„Streu­salz kann er­neut aus­ge­hen“

Nach den Streu­salz- Eng­päs­sen im ver­gan­ge­nen Win­ter ver­su­chen die Kom­mu­nen, vor dem nächs­ten Käl­te­ein­bruch auch die letz­ten Spei­cher auf­zu­fül­len. Doch sie war­nen: Oh­ne ei­ne zen­tra­le Not­fall­rück­la­ge kön­ne es in der Re­gi­on wie­der zum Ver­kehrs­cha­os kom­men.

Rheinische Post Goch - - Land & Leute - VON DÉ­SI­RÉE LIN­DE UND UL­RI­KE WIN­TER

RHEIN­BERG Was ein ent­spann­ter Som­mer ist, dar­an kön­nen sich die Mit­ar­bei­ter des St­ein­salz­berg­werks Borth nicht mehr er­in­nern. „Seit fast ei­nem Jahr ar­bei­ten wir jetzt im Drei­schicht­sys­tem“, sagt Werks­lei­ter Hans-Hein­rich Ger­land. „Wir ha­ben so­gar un­ser Per­so­nal von 110 auf 145 Mit­ar­bei­ter auf­ge­stockt, um die ma­xi­mal mög­li­chen 1,9 Mil­lio­nen Jah­res­ton­nen Salz zu för­dern.“ Seit An­fang Ok­to­ber lie­fert das Werk fast je­den Tag mehr als 4000 Ton­nen aus. Nicht nur, weil die Prei­se ab No­vem­ber leicht stei­gen und die Tem­pe­ra­tu­ren im Ber­gi­schen heu­te mor­gen auf null fal­len sol­len, Glät­te­ge­fahr in­klu­si­ve. „Nach den Er­fah­run­gen im ver­gan­ge­nen Win­ter la­gern un­se­re Kun­den deut­lich frü­her und deut­lich mehr Salz ein“, sagt Ger­land.

Zu den Er­fah­run­gen des ver­gan­ge­nen Winters ge­hö­ren wo­chen­lan­ger Frost, lee­re Streu­salz­si­los, chro­ni­sche Lie­fer­eng­päs­se, as­tro­no­mi­sche Schwarz­markt­prei­se, be­helfs­mä­ßig mit Sand ge­streu­te und, an ge­fähr­li­chen An­stie­gen oder Kreu­zun­gen, un­be­fahr­ba­re Stra­ßen. Be­son­ders be­trof­fen wa­ren die Kom­mu­nen. Sie ar­bei­ten seit­dem am in­ten­sivs­ten dar­an, dass ein neu­es Wet­ter­cha­os nicht zu ei­nem er­neu­ten Ver­kehrs­cha­os führt. Aber sie war­nen: Oh­ne zu­sätz­li­ches Geld und vor al­lem ei­ne zen­tra­le Not­fall­rück­la­ge könn­ten die Si­los wie­der leer ste­hen.

Fast al­le Kom­mu­nen der Re­gi­on ha­ben für die­sen Win­ter mehr Streu­salz be­stellt als in den Vor­jah­ren. Ei­ni­ge Städ­te, zum Bei­spiel Kle­ve, bau­en zu­sätz­li­che Salz­si­los oder la­gern in den be­ste­hen­den Spei­cher­plät­zen mehr Salz ein als üb­lich. Dinslaken hat ei­ne wei­te­re Halle an­ge­mie­tet, um mehr Salz zu la­gern. „Da­durch sind wir bes­ser auf­ge­stellt als im Vor­jahr“, sagt Ru­dolf Hüs­ken, stell­ver­tre­ten­der Lei- ter des Ser­vice­diens­tes, der für den Win­ter­dienst zu­stän­dig ist.

