Lie­bes­kum­mer macht krank

Ge­bro­che­nes Herz: Frau­en wer­den eher de­pres­siv, Män­ner ag­gres­siv. Am bes­ten hilft der ra­di­ka­le Ent­zug vom Ob­jekt der Sehn­sucht. Im In­ter­net gibt es mitt­ler­wei­le spe­zi­el­le An­lauf­stel­len für Lie­bes­kum­mer­kran­ke.

Rheinische Post Goch - - Gesundheit -

DÜSSELDORF „Lie­bes­kum­mer ist wie ein Dia­mant, man muss ihn mit Fas­sung tra­gen“, so heißt es im Volks­mund. Doch das scheint ein­fa­cher ge­sagt als ge­tan. Wis­sen­schaft­ler kön­nen mitt­ler­wei­le be­stä­ti­gen, was Poe­ten schon seit Jahr­hun­der­ten wis­sen: Lie­bes­kum­mer schmerzt, und er macht die Men­schen krank und ver­rückt.

So stell­te der ös­ter­rei­chi­sche Ver­hal­tens­for­scher Michael Be­chi­nie in ei­ner Stu­die an Lie­bes-

Mit­un­ter kol­la­biert so­gar der Herz­mus­kel

kum­mer­kran­ken fest, dass 45 Pro­zent von ih­nen Selbst­mord­ge­dan­ken heg­ten und Trau­er­re­ak­tio­nen zeig­ten, die noch hef­ti­ger wa­ren, als wenn ein An­ge­hö­ri­ger ge­stor­ben wä­re.

In an­de­ren Un­ter­su­chun­gen fand man im Kör­per der Be­trof­fe­nen phy­sio­lo­gi­sche Auf­fäl­lig­kei­ten wie das ex­plo­si­ons­ar­ti­ge Aus­schüt­ten von Stress­hor­mo­nen ei­ner­seits und den star­ken Rück­gang des Hirn­bo­ten­stof­fes und Psy­cho-Sta­bi­li­sa­tors Se­ro­to­nin an­de­rer­seits – al­le­samt Ve­rän­de­run­gen, die ei­gent­lich ty­pisch sind für Ängs­te und De­pres­sio­nen.

Mit­un­ter kann die Hor­mon­ba­lan­ce so aus dem Ru­der lau­fen, dass so­gar der Herz­mus­kel kol­la­biert. Wis­sen­schaft­ler spre­chen dann vom „Bro­kenHe­art-Syn­drom“ – und das kann durch­aus töd­lich sein. „Nicht um­sonst kur­sie­ren zahl­rei­che Be­rich­te dar­über, wie Men­schen mit schwe­rem Lie­bes­kum­mer ver­stor­ben sind“, be­tont die ame­ri­ka­ni­sche Se­xu­al­for­sche­rin He­len Fis­her.

Prin­zi­pi­ell un­ter­teilt sich der schwe­re Lie­bes­kum­mer in zwei Pha­sen: erst den Zorn auf das Ob­jekt des Kum­mers und dann die Re­si­gna­ti­on, wenn man er­ken­nen muss, dass sich am Ver­las­sen­sein nichts än­dern wird.

Män­ner und Frau­en wer­den in glei­chem Um­fang da­von ge­trof­fen, doch mit un­ter­schied­li­chem Schwerpunkt. So ent­wi­ckeln Frau­en, wie So­zi­al­psy­cho­lo­gin Ina Grau von der Uni­ver­si­tät Bonn her­aus­ge­fun­den hat, häu­fi­ger „De­pres­si­vi­tät, Wut, Selbst­zwei­fel und kör­per­li­che Be­schwer­den“. Män­ner hin­ge­gen zei­gen in ih­rem Lie­bes­kum­mer eher ei­nen Drang zur Ag­gres­si­vi­tät. Be­son­ders be­liebt ist bei ih­nen das Stal­king, dass sie al­so ih­re An­ge­be­te­te ver­fol­gen und ter­ro­ri­sie­ren.

An­fäl­lig für pa­tho­lo­gi­schen Lie­bes­kum­mer sind vor al­lem je­ne Men­schen, die sich oh­ne den ge­lieb­ten Part­ner un­voll­stän­dig und wert­los füh­len. Wie et­wa die Frau, die schon in der Kind­heit dar­auf ge­eicht wur­de, dass ihr Le­bens­glück in ers­ter Li­nie von männ­li­chen Le­bens­part­nern ab­hängt.

Oder auch der Mann, der als „har­ter Kerl“ den tat­säch­li­chen oder dro­hen­den Ver­lust der Ge­lieb­ten als An­griff auf sein Ego emp­fin­det.

Nichts­des­to­we­ni­ger trifft der Lie­bes­kum­mer mit­un­ter auch ver­hal­tens­un­auf­fäl­li­ge Durch­schnitts­men­schen, vor al­lem dann, wenn sie noch jung sind und nicht die Ver­gäng­lich­keit von Lie­bes­ge­füh­len er­le­ben muss­ten.

Ih­nen ge­lingt es je­doch in der Re­gel, sich selbst aus dem Tief her­aus­zu­ho­len, oh­ne dass je­mand da­bei Scha­den nimmt. Ei­ni­gen von ih­nen hilft da­bei das Ta­ge­buch­schrei­ben, an­de­ren das Ab­len­ken durch Dis­ko-oder Ki­no­be­su­che mit gu­ten Freun­den.

Se­xu­al­for­sche­rin Fis­her rät de­nen, die der Herz­schmerz be­son­ders hart ge­trof­fen hat, sich vom Ob­jekt ih­rer Sehn­sucht zu be­frei­en wie der Süch­ti­ge von der Dro­ge: al­le Bin­dun­gen zum frü­he­ren Part­ner ab­bre­chen, Ge­schen­ke und Brie­fe von ihm schwer zu­gäng­lich weg­pa­cken oder am bes­ten gleich ver­nich­ten. „Au­ßer­dem soll­te man kei­nen der Or­te auf­su­chen“, so Fis­her, „an de­nen man sich frü­her mit ihm ge­trof­fen hat“.

Ob es hin­ge­gen rat­sam ist, sich mit ei­ner neu­en Lie­be über den Kum­mer mit der al­ten Lie­be hin­weg­zu­trös­ten, ist mehr als frag­lich. Denn spä­tes­tens, wenn die neue Flam­me mit­kriegt, dass sie nur ei­ne Art Ers­te Hil­fe für ei­nen Pa­ti­en­ten dar­stellt, des­sen Herz noch an je­mand an­de­rem hängt, wird es auch mit dem neu­en Lie­bes­glück vor­bei sein.

FO­TO: CI­NE­TEXT

Lie­bes­kum­mer im Film: Bridget Jo­nes in der ro­man­ti­schen Ko­mö­die „Am Ran­de des Wahn­sinns“.

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