Was ha­ben Sie ge­schafft, Frau Kraft?

Han­ne­lo­re Kraft (SPD), Mi­nis­ter­prä­si­den­tin von Nord­rhein-West­fa­len, spricht über die ers­ten 100 Ta­ge ih­rer Re­gie­rungs­zeit, über mög­li­che Neu­wah­len, den Um­fra­ge-Hö­hen­flug der Grü­nen, die Ka­ta­stro­phe bei der Lo­ve­pa­ra­de und die Zu­kunft der an­ge­schla­ge­nen Wes

Rheinische Post Goch - - Politik -

Sie sind 100 Ta­ge im Amt. Was ist Ihr größ­ter Er­folg? Was ha­ben Sie noch nicht er­reicht? Kraft Wir ha­ben vie­les an­ge­sto­ßen, aber wir ha­ben noch kein Ge­setz durch den Land­tag ge­bracht. Da­zu war der Zei­t­raum aber auch zu kurz, weil in die 100 Ta­ge auch die Som­mer­pau­se fiel. Un­ser Haupt­ziel ist: Wir wol­len kein Kind mehr zu­rück­las­sen. Dar­an wer­den wir ar­bei­ten in den nächs­ten Jah­ren. Sie ha­ben doch vor al­len Din­gen Be­schlüs­se zu­rück­ge­nom­men, die Schwarz-Gelb ge­trof­fen hat. Kraft Wir sind ja auch da­für ge­wählt wor­den, die Po­li­tik von CDU und FDP zu än­dern. Des­halb wer­den die Stu­di­en­ge­büh­ren ab­ge­schafft, es gibt wie­der mehr Mit­be­stim­mung im öf­fent­li­chen Di­enst. Man­che Pro­jek­te wer­den aber auch von der Vor­gän­ger-Re­gie­rung un­ter­stützt. So hö­re ich bei­spiels­wei­se, dass die FDP sich auch für die Wie­der­ein­füh­rung der Stich­wahl bei den Bür­ger­meis­ter­wah­len aus­spricht. Und die CDU be­wegt sich ge­ra­de er­kenn­bar in der Bil­dungs­po­li­tik. Vie­le Bür­ger ver­bin­den mit Rot-Grün vor al­lem die im­mens hö­he­re Neu­ver­schul­dung von 2,3 Mil­li­ar­den Eu­ro im Nach­trags­haus­halt 2010. Kraft Der Nach­trags­haus­halt für 2010 hat nichts mit der Po­li­tik von Rot-Grün zu tun. Das sind die Schul­den, die die Rütt­gers-Re­gie­rung nicht in den Etat ein­ge­stellt hat, ob­wohl sie wuss­te, dass die Zah­lun­gen zu leis­ten sind, et­wa bei der Wes­tLB oder bei der Be­treu­ung un­ter Drei­jäh­ri­ger in den Ki­tas. Wir be­gin­nen un­se­re po­li­ti­sche Gestal­tung mit dem Haus­halt 2011. Ziel bleibt es, bis 2020 die Neu­ver­schul­dung zu be­en­den. Wie soll das denn funk­tio­nie­ren? Kraft Bis­lang war der Weg, beim Per­so­nal und bei den So­zi­al­aus­ga­ben zu kür­zen. Das funk­tio­niert er­kenn­bar nicht wirk­lich. Auch die mit­tel­fris­ti­ge Fi­nanz­pla­nung der CDU/FDP-Re­gie­rung ging von kon­stant ho­her Neu­ver­schul­dung aus. Wir müs­sen statt­des­sen mas­siv in die Prä­ven­ti­on und da­mit in die Ver­mei­dung künf­ti­ger So­zi­al­aus­ga­ben in­ves­tie­ren. Wir müs­sen El­tern frü­her un­ter­stüt­zen, so­zia­le Sys­te­me auf die Stadt­tei­le aus­rich­ten – und viel mehr Geld in Bil­dung in­ves­tie­ren. Oh­ne die­se Aus­ga­ben ist ei­ne gu­te Zu­kunft für NRW nicht mög­lich. Die Link­s­par­tei droht da­mit, dem Nach­trags­haus­halt nicht zu­zu­stim­men, wenn kei­ne Mit­tel für zu­sätz­li­che Fi­nanz­prü­fer und ei­ne frü­he­re Ab­schaf­fung der Stu­di­en­ge­büh­ren ein­ge­stellt wer­den. Be­sorgt Sie das? Kraft Auch wir wol­len mehr Steu­er­prü­fer, und auch wir wol­len die Stu­di­en­ge­büh­ren ab­schaf­fen, aber al­les das ge­hört in den Haus­halt 2011 und nicht in den Nach­trag 2010, der ei­ne End­ab­rech­nung der Vor­gän­ger-Re­gie­rung ist. Wird die Wes­tLB un­ter Ih­rer Ägi­de ver­kauft? Kraft Die EU macht Druck in die­se Rich­tung. Wir müs­sen die In­ter­es­sen von NRW im Blick be­hal­ten. Es kann nicht sein, dass wir