Im End­spurt zum Ab­schluss

Die Ma­gis­ter- und Di­plom-Stu­di­en­gän­ge an den Hoch­schu­len in NRW lau­fen in den kom­men­den Jah­ren aus. Wer es bis jetzt nicht ge­schafft hat, sein Stu­di­um zu be­en­den, dem hilft an der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düsseldorf die in­ten­si­ve End­spurt-Grup­pe wei­ter.

Rheinische Post Goch - - Hochschule - VON ISABELLE DE BORTOLI

DÜSSELDORF Sie stu­die­ren Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie, Ma­the­ma­tik, Bio­lo­gie oder Ge­schich­te. Aber das nicht auf Ba­che­lor oder Mas­ter – nein, die Mit­glie­der des End­spur­tPro­gramms an der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät in Düsseldorf ge­hö­ren zu rund 1400 Stu­die­ren­den, die an der Hoch­schu­le noch die al­ten Stu­di­en­gän­ge auf Ma­gis­ter oder Di­plom be­le­gen und da­bei die Re­gel­stu­di­en­zeit schon über­schrit­ten ha­ben.

Die Grün­de, war­um sie im­mer noch ein­ge­schrie­ben sind, es aber auch nach 15 bis 20 Se­mes­tern nicht zum Ab­schluss ge­bracht ha­ben, sind un­ter­schied­lich: „Die ei­nen wis­sen nicht, auf wel­ches Ziel sie hin­stu­die­ren, fra­gen sich, was wohl da­nach kom­men mag, ob sie über­haupt ei­nen Job fin­den“, sagt Cordula Mei­er vom Stu­die­ren­den Ser­vice Cen­ter. „So zö­gern sie den Ab­schluss im­mer wie­der hin­aus.“

Die Stu­den­ten ar­bei­ten im­mer mehr und ge­hen

we­ni­ger zur Uni

Die an­de­ren lei­den an Prü­fungs­ängs­ten, an De­pres­sio­nen oder Bur­nout oder ha­ben we­gen ei­ner Schwan­ger­schaft pau­siert. Auch Ne­ben­jobs ge­fähr­den den Ab­schluss: „Die Stu­die­ren­den ar­bei­ten im­mer mehr und ge­hen im­mer we­ni­ger an die Uni. Ir­gend­wann stel­len sie fest: Ich be­kom­me kein Ba­fög mehr – ich muss al­so noch mehr ar­bei­ten ge­hen. Und so kom­men sie wie­der nicht ins Se­mi­nar.“

Das Hin­aus­zö­gern des Stu­di­en­ab­schlus­ses ist für die Ma­gis­ter­und Di­plom-Stu­die­ren­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zum Pro­blem ge­wor­den: Ih­re Stu­di­en­gän­ge sind ent­we­der schon ein­ge­stellt oder wer­den bald aus­lau­fen. „Wir bie­ten seit meh­re­ren Se­mes­tern das End­spurt-Pro­gramm an, um die­ser Grup­pe doch noch zum Ab­schluss zu ver­hel­fen“, sagt die Lei­te­rin der Stu­di­en­be­ra­tung, Do­ris Hildesheim. „Wir wol­len den Be­trof­fe­nen zei­gen: Du bist uns nicht egal. Wir als Uni­ver­si­tät wol­len dir hel­fen.“

Das Grund­pro­blem bei Lang­zeit­Stu­den­ten ist nicht, dass es für sie kei­ne Se­mi­na­re und Vor­le­sun­gen mehr gibt, die sie sich für die al­ten Stu­di­en­gän­ge an­rech­nen las­sen kön­nen. „Wer noch ei­nen be­stimm­ten Ma­gis­ter-Schein braucht, kann das pas­sen­de Se­mi­nar da­zu im Ba­che­lor-An­ge­bot fin­den“, sagt Cordula Mei­er. „Viel­mehr ha­ben die be­trof­fe­nen Stu­den­ten durch in­di­vi­du­el­le Pro­ble­me, durch El­ter­noder Pfle­ge­zeit den An­schluss an ih­re Lern­grup­pe ver­lo­ren. Sie wa­ren so lan­ge nicht an der Uni, dass sie nie­man­den mehr ken­nen. Oder noch schlim­mer: Der eins­ti­ge Kom- mi­li­to­ne aus dem ers­ten Se­mes­ter lei­tet in­zwi­schen ei­ge­ne Se­mi­na­re – die man nun be­le­gen müss­te.“

