Sprach-Preis für Lin­den­berg

Mor­gen er­hält Udo Lin­den­berg den Ja­cob-Grimm-Preis für sei­ne Ver­diens­te um die deut­sche Spra­che. Der 64-Jäh­ri­ge gilt als ei­ner der bes­ten Nach­kriegs­ly­ri­ker – und be­fin­det sich der­zeit im Kar­rie­re-Hö­hen­flug.

Rheinische Post Goch - - Gesellschaft - VON JÖRG ISRINGHAUS

HAM­BURG Udo Lin­den­berg wacht mor­gens schon lan­ge nicht mehr mit ei­nem Ka­ter, son­dern mit ei­nem Lä­cheln auf. Und er hat al­len Grund da­zu. Denn der Pa­nik­prä­si­dent ist mit 64 Jah­ren so er­folg­reich wie zu sei­nen bes­ten Zei­ten. Mit dem vor zwei Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten Al­bum „Stark wie Zwei“ ist ihm das ge­glückt, was sonst nur Pop­stars wie Ma­don­na oder Da­vid Bo­wie ge­lingt – sich neu zu er­fin­den und doch der Al­te zu blei­ben. Seit­her fährt Lin­den­berg die Ern­te ein, selbst die jun­ge Mu­sik­sze­ne liegt ihm zu Fü­ßen. Jetzt ehrt ihn die Eber­hard-Schöck-Stif­tung für sei­ne Ver­diens­te um die deut­sche Spra­che mit dem Ja­cob-Grimm-Preis – und stellt Lin­den­berg da­mit in ei­ne Rei­he mit Vi­co von Bü­low ali­as Lo-

„Tat­säch­lich nu­schelt wohl nie­mand so ge­nia­len Quatsch

wie Lin­den­berg“

ri­ot, FAZ-Her­aus­ge­ber Frank Schirr­ma­cher und Kin­der­buch­au­to­rin Cornelia Fun­ke.

Es ist be­reits der zwei­te Preis, der Lin­den­berg für sei­ne Sprach­a­kro­ba­tik ver­lie­hen wird. Vor drei Jah­ren über­reich­te ihm Kurt Beck die Car­lZuck­may­er-Me­dail­le und adel­te den ro­cki­gen Rei­me-Rütt­ler, des­sen Text­zei­len (Al­les klar auf der Andrea Do­ria) und Fi­gu­ren (John­ny Con­trol­let­ti, Bo­do Bal­ler­mann, Ru­di Rat­los) längst zum all­ge­mei­nen Sprach­fun­dus ge­hö­ren. Wo­bei zwi­schen ge­spro­chen und ge­schrie­ben un­ter­schie­den wer­den muss. Tat­säch­lich nu­schelt wohl nie­mand so ge­nia­len Quatsch wie Lin­den­berg, des­sen Sprach­zen­trum an­ders ver­drah­tet scheint, so kon­se­quent an­ders ist sei­ne Phan­ta­sie­spra­che, sein Lin­den­berg­sprech, so ver­quer und doch auf den Punkt. Erich Hone­cker nann­te er ein „klem­mi­ges Steiff­tier“; bei ih­rer his­to­ri­schen Be­geg­nung 1987 in Wup­per­tal über­reich­te er dem SED-Chef ei­ne Gi­tar­re mit den Wor­ten: „Gi­tar­ren statt Knar­ren!“

