­ter Spray-Künst­ler, für des­sen Wer­ke Mil­lio­nen ge­zahlt wer­den. Jetzt kommt ein Film in die Ki­nos, in dem der Graf­fi­ti-Star ei­nen Fran­zo­sen por­trä­tiert, der kein Ta­lent hat, sei­ne Wer­ke aber er­folg­reich ver­mark­tet. Ein amü­san­te

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON DO­RO­THEE KRINGS

DÜSSELDORF Die­se Ge­schich­te han­delt von zwei Män­nern. Der ei­ne nennt sich Bank­sy, wur­de wahr­schein­lich 1974 im eng­li­schen Bris­tol ge­bo­ren und hat vi­el­leicht mal ei­ne Flei­scher­leh­re ge­macht. Mehr weiß man nicht über ei­nen der wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler Groß­bri­tan­ni­ens, der zwar be­rühmt ist, aber un­be­kannt. Aus gu­tem Grund: Bank­sy sprüht sei­ne Meis­ter­wer­ke il­le­gal auf Haus­wän­de, Fa­b­rik­hal­len, Brü­cken­köp­fe in der gan­zen Welt. Dar­um fürch­tet er, ver­haf­tet zu wer­den, soll­te sei­ne Iden­ti­tät ent­deckt wer­den. Da­bei dürf­ten Haus­be­sit­zer ihm kaum bö­se sein, denn sei­ne hy­per­rea­lis­ti­schen Sprüh­wer­ke sind so meis­ter­lich aus­ge­führt und

Auch An­ge­li­na Jo­lie

und Brad Pitt sam­meln Bank­sy

so sub­ver­siv ko­misch, dass der Wert von Im­mo­bi­li­en mit ech­ten Bank­sy-Graf­fi­tis steigt. Und seit be­kannt ist, dass An­ge­li­na Jo­lie und Brad Pitt Bank­sy sam­meln, muss man für Ge­mäl­de oder Skulp­tu­ren von ihm Mil­lio­nen hin­blät­tern. Zu­min­dest der Kunst­markt hat das scheue Spray­er-Ge­nie längst ent­deckt.

Der an­de­re Mann ist Fran­zo­se und ein Fan von Bank­sy. Jah­re­lang hat sich Thier­ry Gu­et­ta in der Spray­er-Sze­ne her­um­ge­trie­ben und an­de­re be­rühm­te Wand­be­ma­ler bei ih­ren ris­kan­ten Haus­klet­ter­tou­ren durch die Nacht be­glei­tet. Weil Gu­et­ta selbst nicht ma­len kann, hat er sich ei­ne Ka­me­ra auf die Schul­ter ge­schnallt und es sich zur Auf­ga­be ge­macht, ei­ne Do­ku über die Ak­ti­ons­künst­ler mit Sprüh­do­se zu dre­hen. Gu­et­ta hat al­le Gro­ßen der Sze­ne ge­trof­fen, in der gan­zen Welt ge­filmt. Ei­nen er­wisch­te er nicht: Bank­sy. Bis der von dem be­ses­se­nen Fran­zo­sen mit der Ka­me­ra er­fuhr und ein Ein­se­hen hat­te. Er gab Gu­et­ta Ein­sicht in sei­ne Ar­beit. An­geb­lich, da­mit der blei­ben­de Wert der flüch­ti­gen Stra­ßen­kunst im­mer­hin auf Film ge­bannt und der Nach­welt über­lie­fert wer­de.

Und da be­ginnt das Tra­gi­ko­mi­sche der Ge­schich­te. Denn bald stell­te sich her­aus, dass Thier­ry Gu­et­ta zwar ein be­ses­se­ner Fil­mer ist, aber kein Fil­me­ma­cher. Denn er er­wies sich als un­fä­hig, sein un­end- li­ches Vi­deo­ma­te­ri­al zu ei­ner Do­ku zu­sam­men­zu­schnei­den. Ei­ne wir­re Fol­ge von Sze­nen war al­les, was er Bank­sy ei­nes Ta­ges vor­führ­te. Und so dreh­te der Bri­te den Spieß um und mach­te sei­ner­seits ei­nen Film über den wahn­sin­ni­gen Fran­zo­sen, der ihm da jah­re­lang nach­ge­stellt hat­te.

