Oper über Non­nen und ihr Mar­ty­ri­um

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WOLF­RAM GOERTZ

DÜSSELDORF Als das Pu­bli­kum der Mai­län­der Sca­la im Jahr 1957 die neue Oper von Fran­cis Pou­lenc vor­ge­setzt be­kam, wun­der­te es sich sehr. War die­ser Fran­zo­se Pou­lenc nicht ein raf­fi­nier­ter Witz­bold, der neo­klas­si­zis­ti­sche Scher­ze nach No­ten trieb und ei­nen schar­fen, bis­wei­len ät­zen­den Hu­mor be­saß? Jetzt, in Mi­la­no, kam er mit ei­ner neu­en Oper da­her, die sich fast so fromm, tief re­li­gi­ös und see­len­satt an­kün­dig­te wie Jahr­zehn­te zu­vor Puc­ci­nis „Schwes­ter An­ge­li­ca“.

Pou­lencs „Ge­sprä­che der Kar­me­litin­nen“, die am Frei­tag im Düs­sel­dor­fer Haus der Rhein­oper Pre­mie­re hat, be­schreibt das his­to­ri­sche, von Ger­trud von le Fort in ih­rem Ro­man „Die Letz­te am Scha­fott“ noch ver­fei­ner­te Schick­sal je­ner eben­so rea­len wie le­gen­dä­ren 16 Kar­me­litin­nen von Com­pièg­ne, die wäh­rend der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on durch die Guil­lo­ti­ne hin­ge­rich­tet wur­den – sie hat­ten sich ge­wei­gert, ihr Or­dens­ge­lüb­de zu bre­chen. Im Mit­tel­punkt der Oper steht ei­ne jun­ge (von le Fort er­fun­de­ne) No­vi­zin na­mens Blan­che, die dem Kar­mel aus psy­chi­schem Not­stand bei­tritt: Sie lei­det an un­er­klär­li­chen Angs­tat­ta­cken und will im Klos­ter als „Schwes­ter Blan­che von der To­des­angst Chris­ti“ zu in­ne­rer Ru­he fin­den. Am En­de über­win­det sie al­le Furcht, in­dem sie sich ih­ren Or­dens­schwes­tern aus ei­ge­nem An­trieb an­schließt und – erst­mals über die Angst tri­um­phie­rend – hoch zur Guil­lo­ti­ne steigt.

Män­ner wird man in der Oper nur am Ran­de fin­den – al­le wich­ti­gen Par­ti­en wer­den von Frau­en ge­sun­gen. Da­bei han­delt es sich um Kon­ver­sa­ti­ons­thea­ter von hö­he­rer Sug­ges­tiv­kraft; die Oper ver­han­delt nicht oh­ne Zu­spit­zung die Fra­ge nach der Lau­ter­keit der Grün­de, die Blan­che ins Klos­ter brach­ten; sie spürt den Gren­zen nach, die from­me Die­n­er­schaft vom Mar­ty­ri­um tren­nen; sie fragt nach der Kraft der Er­lö­sung im Tod.

All dies ver­han­delt Pou­lenc mit mu­si­ka­li­scher Ru­he, oh­ne Thril­lerHek­tik. Sein durch­ge­hend to­nal ge­hal­te­nes, lei­se in­stru­men­tier­tes, am En­de fast ge­füh­li­ges Werk wird nur an ei­ner Stel­le dras­tisch: wenn für je­de Non­ne das Fall­beil nie­der­saust und drau­ßen der Mas­sen­chor das „Ça ira“ skan­diert. Das ist an­de­rer­seits aber auch ei­ner der er­grei­fends­ten Mo­men­te der Oper, wenn der als Trau­er­marsch an­ge­leg­te „Sal­ve Regina“-Cho­ral zur kol­lek­ti­ven To­des­hym­ne der Non­nen wird.

Die „Ge­sprä­che der Kar­me­litin­nen“ wer­den vie­len Opern­freun­den neu und un­ge­wohnt vor­kom­men, trotz­dem han­delt es sich – rech­net man die Zahl der Auf­füh­run­gen welt­weit zu­sam­men – um ei­ne viel­ge­spiel­te Oper. Die Düs­sel­dor­fer Pro­duk­ti­on kann im­mer­hin zwei klang­vol­le Na­men auf­bie­ten: An­ja Sil­ja singt die Par­tie der Prio­rin, der Bel­gi­er Guy Joos­ten in­sze­niert. Ter­mi­ne: 22., 24., 28., 30. Ok­to­ber, 7., 11., 14. No­vem­ber, Opern­haus Düsseldorf, Kar­ten­bü­ro: 0211 / 89 25-211; In­ter­net: www.rhein­oper.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.