Der Fuß­ball und die Po­li­tik

Die Bun­des­kanz­ler son­nen sich gern im Glanz er­folg­rei­cher Sport­ler. An­ge­la Mer­kel steht da in ei­ner schö­nen Tra­di­ti­on. Mit dem Bild aus der Ka­bi­ne der Na­tio­nal­elf aber hat sie ein Ta­bu ver­letzt.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON RO­BERT PETERS

DÜSSELDORF/BERLIN Es ist nur ein Bild. Aber es ist ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Do­ku­ment. Es zeigt Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mit dem Fuß­ball-Na­tio­nal­spie­ler Me­sut Özil in der Ka­bi­ne der deut­schen Mann­schaft. Das Bild ist nach dem EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel ge­gen die Tür­kei im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on auf­ge­nom­men wor­den.

Aber nicht nur die Tat­sa­che, dass es Özil mit nack­tem Ober­kör­per beim Hän­de­druck mit Mer­kel ab­bil­det, macht das Fo­to so be­mer­kens­wert. Es ist viel­mehr der Um­stand, dass es die­ses Bild über­haupt gibt.

In Süd­ame­ri­ka ist Ver­brü­de­rung mit Sport­lern all­täg­lich

Dass es er­laubt wur­de, ei­nen Schnapp­schuss aus dem Al­ler­hei­ligs­ten des Na­tio­nal­teams in die Öf­fent­lich­keit zu brin­gen. Von ei­nem Ort, der, wenn nicht ge­ra­de Sön­ke Wort­mann hier sein „Som­mer­mär­chen“ dre­hen darf, von grim­mi­gen Si­cher­heits­leu­ten vor je­dem un­er­laub­ten Blick be­schützt wird. Die Funk­tio­nä­re des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des und der stets auf Eti­ket­te be­dach­te Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw wa­ren nicht sehr amü­siert über den un­an­ge­kün­dig­ten Be­such der Kanz­le­rin mit dem per­sön­li­chen Fo­to­gra­fen, dem Bun­des­prä­si­den­ten Chris­ti­an Wul­ff und des­sen min­der­jäh­ri­ger Toch­ter im Schlepp­tau.

Mit zehn Ta­gen Ver­spä­tung hat Mer­kel ein­ge­se­hen, dass sie ei­ne wich­ti­ge Re­gel ver­letzt hat. Ges­tern hat sich die Bun­des­kanz­le­rin in ei­nem Te­le­fon­ge­spräch mit dem DFB dar­auf ver­stän­digt, dass die spon­ta­ne Fo­to­ses­si­on wohl nicht so glück­lich war. Ihr Spre­cher Stef­fen Sei­bert be­ton­te aus­drück­lich, dass An­ge­la Mer­kel sich nicht ent­schul­digt ha­be. Es klang al­ler­dings sehr da­nach, vor al­lem, weil das Ge­gen­teil so be­tont wur­de.

Es ist über­haupt nichts Neu­es, dass die gro­ße Po­li­tik die Nä­he er­folg­rei­cher Sport­ler sucht. Man muss nicht ein­mal zu den un­se­li­gen Zei­ten zu­rück­blät­tern, um Be­le­ge da­für zu fin­den. Auch in der de­mo­kra­tischs­ten Re­pu­blik, die je auf deut­schem Bo­den exis­tier­te, über­rei­chen Bun­des­prä­si­den­ten mit ei­nem ent­rück­ten Lä­cheln strah­len­den Fuß­bal­lern glän­zen­de Po­ka­le. Und leib­haf­ti­ge Bun­des­kanz­ler drü- cken die ki­cken­den Ido­le an ih­re brei­te Brust.

Helmut Kohl vor al­len. Als Deutsch­land 1986 im WM-Fi­na­le den Ar­gen­ti­ni­ern mit dem im­mer noch be­rühm­ten Die­go Ma­ra­do­na mit 2:3 un­ter­le­gen war, herz­te Kohl nach der Po­kal­über­ga­be auf der Eh­ren­tri­bü­ne des Sta­di­ons von Me­xi­ko Ci­ty Tor­wart To­ni Schu­ma­cher, Ka­pi­tän Karl-Heinz Rum­me­nig­ge, al­le Spie­ler, die sich nicht schnell ge­nug vor­beidrü­cken konn­ten, und selbst­ver­ständ­lich zum Schluss Te­am­chef Franz Be­cken­bau­er auch. Der war oh­ne­hin als An­hän­ger der christ­de­mo­kra­ti­schen Schwes­ter­par­tei von jen­seits des Weiß­wurst-Äqua­tors be­kannt und so­zu­sa­gen ein en­ger Par­tei­freund. Ma­ra­do­na wun­der­te sich üb­ri­gens kein biss­chen. Der­ar­ti­ge Ver­brü­de­run­gen der Po­li­tik mit den gro­ßen Fuß­bal­lern ge­hö­ren in Süd­ame­ri­ka zur Ta­ges­ord­nung.