Das Wich­tigs­te am End­spur­tPro­gramm ist die Wie­der­ein­glie­de­rung ins „Sys­tem Uni“: In der Grup­pe stel­len die be­trof­fe­nen Stu­die­ren­den fest, dass sie nicht al­lei­ne sind. Ge­mein­sam bil­den sie ei­ne neue Lern­ge­mein­schaft – über Fä­cher­gren­zen hin­weg. Sie ha­ben wie An­schluss ge­fun­den. Um ih­nen auch bei der Be­wäl­ti­gung des Stu­di­ums zu hel­fen, setzt sich das Pro­gramm aus ver­schie­de­nen Baustei­nen zu­sam­men: „Un­ser Ca­re­er Ser­vice zeigt ei­ne Per­spek­ti­ve für die Zeit nach dem Stu­di­um auf. Al­so: Was kann ich mit mei­nem Ab­schluss ma­chen? Wel­che Qua­li­fi­ka­tio­nen feh­len mir noch, und wie kann ich sie ver­bes­sern?“, so Mei­er. Stu­die­ren­de mit Prü­fungs­angst fin­den Hil­fe in psy­cho­lo­gi­schen Ge­sprä­chen. „Ge­ra­de vie­le Eins­er­Kan­di­da­ten lei­den an Ver­sa­gens­ängs­ten. Für sie ist ei­ne Zwei schon ein Miss­er­folg. Die Teil­neh­mer des End­spurt-Pro­gramms ent­spre­chen meist nicht dem Kli­schee des er­folg­lo­sen End­drei­ßi­gers.“

Beim Kurs „Leich­ter ler­nen“ kön­nen vor al­lem Ma­gis­ter-Stu­den­ten, die am En­de des Stu­di­ums sehr vie­le Prü­fun­gen in kur­zer Zeit zu leis­ten ha­ben, ler­nen, wie sie den Stoff aus vier bis fünf Jah­ren struk­tu­rie­ren und sich selbst or­ga­ni­sie­ren. Im An­ge­bot „Ge­mein­sam durch Di­plom-und Ma­gis­ter­ar­beit“ wer­den die Lang­zeit­stu­die­ren­den von der The­men­fin­dung bis zur Ab­ga­be be­treut – al­ler­dings rein or­ga­ni­sa­to­risch. „Wir be­spre­chen je­de Wo­che, wie weit der Ein­zel­ne ge­kom­men ist, wo er jetzt steht, und war­um ge­setz­te Zie­le vi­el­leicht auch nicht er­reicht wur­den“, sagt Mei­er.

Für den fach­li­chen Rat blei­be der Pro­fes­sor An­sprech­part­ner – der al­ler Er­fah­rung nach ei­ne Ma­gis­te­ro­der Di­plom­ar­beit ge­nau­so ger­ne an­näh­me wie Ba­che­lor-und Mas­ter­ar­bei­ten. Für die­je­ni­gen, die er we­gen vie­ler feh­len­der Prü­fungs­leis­tun­gen nicht bis zur Ein­stel­lung des Stu­di­en­gangs schaf­fen wer­den, ihr Ma­gis­ter-oder Di­plom­stu­di­um zu be­en­den, gibt es trotz­dem noch Hoff­nung.

„In Aus­nah­me­fäl­len gibt es die Mög­lich­keit, in den Ba­che­lor zu wech­seln“, sagt Do­ris Hildesheim. „Das Wich­tigs­te aber ist es, die Stu­di­en­be­ra­tung auf­zu­su­chen. Denn mit der Fra­ge: ,Wie ma­che ich jetzt wei­ter?’ – auch nach vie­len Jah­ren Ab­we­sen­heit von der Uni – wird nie­mand al­lein ge­las­sen.“

FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Oft ei­ne Hel­fe­rin in der Not: Cordula Mei­er von der Stu­di­en­be­ra­tung der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät.

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