Ob­wohl selbst klam­me Kom­mu­nen in grö­ße­re Vor­rä­te in­ves­tie­ren, kön­nen sie ih­ren Au­to­fah­rern kei­nen si­che­ren Win­ter ga­ran­tie­ren. „Wenn die Sai­son so hart wird wie die ver­gan­ge­ne, wer­den wir die glei­chen Pro­ble­me mit den Salz­re­ser­ven ha­ben“, sagt Win­ter­dienst-Ex­per­te Hüs­ken. Spä­tes­tens dann müs­se man tat­säch­lich über ei­ne zen­tra­le Streu­salz­re­ser­ve nach­den­ken. Auch der Ver­band für Spedition und Lo­gis­tik NRW glaubt, „dass wir in die­sem Jahr wie­der vor den­sel­ben Trüm­mer­hau­fen ste­hen wer­den wie im ver­gan­ge­nen Jahr“, wie Vi­ze­ge­schäfts­füh­rer Sven Ki- sche kri­ti­siert. Er rech­net mit er­neu­ten Ein­bu­ßen für sei­ne Bran­che, so­lan­ge die Streu­sal­zver­sor­gung nicht zen­tral ge­si­chert wird. Dass die von der FDP ge­for­der­te na­tio­na­le Streu­salz­re­ser­ve vom Tisch ist, sei „ab­so­lut falsch“, sagt Ki­sche. „Hier wird Ver­ant­wor­tung ab­ge­ge­ben, statt das Pro­blem zu lö­sen.“

Die Mi­nis­te­ri­en hal­ten sich zu­rück: Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um be­zeich­net na­tio­na­le Streu­salz­vor­rä­te schlicht als „nicht prak­ti­ka­bel“, wie ei­ne Spre­che­rin sagt. Salz müs­se da ge­la­gert wer­den, wo es ver­wen­det wer­de. Man wol­le neue Streu­salz-Eng­päs­se statt­des­sen durch bes­se­re Aus­las­tung der La­ger­hal­len ver­mei­den und den Salz­ver­brauch durch neue Tech­ni­ken mi­ni­mie­ren. „Au­ßer­dem wer­den wir die Be­schaf­fung fle­xi­bler re­geln“, so die Spre­che­rin Bis­her ha­ben we­ni­ge gro­ße An­bie­ter den Streu­salz-Markt be­herrscht. „Die­ses Oli­go­pol wol­len wir auf­bre­chen.“

Auf die­se Plä­ne ver­weist auch das Lan­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um. Kon­kre­te Vor­sichts­maß­nah­men für den Fall, dass das Salz wie­der knapp wird, gibt es nicht, sa­gen Spre­cher – we­der in Form ei­ner „Lan­des­re­ser­ve“ noch über zu­sätz­li­che Fi­nanz­sprit­zen für die Kom­mu­nen. Laut ADAC fehlt den NRW-Städ­ten in den kom­men­den drei Jah­ren ein drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­be­trag für die Stra­ßen. Ei­ne Spre­che­rin ver­weist auf die fö­de­ra­le Ar­beits­ver­tei­lung zwi­schen Bund, Land und Kom­mu­nen. „Da muss je­der selbst schau­en, dass er das ge­hän­delt kriegt.“

Für das Rhein­ber­ger St­ein­salz­berg­werk be­deu­tet die­se Maß­ga­be: wei­ter­för­dern und aus­lie­fern, so­lan­ge es eben geht. „Wir ha­ben im Som­mer mehr Rück­la­gen ge­bil­det und sind durch das zu­sätz­li­che Per­so­nal im Win­ter et­was bes­ser auf­ge­stellt als im ver­gan­ge­nen Jahr“, sagt Werks­lei­ter Hans-Hein­rich Ger­land. „Aber wie weit uns das bringt, wird sich erst im Win­ter zei­gen.“

FO­TO: AR­MIN FISCHER

Im St­ein­salz­berg­werk in Rhein­berg wird der­zeit im Drei­schicht­be­trieb ge­för­dert. Pro­duk­ti­ons­lei­ter Dirk Hein­rich (r.) und Mit­ar­bei­ter Heinz Möl­ler über­wa­chen die Aus­lie­fe­rung von der­zeit mehr als 4000 Ton­nen pro Tag.

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