Spar­kurs: Ca­me­ron ent­lässt 490 000 Be­am­te

Die bri­ti­sche Re­gie­rung hat ges­tern ihr ra­di­kals­tes Spar­pa­ket seit dem Krieg ver­kün­det. 81 Mil­li­ar­den Pfund will Da­vid Ca­me­ron in den nächs­ten vier Jah­ren ein­spa­ren. Ge­kürzt wird vor al­lem beim So­zi­al­sys­tem.

Rheinische Post Goch - - Politik - VON ALE­XEI MAKARTSEV

LONDON Es ist ei­ne be­ängs­ti­gen­de Zahl. Je­den Tag muss die Re­gie­rung in London um­ge­rech­net 140 Mil­lio­nen Eu­ro auf­brin­gen, al­lein um die Zin­sen für die Schul­den des Kö­nig­reichs zu til­gen. Ein Jahr nach der schwers­ten Re­zes­si­on seit 70 Jah­ren steht das Land mit dem elf­pro­zen­ti­gen Haus­halts­de­fi­zit mit 952 Mil­li- ar­den Pfund in der Krei­de – das ent­spricht 64 Pro­zent des bri­ti­schen Brut­to­in­lands­pro­dukts. Höchs­te Zeit zu han­deln, sagt die li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve Ko­ali­ti­on, die ges­tern der Öf­fent­lich­keit das „ra­di­kals­te Spar­pa­ket seit dem Zwei­ten Welt­krieg“ vor­ge­stellt hat. 81 Mil­li­ar­den Pfund (um­ge­rech­net sind das 92 Mil­li­ar­den Eu­ro) sol­len bis 2015 ein­ge­spart wer­den. Ne­ben Kür­zun­gen bei den öf­fent­li­chen Aus­ga­ben um 19 Pro­zent sieht Ca­me­ron ei­ne per­ma­nen­te Ban­ken­steu­er vor. Zu­sätz­lich wer­den die Bri­ten ab 2018 ge­zwun­gen sein, statt mit 65 ein Jahr spä­ter in Ren­te zu ge­hen. 490 000 Jobs im öf­fent­li­chen Di­enst sol­len ge­stri­chen wer­den. Das ist et­wa je­de zehn­te Stel­le.

Das Aus­maß des Spar­pro­gramms be­stä­tig­te die schlimms­ten Er­war­tun­gen man­cher Mi­nis­te­ri­en – wäh­rend ei­ni­ge we­ni­ge Res­sorts sich so­gar über Etat­er­hö­hun­gen freu­en durf­ten. Die Re­gie­rungs­spit­ze hat ihr Ver­spre­chen er­füllt, das Ge­sund­heits­we­sen, die Ent­wick- lungs­hil­fe und die Bil­dung von ei­nem Kahl­schlag zu ver­scho­nen. Die eng­li­schen Schu­len sol­len so­gar vier Mil­li­ar­den Pfund mehr im Jahr be­kom­men. Zu den gro­ßen Ver­lie­rern zäh­len da­ge­gen die Be­rei­che Me­di­en, Kul­tur und Sport: Hier sol­len die Ver­wal­tungs­kos­ten um 41 Pro­zent re­du­ziert wer­den. An­ge­sichts der ver­ord­ne­ten Ein­spa­run­gen von 24 Pro­zent steht dem Au­ßen­mi­nis­te­ri­um ei­ne schmerz­haf­te Schrumpf­kur be­vor. Zu­dem soll es im Ver­tei­di­gungs­haus­halt Kür­zun­gen von acht Pro­zent bis 2015 ge­ben, die ei­nen Job­ver­lust für 12 000 Sol­da­ten und 25 000 Zi­vi­lis­ten nach sich zie­hen sol­len. Zwei von der Vor­gän­ger­re­gie­rung be­stell­te Flug­zeug­trä­ger wer­den fer­tig­ge­baut

aber nur weil ei­ne Stor­nie­rung noch teu­rer wä­re.

Die Bri­ten hat­ten fast fünf Mo­na­te lang mit wach­sen­der Un­ru­he auf die­sen „Mitt­woch der Axt”, („Axe Wed­nes­day“) ge­war­tet, mit dem Ca­me­rons Ka­bi­nett ei­nen Schluss­strich un­ter die „ver­ant­wor­tungs­lo- se und kurz­sich­ti­ge“ Fi­nanz­po­li­tik der New-La­bour-Ära zie­hen will. Al­len war klar, dass die ra­di­ka­len Kür­zun­gen weit­rei­chen­de so­zia­le Fol­gen für die siebt­größ­te Wirt­schafts­macht der Welt ha­ben wür­den. Durch die an­ge­streb­te Re­form der So­zi­al­hil­fe will die Re­gie­rung bis zur nächs­ten Wahl zu­sätz­lich sie­ben Mil­li­ar­den Pfund (7,9 Mil­li­ar­den Eu­ro) ein­spa­ren – das be­deu­tet für vie­le Ge­ring­ver­die­ner, dass sie den Gür­tel en­ger schnal­len müs­sen. Es ge­be kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu sei­nem har­ten Spar­kon­zept, ver­si­cher­te ges­tern Fi­nanz­mi­nis­ter Ge­or­ge Os­bor­ne im West­mins­ter-Par­la­ment. „Wir be­glei­chen zehn Jah­re al­te Rech­nun­gen und tre­ten heu­te weg von dem Ab­grund“, sag­te der 39 Jah­re al­te Kon­ser­va­ti­ve. „Es ist ein schwie­ri­ger Weg, al­ler­dings führt er in ei­ne bes­se­re Zu­kunft“. Doch die em­pör­ten Re­gie­rungs­kri­ti­ker nann­ten das Spar­pa­ket ein „Mas­sa­ker“. „Wir zie­hen al­le an ei­nem Strang“, ver­tei­dig­te Os­bor­ne sei­ne „ge­rech­ten“ Not­maß­nah­men in der „Ära der Spar­sam­keit”, die auch sol­chen bri­ti­schen Aus­hän­ge­schil­dern wie der BBC, dem Kö­nigs­haus und dem Lon­do­ner Stadt­ver­kehr mit den ro­ten Dop­pel­de­cker­bus­sen viel ab­ver­lan­gen wer­den. Weil die Re­gie­rung die Sub­ven­tio­nen für die Busti­ckets strei­chen will, wer­den die Fahr­prei­se stei­gen. Die BBC muss ih­ren World Ser­vice oh­ne Staats­hil­fe selbst tra­gen.

FO­TO: GETTY

Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron ges­tern auf dem Weg zu ei­nem Tref­fen mit Fi­nanz­mi­nis­ter Os­bor­ne.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.