Auf Lin­den­bergs Hit „Son­der­zug nach Pan­kow“ hört sich das dann et­was aus­ge­feil­ter an. „Ho­ney, ich glaub, du bist doch ei­gent­lich auch ganz lo­cker/ ich weiß, tief in dir drin, bist du doch ei­gent­lich auch ‘n Ro­cker/ du ziehst dir doch heim­lich auch ger­ne mal die Le­der­ja­cke an und schließt dich ein auf’m Klo und hörst West-Ra­dio.“ Mit der deut­schen Spra­che spie­len, ex­pe­ri­men­tie­ren, jon­glie­ren, das ist Lin­den­bergs Ding. Auch wenn der Im­puls für sei­ne Tex­te die Ro­cker-Re­bel­li­on war, die An­ti-Hal­tung, so ver­or­tet Lin­den­berg sei­ne li­te­ra­ri­schen Ein­flüs­se bei Her­mann Hes­se, Goe­the und Wond­rat­schek. Für den Au­tor Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re ist Lin­den­berg der größ­te deut­sche Nach­kriegs­ly­ri­ker. Bei die­ser Band­brei­te ver­wun­dert es nicht, dass ihn das Esta­blish­ment, ge­gen das er erst an­ge­schrie­ben hat, spä­ter mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz und nun mit Sprach­prei­sen ver­ein­nahmt hat. Lin­den­berg sieht dar­in längst kei­nen Wi­der­spruch mehr: „Und dann packt er sich das Glas, das vol­le und sagt: Al­les un­ter Kon­trol­le“ (John­ny Con­trol­let­ti).

Der „Ho­mo pa­ni­cus“ (Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Ba­zon Brock) trägt zwar im­mer noch Hut und groß­for­ma­ti­ge Son­nen­bril­le, fährt aber Por­sche und hört bei 300 km/h Schu­mann, Mo­zart und Grieg. Zur In­spi­ra­ti­on. Pri­vat bleibt we­nig Zeit für „Schu­bi­du“ und „Tralafit­ti“, da wird bei Kräu­ter­tee an neu­en Pro­jek­ten ge­ar­bei­tet. Frü­her, vor sei­nem Herz­in­farkt im Jahr 1989, durf­te es auch mal ei­ne Fla­sche Dop­pel­korn sein. Als „Er­kennt­nis-Trin­ker“ und „Er­leuch­tungs-Dro­gist“ be­zeich­net sich Lin­den­berg im In­ter-

„Und dann packt er sich das Glas, das vol­le und sagt:

Al­les un­ter Kon­trol­le“

view mit „Spie­gel on­line“. „Die Dro­ge Al­ko­hol funk­tio­niert manch­mal als zu­sätz­li­che Lam­pe im Le­ben“, sagt der Mu­si­ker, der seit Jah­ren im Ham­bur­ger Ho­tel At­lan­tic Kem­pin­ski wohnt. Lin­den­berg sieht auch des­halb kei­ne Wi­der­sprü­che, weil er den Wi­der­spruch lebt, weil die Rol­le des Au­ßen­sei­ters, des ra­di­kal an­de­ren Ro­ckers längst grö­ßer ist als er selbst: Udo ist eben Udo.

Das er­folg­rei­che Al­ters­werk macht es Lin­den­berg na­tür­lich leich­ter, sich mit al­lem zu ar­ran­gie­ren. Sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin Ti­ne Acke hat ge­ra­de ein Fo­to­buch ver­öf­fent­licht, das heißt wie das Al­bum, „Stark wie Zwei“, mit groß­for­ma­ti­gen Bil­dern. Lin­den­berg auf der Büh­ne, im Ho­tel, in Ca­pe Ca­na­veral, im­mer mit Hut. Im Ja­nu­ar hat in Berlin Lin­den­bergs Mu­si­cal „Hin­term Ho­ri­zont“ Pre­mie­re. Es spielt in der Zeit des Mau­er­falls, der 64-Jäh­ri­ge nennt es ein „Pa­ni­cal“. Al­les drin al­so. Lin­den­berg wird wohl wei­ter mit ei­nem brei­ten Lä­cheln in den Tag star­ten: „Hin­term Ho­ri­zont geht’s wei­ter/ein neu­er Tag/ hin­term Ho­ri­zont im­mer wei­ter/zu­sam­men sind wir stark/das mit uns ging so tief rein / das kann nie zu En­de sein/so was Gro­ßes geht nicht ein­fach so vor­bei.“

FO­TO: ULLSTEIN BILD

Für Udo Lin­den­berg ist al­les klar auf der Andrea Do­ria – mit 64 ist er er­folg­rei­cher denn je. Ab Ja­nu­ar gibt’s das Lin­den­berg-Oeu­vre auch als Mu­si­cal.

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