Mon­roe – kein blondes Dumm­chen

„Tap­fer lie­ben“ heißt das jetzt ver­öf­fent­lich­te Ta­ge­buch von Ma­ri­lyn Mon­roe, in dem Notizen, Brie­fe, Ge­dich­te, Haus­halts- und Merk­lis­ten ver­sam­melt sind. Der span­nen­de Nach­lass zeigt, dass Mon­roe ei­nen ge­sun­den Men­schen­ver­stand und ei­ne hell­wa­che In­tui­tio

Rheinische Post Goch - - Blickpunkt Kultur - VON MAR­TIN HAL­TER

Fast 50 Jah­re nach ih­rem Tod ist Ma­ri­lyn Mon­roe ein My­thos des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, bis in den letz­ten Win­kel aus­ge­leuch­tet von über drei­hun­dert Bio­gra­fi­en. Nach­dem so vie­le Künst­ler und Schrift­stel­ler, Film­his­to­ri­ker, Phi­lo­so­phen und Psy­cho­lo­gen Er­hel­len­des oder auch Dum­mes über die Mon­roe ge­sagt ha­ben, kommt sie jetzt end­lich sel­ber zu Wort. „Tap­fer lie­ben“, zeit­gleich in zehn Län­dern (un­ter dem we­ni­ger ver­kitsch­ten Ti­tel „Frag­ments“) er­schie­nen, ist ihr Ver­mächt­nis: fak­si­mi­lier­te Notizen, Brie­fe, Ge­dich­te, Haus­halts­und Merk­lis­ten (so­wie ein Trut­hahn­re­zept) – her­aus­ge­ben von An­na Stras­berg, der Wit­we von Mon­roes Nach­lass­ver­wal­ter Lee Stras­berg, und spar­sam kom­men­tiert von St­an­ley Buch­thal und Ber­nard Com­ment.

Die Frag­men­te ent­hal­ten we­der sen­sa­tio­nel­le Neu­ig­kei­ten noch Klatsch, über­haupt „nichts Schmut­zi­ges und Ge­mei­nes“, wie die Kom­men­ta­to­ren be­mer­ken. Aber selbst wer dem Mon­roe-Kult

Zeit­le­bens litt sie un­ter Selbst­zwei­feln, Ängs­ten

und Ein­sam­keit

nichts ab­ge­win­nen kann, wird das Buch nicht oh­ne Be­we­gung und Stau­nen le­sen. Zu be­sich­ti­gen ist näm­lich ei­ne klu­ge, mo­der­ne Frau, die weiß, was ge­spielt und wie ihr mit­ge­spielt wird. Die Mon­roe durch­schaut und re­flek­tiert ih­re Kom­ple­xe – und weiß sie bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de auch als „ner­vö­se Span­nung“ schau­spie­le­risch frucht­bar zu ma­chen.

Man weiß in­zwi­schen, dass Ma­ri­lyn nicht das blon­de Dumm­chen war, das sie in Fil­men wie Bil­ly Wil­ders „Man­che mö­gen’s heiß“ spiel­te. Man weiß auch, dass sie zeit­le­bens un­ter Selbst­zwei­feln, Ängs­ten und Ein­sam­keit litt und das Ge­fühl des Un­ge­nü­gens mit Al­ko­hol und Ta­blet­ten be­täub­te.

Aber noch nie konn­te man die Frau hin­ter der Mas­ke „Ma­ri­lyn Mon­roe“ so nah, so un­ge­schützt se­hen: ei­ne zer­brech­li­che, ver­stör­te, ver­wun­de­te See­le, nach land­läu­fi­gen Be­grif­fen de­pres­siv, aber da­bei trotz al­lem auch klug, fröh­lich, warm­her­zig, hu­mor­voll, ja so­gar selbst­iro­nisch.

FO­TO: A. EI­SEN­STA­EDT/TI­ME & LI­FE PIC­TU­RES/GETTY IMAGES

Ma­ri­lyn Mon­roe im Mai 1953 da­heim bei der Schreib­ar­beit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.