Nur vom Tod ge­schie­den

Gro­ße al­te Paa­re ge­ben uns ei­ne Ah­nung da­von, was es heißt, den Bund fürs Le­ben zu schlie­ßen. Der Tod von Lo­ki Schmidt ruft uns in Er­in­ne­rung, wel­che Vor­bil­der uns sol­che Paa­re sein kön­nen.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON LOTHAR SCHRÖDER

DÜSSELDORF Je­der christ­li­chen Trau­ung ist gleich am An­fang ihr En­de ein­ge­schrie­ben. Dem meist jun­gen Paar – frisch ver­liebt, vol­ler Zu­ver­sicht und zu­kunfts­süch­tig – wird vor dem Trau­al­tar ein Blick aufs bit­te­re Fi­na­le ge­währt: „Bis dass der Tod euch schei­det“, heißt es in der lit­ur­gi­schen For­mel zur Ehe­schlie­ßung.

Hört man sol­che Wor­te in die­ser hei­te­ren Stim­mung über­haupt? Vi­el­leicht. Be­greift man sie aber auch? Wohl kaum.

Die­se paar Wor­te sind kei­ne ver­stö­ren­de Spaß­brem­se. Im Ge­gen­teil: Sie do­ku­men­tie­ren et­was Gro­ßes, ei­ne Lie­be, die

Die Rea­li­tät hat kei­nen Sinn für die

letz­te Ro­man­tik

un­be­dingt ist. Denn sie be­steht auf ei­ner Treue, die erst mit dem Le­ben en­det. Ein grö­ße­rer Lie­bes­be­weis ist nicht vor­stell­bar. Wer die­se Wor­te spricht, nimmt Ehe ernst und weiß, was es auf sich hat, den Bund fürs Le­ben tat­säch­lich zu le­ben.

Ist das nicht et­was zu viel Pa­thos und zu „pas­to­ral“ ge­dacht für ei­ne Zwei­sam­keit, die doch im­mer sel­te­ner un­se­rer Le­bens­wirk­lich­keit ent­spricht? Fast 200 000 Ehe­paa­re wur­den zu­letzt in Deutsch­land pro Jahr ge­schie­den. Der Bund fürs Le­ben währ­te durch­schnitt­lich kaum 14 Jah­re.

Auch dar­um sind es vor al­lem die gro­ßen und al­ten Paa­re, die mehr als nur das Vor­bild ei­nes ge­glück­ten Le­bens sind: Sie ge­ben dem Ehe­bund sei­ne Wahr­heit zu­rück. Vi­el­leicht sind wir des­halb so er­grif­fen, wenn der Tod die­se Paa­re aus­ein­an­der­reißt. Wenn die Exis­tenz des ei­nen fort­an die Ab­senz des an­de­ren do­ku­men­tiert. Mit dem Ster­ben bleibt ei­ne Leer­stel­le zu­rück, die – man ahnt es – nicht mehr zu fül­len sein wird.

Sei­en wir ehr­lich: Den Tod Lo­ki Schmidts be­trau­ern wir. Aber ihm haf­tet nichts Tra­gi­sches an: 91 Jah­re wur­de sie alt, und sie hat ein er­füll­tes, in gro­ßen Tei­len be­weg­tes und auf­re­gen­des Le­ben füh­ren dür­fen. Ihr Tod er­zählt aber auch das En­de ei­ner 68 Jah­re wäh­ren­den Ehe; ihr Tod wird ge­spie­gelt in dem, der im Le­ben zu­rück­bleibt, in Kanz­ler a.D. Helmut Schmidt. Lo­ki Schmidts Tod hat ei­ne gro­ße Ehe zer­ris­sen.

Was das heißt? Wir al­le po­chen per­ma­nent auf un­se­re Selbst­stän­dig­keit, auf un­se­re In­di­vi­dua­li­tät und na­tür­li­che Un­ver­wech­sel­bar­keit. Das sind iden­ti­täts­stif­ten­de An­sprü­che, die in der Part­ner­schaft an Ri­go­ro­si­tät ver­lie­ren. Wie oft spü­ren wir, dass es den an­de­ren gibt, der hilft, ei­nem zur Sei­te steht oder ein­fach nur da ist. Die­ser Bund gibt uns die Chan­ce, von uns sel­ber ab­zu­se­hen. Un­ser Ego ver­liert an Ge­wicht; auch das macht vie­les leich­ter. Ei­ne ge­leb­te Part­ner­schaft ist ein for­mi­da­bler Lehr­meis­ter in Al­tru­is­mus.