Und weil Bank­sy nun mal ein po­li­ti­scher Künst­ler ist, der mit sei­nen iro­ni­schen, oft an­rüh­ren­den Bil- dern Kom­men­ta­re zur Zeit in den öf­fent­li­chen Raum sprüht, mach­te er nicht nur ei­ne Do­ku über Thier­ry Gu­et­ta – er ver­an­stal­te­te mit ihm ein Ex­pe­ri­ment. Bank­sy er­mun­ter­te sei­nen Ver­fol­ger, es selbst mit der Sprüh­kunst zu ver­su­chen und sei­ne Wer­ke im gro­ßen Stil zu ver­mark­ten. Gu­et­ta stieg dar­auf ein, füll­te in kür­zes­ter Zeit ei­ne gan­ze Halle mit ab­stru­sen Häss­lich­kei­ten, kün­dig­te die Schau der Su­per­la­ti­ve über­all an – und hat­te Er­folg. Der Fran­zo­se, der sich jetzt „Mr. Brain­wa­sh“ nennt, wird zum Ge­heim­tipp.

Dies ist al­so die Ge­schich­te von zwei Män­nern, ei­nem hu­mor­be­gab­ten Künst­ler und ei­nem be­ses­se­nen Di­let­tan­ten, die am Kunst­markt ähn­lich er­folg­reich sind. Und da­mit ist Bank­sy am Ziel. Denn sein Film „Exit Th­rough the Gift Shop“, der mor­gen in die Ki­nos kommt, ist da­mit nicht nur ei­ne Do­ku über Stra­ßen­kunst und das Por­trät ei­nes ko­mi­schen Fran­zo­sen. Es ist ein hoch­a­mü­san­tes Werk über die Mecha­nis­men des Kunst­markts, ein ent­lar­ven­des Lehr­stück, das vor­führt, wie die Nach­fra­ge über den Preis von Kunst ent­schei­det, un­ab­hän­gig von der Qua­li­tät.

Und weil das in die­sem Film so mus­ter­gül­tig zu be­ob­ach­ten ist, stellt sich die Fra­ge, ob die Ge­schich­te von dem ver­rück­ten Fran­zo­sen oh­ne Ta­lent nicht ganz von Bank­sy in­sze­niert wur­de. Ob der klu­ge Bri­te nicht ei­nen iro­ni­schen Kom­men­tar da­zu ab­ge­ben woll­te, was er von dem Markt hält, der ihn selbst reich macht. Und ob er dies nicht nur als Do­ku ge­tarnt hat. Schließ­lich ist Bank­sy ein Meis­ter der Täu­schung, ob er nun in London ein Di­enst­mäd­chen an die Mau­er sprüht, das den Dreck der Stra­ße schein­bar un­ter die Haus­wand kehrt oder ei­nen Bro­cken Höh­len­ma­le­rei ins Bri­ti­sche Mu­se­um ein­schmug­gelt, auf dem ein Vor­zeit­mensch ei­nem Ein­kaufs­wa­gen nach­jagt. Stets sind sei­ne Wer­ke Zwei­mal-Hin­gu­cker, op­ti­sche Nar­re­tei­en mit iro­ni­schem Hin­ter­sinn. Und so macht auch die­ser Film gro­ßes Ver­gnü­gen, wenn man ein­fach der Ge­schich­te folgt und Bank­sy auf den Leim geht. Man wird mit vie­len schar­fen Po­in­ten be­lohnt.

Die­se Pseu­do-Do­ku funk­tio­niert ein we­nig wie das „Hurz“, mit dem Ha­pe Ker­ke­ling 1992 als ver­klei­de­ter Te­nor auf­trat und dem Ernst des Kunst­be­triebs auf im­mer ei­nen Knacks ver­setz­te. Weil er vor­führ­te, dass es kaum Kri­te­ri­en gibt, gu­te zeit­ge­nös­si­sche Kunst von schlech­ter zu un­ter­schei­den. Ge­ra­de das macht ein selbst­ge­wis­ses Pu­bli­kum so lä­cher­lich. Bank­sy führt vor, dass auch der Kunst­markt nicht gut von schlecht un­ter­schei­det, son­dern nur ge­fragt von nicht ge­fragt. Und als schöns­te Po­in­te dürf­te die­se Sa­ti­re Bank­sys Han­dels­wert nur wei­ter in die Hö­he trei­ben.

Ty­pi­sches Mau­er­ge­mäl­de von Bank­sy, der oft ge­nau aus­ge­ar­bei­te­te Fi­gu­ren mit ein­fa­chen Schrift­zü­gen kom­bi­niert.

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