Angst vor lee­ren Plät­zen

Clau­dia Sies: Ago­ra­pho­bie

Rheinische Post Goch - - Gesundheit -

Un­se­re Le­se­rin Bettina R. (42) aus Meer­busch fragt: „Seit drei Jah­ren kann ich mich kaum noch über­win­den, mei­ne Woh­nung zu ver­las­sen. An­ge­fan­gen hat das be­klem­men­de Ge­fühl in ei­nem über­füll­ten Kauf­haus, wo mir plötz­lich schwin­de­lig wur­de und ich un­ter Herz­ra­sen pa­nik­ar­tig das Kauf­haus ver­las­sen muss­te. In­zwi­schen hat­te ich die­se An­fäl­le auch im Bus, auf Rei­sen und auf be­leb­ten Plät­zen und be­son­ders brei­ten Stra­ßen. Wenn mei­ne Toch­ter bei mir ist, pas­siert das nicht. Was ist das? Kann ich da­ge­gen selbst et­was tun? Oder soll­te ich ei­nen Arzt auf­su­chen?“

Meis­tens fängt die Ago­ra­pho­bie ganz harm­los an. Der Aus­lö­ser ist oft ein be­las­ten­des Le­bens­er­eig­nis wie der Ver­lust ei­nes na­he­ste­hen­den Men­schen oder ein Un­fall. Ein an­schlie­ßen­der Schwä­che­an­fall wird zu­nächst nicht ernst ge­nom­men, aber er wie­der­holt sich und stei­gert sich dann bis zu Er­sti­ckungs­ge­füh­len, Zit­tern, Herz­ra­sen und so­gar Pa­nik­at­ta­cken. Und das, wenn man ei­ne kri­ti­sche Si­tua­ti­on auch nur er­war­tet. Zur Be­ru­hi­gung und Si­cher­heit die­nen den Be­trof­fe­nen: ein Stock, ei­ne Be­gleit­per­son oder ein Fahr­rad, selbst wenn man es nur über den Platz schiebt.

In ih­rem Kern ist die Furcht vor ago­ra­pho­bi­schen Si­tua­tio­nen ei­ne Re­ak­ti­on auf psy­chi­sche Ver­let­zun­gen und Trau­ma­ta, die in viel frü­he­ren Zei­ten das ur­sprüng­li­che Ge­fühl von Hilf­lo­sig­keit her­vor­ge­ru­fen ha­ben. Auch ei­ne Er­zie­hung, die von Un­vor­her­seh­bar­keit und man­geln­den Gren­zen ge­prägt war, führt eher zu Angst, weil so kei­ne an­ge­mes­se­nen Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gi­en er­lernt wer­den kön­nen, wie man sich selbst steu­ert.

In ei­ner Psy­cho­the­ra­pie wen­det man sich den al­ten Ver­let­zun­gen zu, al­so den tie­fe­ren Ängs­ten hin­ter den heu­ti­gen Ängs­ten, in de­nen sich die Be­trof­fe­nen frü­her ohn­mäch­tig und schutz­los aus­ge­lie­fert fühl­ten. Und man stärkt heu­te das Ver­trau­en in die ei­ge­ne Steue­rungs­fä­hig­keit, die ei­nen in die La­ge ver­setzt, den be­fürch­te­ten Si­tua­tio­nen zu be­geg­nen, oh­ne sich aus­ge­lie­fert zu füh­len. Dann ver­liert sich das Ge­fühl, psy­chisch zu­sam­men­zu­bre­chen, kei­nen Aus­weg zu wis­sen oder „in der Fal­le“ zu sit­zen – und der Teu­fels­kreis aus Angst, Flucht und Ver­mei­dungs­ver­hal­ten kann un­ter­bro­chen wer­den.

FO­TO: BAU­ER

Clau­dia Sies ist Ärz­tin für psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Me­di­zin, Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, Grup­pen-und Paarthe­ra­peu­tin in Neuss.

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