Es ge­hört zum Epi­so­di­schen lan­ger Part­ner­schaf­ten, dass sich die „Teil­neh­mer“ die­ses Le­bens­ex­pe­ri­men­tes im­mer ähn­li­cher wer­den. Das ist er­forscht: Nach vie­len Jah­ren der Ge­mein­sam­keit soll die Häu­fig­keit stei­gen, mit der die Paa­re die­sel­be po­li­ti­sche Par­tei un­ter­stüt­zen. Vi­el­leicht aber fin­den sich die wah­ren Ur­sa­chen für ei­ne sol­che Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­keit nicht so sehr in der Psy­cho­lo­gie, da­für um­so mehr in der Sor­ge um den häus­li­chen Frie­den. Kaum mehr als ei­ne net­te Be­gleit­mu­sik ist auch die Stu­die New Yor­ker Psy­cho­lo­gen, die bei Lang­zeit­paa­ren ei­ne Hirn­ak­ti­vi­tät mes­sen konn­ten, die je­ner von frisch Ver­lieb­ten ähn­lich war.

Solch tie­fe Zwei­sam­keit er­mun­tert bis­wei­len auch zur stil­len Bit­te, wenn es denn so weit ist, als Ers­ter aus dem Le­ben schei­den zu dür­fen. Weil man dem an­de­ren ein paar Jah­re mehr gönnt und weil man sich selbst die Trau­er über den Ver­lust schen­ken möch­te. Es gibt auch an­de­re Wün­sche – et­wa: ge­mein­sam aus dem Le­ben zu schei­den. Das ist bei ei­nem na­tür­li­chen Tod al­len­falls ein Wunsch. Die Wirk­lich­keit meint es fast im­mer an­ders. Doch es gibt Paa­re, die sol­ches Schick­sal selbst in die Hand neh­men, um ge­mein­sam aus dem Le­ben schei­den zu kön­nen. Das Ehe­paar Brau­chitsch ist so ein Fall. Bei­de – 83-jäh­rig – wähl­ten nach 58 Ehe­jah­ren den Frei­tod. Und wir, die da­von hö­ren, sind glei­cher­ma­ßen be- rührt wie ir­ri­tiert. Die Rea­li­tät hat kei­nen Sinn für die­se letz­te Ro­man­tik. Sie bleibt un­be­re­chen­bar, schätzt die Un­gleich­zei­tig­keit. Mit bis­wei­len bit­te­ren Fol­gen: Aus dem Le­ben wie aus der Li­te­ra­tur wis­sen wir, dass oft Män­ner in den Tod vor­an­ge­hen. Dem ge­walt­sa­men Tod von Tris­tan und Ro­meo aber fol­gen um­ge­hend Isol­de (gram­ge­beugt) wie auch Ju­lia (ver­zwei­felt).

Das sind frei­lich hoch­dra­ma­ti­sche Ent­lei­bun­gen, die im All­tag des Ver­wit­we­ten kei­ne Ent­spre­chung fin­den. Das Thea­tra­li­sche hat nichts zu tun mit der plötz­li­chen Ein­sam­keit des Zu­rück­ge­blie­be­nen, mit dem ir­gend­wie ge­stör­ten Ta­ges­ab­lauf und der un­vor­stell­ba­ren Lee­re der Woh­nung, der feh­len­den An­spra­che und dem En­de all der klei­nen und all der lie­ben Ri­tua­le.

„Bis dass der Tod euch schei­det“ – vi­el­leicht kann nie­mand die Tie­fe die­ses Sat­zes bes­ser er­grün­den und er­spü­ren als der Zu­rück­ge­blie­be­ne. Und der Trost? Vi­el­leicht ist es ja der My­thos von Phi­le­mon und Bau­cis, die sich nach ih­rem Tod in ei­ne Ei­che und ei­ne Lin­de ver­wan­deln. Und de­ren Äs­te grei­fen über die zwei Gr­ab­stät­ten hin­aus in­ein­an­der. Ein klei­ner Sieg.

FO­TO: PU­B­LIC AD­DRESS

Die­ses Fo­to ent­stand bei der Fei­er der Ei­ser­nen Hoch­zeit von Helmut und Lo­ki Schmidt am 27. Ju­ni 2007. Da­mals wa­ren die Ju­bi­la­re bei­de 88 Jah­re alt und seit 65 Jah­ren ver­hei­ra­tet.

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