Kohls Ver­dienst ist vi­el­leicht, die­se Form des Zu­sam­men­halts in Deutsch­land ei­nem grö­ße­ren Pu­bli­kum na­he­ge­bracht zu ha­ben. Die Fuß­bal­ler sol­len auch kei­ne Ein­wän­de er­ho­ben ha­ben, als der be­leib­te Kanz­ler der Ein­heit sich nach den be­deu­ten­den Spie­len auch mal in der Ka­bi­ne ein­fand – oh­ne fo­to­gra­fi­sche Es­kor­te.

An­ge­la Mer­kel steht al­so in ei­ner schö­nen Tra­di­ti­on. Auch sie mach­te bei ei­ner WM ih­re Auf­war­tung im Um­klei­de­raum, auch sie nach ei­nem Spiel ge­gen die Ar­gen­ti­ni­er, dies­mal al­ler­dings nach ei­nem tri­um­pha­len Er­folg, dem 4:0 im Vier­tel­fi­na­le von Süd­afri­ka in die­sem Som­mer. „Frau Mer­kel war sehr nett und ganz lo­cker“, sag­te spä­ter Bas­ti­an Schwein­stei­ger, der die nä­he­re Be­kannt­schaft der Kanz­le­rin beim EM-Grup­pen­spiel ge­gen Ös­ter­reich 2008 auf der Tri­bü­ne ge­macht hat­te. Da war er ge­sperrt. In den Ka­ta­kom­ben des Sta­di­ons von Kap­stadt ver­tief­ten der Mit­tel­feld­spie­ler und die Bun­des­kanz­le­rin ih­re neue Freund­schaft bei ei­nem Bier aus der Fla­sche. Nie­mand fand et­was da­bei, Er­satz­tor­wart Tim Wie­se hielt zu Eh­ren des ho­hen Gas­tes ei­ne klei­ne An­spra­che, de­ren Text lei­der nicht über­lie­fert ist. Und bis auf den ver­letzt zum Zu­schau­en ein­ge­flo­ge­nen Michael Bal­lack, der un­be­ach­tet in ei­ner Ecke stand, hat­te je-

Zwan­zi­ger hat so lan­ge ge­murrt, bis Mer­kel ih­ren

Feh­ler ein­sah

der sei­nen Spaß. Auch weil es ein Tref­fen in pri­va­ter At­mo­sphä­re war, von dem es kei­ne Bild­do­ku­men­te gibt.

Der Ber­li­ner Be­such be­zeich­net ei­ne an­de­re Di­men­si­on. Mer­kel be­ging ei­nen dop­pel­ten Ta­bu­bruch. Sie kün­dig­te ih­ren Be­such nicht an, und sie ließ den Hän­de­druck mit Özil do­ku­men­tie­ren. Aus­ge­rech­net mit Özil, des­sen El­tern aus der Tür­kei stam­men, der ein ent­schei­den­des Tor ge­gen die Aus­wahl aus dem Land sei­ner Ah­nen er­zielt hat­te und der mit sei­nem Wer­de­gang bis in die deut­sche Na­tio­nal­elf so wun­der­bar in die gras­sie­ren­de In­te­gra­ti­ons­de­bat­te passt. Selbst we­ni­ger scharf­sich­ti­ge DFBFunk­tio­nä­re muss­ten da an­neh­men, dass ihr Fuß­ball ge­ra­de wun­der­bar po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert wur­de.

So et­was aber lässt sich die Sport­po­li­tik nicht ge­fal­len. Sie ent­schei­det lie­ber selbst, wann sie sich in ge­sell­schafts­po­li­ti­sche De­bat­ten ein­zu­mi­schen ge­denkt. Des­we­gen ha­ben die DFB-Obe­ren, an der Spit­ze Prä­si­dent Theo Zwan­zi­ger, so lan­ge ver­nehm­lich ge­murrt, bis Mer­kel ih­ren Fehl­tritt ein­sah.

Nicht voll­kom­men zu­fäl­lig tat sie das ei­nen Tag vor dem DFB-Bun­des­tag in Es­sen, bei dem sie zu den Eh­ren­gäs­ten zählt. Da wird dann ge­wiss wie­der ganz un­be­las­tet in die Ka­me­ras ge­lä­chelt – dies­mal in trau­ter Rei­he mit den Spit­zen des Ver­bands. Zwan­zi­ger darf als jo­via­ler Gast­ge­ber gut­mü­tig ver­zei­hen. Und die Ober­hem­den wer­den die Her­ren Funk­tio­nä­re ganz be­stimmt schön zu­ge­knöpft las­sen. Schließ­lich wis­sen sie sehr ge­nau, was sich ge­hört.

FO­TO: AP

Helmut Kohl um­armt bei der Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft 1986 in Me­xi­ko den deut­schen Na­tio­nal­tor­wart Ha­rald „To­ni“ Schu­ma­cher.

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