bei ei­nem Ver­kauf am En­de noch drauf­zah­len. Und es geht um den Er­halt von Ar­beits­plät­zen. Der­zeit füh­ren wir Ge- sprä­che über ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der Baye­ri­schen Lan­des­bank. Wie das aus­geht, kann ich noch nicht sa­gen. Muss der Sitz der Wes­tLB-Nach­fol­ge­lö­sung in Düsseldorf sein? Kraft So weit sind die Ver­hand­lun­gen noch nicht. Man­che Ma­na­ger ver­die­nen mehr als 500 000 Eu­ro bei der Wes­tLB. Sie ha- ben an­ge­kün­digt, da­ge­gen vor­zu­ge­hen. Kraft Das ha­ben wir schon ge­tan, durch ei­ne Bun­des­rats­in­itia­ti­ve. Im Auf­sichts­rat sind wir da­bei, uns ei­nen Über­blick zu ver­schaf­fen. Ei­ne neue Um­fra­ge pro­gnos­ti­ziert im Fal­le von Neu­wah­len ei­ne kom­for­ta­ble Mehr­heit für Rot-Grün in NRW. Die SPD kä­me auf 35, die Grü­nen er­reich­ten 19 Pro­zent, die CDU kä­me nur auf 31, die Lin­ke wä­re im Land­tag, die FDP nicht. Ver­lo­ckend, oder? Kraft Nein. Ich se­he nicht, dass es im Land­tag ei­ne Mehr­heit für Neu­wah­len gibt. Stört es Sie, dass die Grü­nen neu­er­dings so gu­te Um­fra­ge­wer­te ha­ben? Kraft Nein, ich freue mich dar­über. In der letz­ten Zeit hat­ten die klas­si­schen grü­nen The­men, wie zum Bei­spiel der Atom­aus­stieg, Kon­junk­tur. Da­von pro­fi­tie­ren sie. Aber ich ha­be den Ein­druck, die Grü­nen in Nord­rhein-West­fa­len blei­ben auf dem Tep­pich. Wenn Sie sich wün­schen könn­ten, ge­gen wen Sie von der CDU an­tre­ten könn­ten – wä­re Ih­nen Ar­min La­schet oder Nor­bert Rött­gen lie­ber? Kraft Mich in­ter­es­siert eher die in­halt­li­che Neu­auf­stel­lung der CDU. In der Schul­po­li­tik hat dort ei­ne in­ter­es­san­te De­bat­te be­gon­nen. Ich ha­be ein gro­ßes In­ter­es­se an ei­nem Schul­frie­den in NRW. Die Staats­an­walt­schaft er­mit­telt ge­gen Par­la­men­ta­ri­er der NRW-Link­s­par­tei, die zu mas­si­ven Pro­tes­ten ge­gen den Cas­tor-Trans­port auf­ge­ru­fen ha­ben. Blei­ben die Lin­ken ein Fall für den Ver­fas­sungs­schutz? Kraft Wen der Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet, rich­tet sich nach Recht und Ge­setz. Sie ha­ben in den ers­ten 100 Ta­gen fünf Ki­lo ab­ge­nom­men – was ha­ben Sie ge­won­nen? Kraft Es hört sich zwar ba­nal an, ist aber so: an Er­fah­rung. Es wa­ren sehr in­ten­si­ve 100 Ta­ge. Es gab fas­zi­nie­ren­de Mo­men­te und Si­tua­tio­nen, die mich ver­än­dert ha­ben. Die Lo­ve­pa­ra­de-Ka­ta­stro­phe ist nicht spur­los an mir vor­bei­ge­gan­gen. Jetzt weiß ich, was Jo­han­nes Rau ge­meint hat, als er über den Brand­an­schlag in So­lin­gen ge­spro­chen hat. Die gan­ze Tra­gö­die, das Leid der Op­fer und ih­rer An­ge­hö­ri­gen ha­ben sich bei mir tief ein­ge­prägt. Jetzt sind Sie als ers­te Frau auch noch Bun­des­rats­vor­sit­zen­de. Kraft Als ich in mei­nem Bü­ro an der Ga­le­rie mei­ner Vor­gän­ger vor­bei­ge­führt wur­de, ha­be ich ei­nen Mo­ment ge­schluckt. Ich ha­be jetzt vie­le Auf­ga­ben, aber auch ein gu­tes Ge­fühl von in­ne­rer Ru­he.

FO­TOS: CHRIS­TOPH GÖTTERT

„Ich ha­be ein gu­tes Ge­fühl von in­ne­rer Ru­he“, sagt Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (49).

In der Staats­kanz­lei (v.l.): Han­ne­lo­re Kraft im Ge­spräch mit Chef­re­dak­teur Sven Gös­mann, Wirt­schafts­kor­re­spon­dent Tho­mas Reisener und Lan­des­kor­re­spon­dent Gerhard Voogt.

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