Vom Stahl­werk zum Se­gel­pa­ra­dies

Die Um­ge­stal­tung des ehe­ma­li­gen Hoesch-In­dus­trie­ge­län­des in Dort­mund-Hör­de gilt als ei­nes der größ­ten Struk­tur­wan­del­pro­jek­te Eu­ro­pas. Rund um den neu ge­schaf­fe­nen Pho­enix­see sol­len Stadt­vil­len und Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser ge­baut wer­den. Kri­ti­ker be­fürch­ten so­zi

Rheinische Post Goch - - Land & Leute - VON DIE­TER DORMANN

DORT­MUND-HÖR­DE Es ist ein kal­ter, fast fros­ti­ger Herbst­tag in Hör­de. Wo Ge­ne­ra­tio­nen von 1839 bis 2001 Stahl pro­du­zier­ten, ist nur noch ei­ne 24 Hekt­ar gro­ße Gru­be zu se­hen, in der zen­ti­me­ter­hoch das Was­ser steht. An vie­len Haus­wän­den in der Um­ge­bung haf­tet noch der Dreck, der bis zur Schlie­ßung des Hoesch-Stahl­wer­kes „Pho­enix“ 2001 al­le 20 Mi­nu­ten gen Him­mel ge­schleu­dert wur­de. Schon der Hör­der Stadt­po­et Wil­helm Wen­zel (1841 - 1914) schrieb: „Ich kom­me aus dem Dreck­loch Hör­de.“

Ganz an­de­re Bil­der von Hör­de hat Svend Krum­na­cker (49) im Kopf. Der Vor­sit­zen­de des Yacht­clubs Pho­enix­see sitzt am Ran­de

„Bei Son­nen­un­ter­gang im Bier­gar­ten an­le­gen und sein

Boot be­stau­nen las­sen“

der ge­wal­ti­gen Gru­be und sieht in Ge­dan­ken ei­ne Ufer­pro­me­na­de im me­di­ter­ra­nen Stil, auf der Men­schen an ele­gan­ten Bou­ti­quen vor­bei fla­nie­ren. Aus schi­cken Re­stau­rants be­ob­ach­ten sie Mit­glie­der sei­nes Yacht­clubs, wie die an Ste­gen vor den Lo­ka­len mit ih­ren Ma­ha­go­ni-Boo­ten fest­ma­chen. „Nach Fei­er­abend ei­ne Run­de se­geln, bei Son­nen­un­ter­gang im Bier­gar­ten an­le­gen, sein Boot be­stau­nen las­sen – das wün­schen wir uns“, sagt der Yacht­club-Prä­si­dent.

Ei­nen Hauch von St.-Tro­pez-Flair ge­nie­ßen, wo vor we­ni­gen Jah­ren noch die Stahl­ar­bei­ter schwitz­ten. Die­se Vor­stel­lung kann bald Rea­li­tät sein. 2005 er­folg­te in Hör­de der ers­te Spa­ten­stich zu ei­nem der größ­ten Struk­tur­wan­del­pro­jek­te Eu­ro­pas. Auf dem Ge­län­de des Stahl­wer­kes (99 Hekt­ar) sind 900 Wohn­ein­hei­ten ge­plant: Mehr­fa­mi­li­en-, Dop­pel­häu­ser und Stadt­vil­len – al­le mit­Aus­blick auf den 1230 Me­ter lan­gen, 310 Me­ter brei­ten und drei Me­ter tie­fen Pho­enix­see. Seit An­fang Ok­to­ber wird die Gru­be – 2,5 Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Bo­den wur­den aus­ge­ho­ben – ge­flu­tet. Bis 600 Mil­lio­nen Li­ter Was­ser den See bil­den, dau­ert es et­wa ein Jahr.

Zum Flu­tungs­fest, zu dem 60 000 Neu­gie­ri­ge ka­men, über­schlu­gen sich Ver­ant­wort­li­che mit Lo­bes­hym­nen. „Um­wer­fend, atem­be­rau­bend“, schwärm­te NRWWirt­schafts­mi­nis­ter Har­ry K. Voigts­ber­ger. Dort­munds Stadt­wer­ke-Chef Gun­tram Pehl­ke lob­te: „Ein Mei­len­stein in der Dort­mun­der Ge­schich­te, ein Ju­wel.“ Und Ober­bür­ger­meis­ter Ull­rich Sier­au sag­te: „Heu­te wird ein Traum Rea­li­tät, den vor zehn Jah­ren kei­ner zu träu­men ge­wagt hät­te.“

Yacht­club-Prä­si­dent Svend Krum­na­cker ist über­zeugt, dass der Traum nicht nur schö­ne Sei­ten hat. Der 49-Jäh­ri­ge be­fürch­tet, der „sehr ex­tre­me Struk­tur­wan­del“ von der schweiß­trei­ben­den Ma­lo­che im Stahl­werk zum sü­ßen Nichts­tun am See­ufer wer­de die so­zia­le Sche­re zwi­schen der seit Ge­ne­ra­tio­nen in Hör­de an­säs­si­gen Ar­bei­ter­schaft und den bei Grund­stücks­prei­sen von 300 Eu­ro pro Qua­drat­me­ter zu­zie­hen­den Neu­rei­chen weit öff­nen. „Span­nun­gen sind da pro­gram­miert“, sagt er.

Alt­ein­ge­ses­se­ne Hör­der wie Klaus Till­mann („un­se­re Fa­mi­lie lebt seit 1825 hier“) freu­en sich, mit dem Ver­schwin­den des Stahl­wer­kes „end­lich fri­sche Luft und kla­ren Him­mel“ ge­nie­ßen zu kön­nen. Vom hoch ge­lob­ten Pho­enix­see-Pro­jekt er­war­tet der 52-Jäh­ri­ge aber nicht viel. Be­son­ders nicht für die Hör­der, die im Nor­den le­ben – „in der Bronx, die hin­ter den Stahl­werks­mau­ern gar nicht zu se­hen war“. Der freie Blick auf den See wer­de durch die Neu­bau­ten ver­stellt, die sich an­ge­sichts der Grund­stücks­prei­se kein Nor­mal­sterb­li­cher leis­ten kön­ne.

„Was für uns dann üb­rig­bleibt, sind Ver­kehrs­pro­ble­me“, sagt Klaus Till­mann, Frak­ti­ons­spre­cher der Grü­nen in der Hör­der Be­zirks­ver­tre­tung. Zwei Mil­lio­nen Be­su­cher im Jahr, das sei­en 5000 pro Tag, wür­den am neu­en Nah­er­ho­lungs­Ju­wel Dort­munds er­war­tet.

Schon jetzt ver­än­de­re der See Hör­de, meint der Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. „Bau­rui­nen wer­den zu Phan­ta­sie­prei­sen ge­han­delt.“ Bei stei­gen­den Mie­ten wer­de es nicht lan­ge dau­ern, bis Hör­der, die Hartz IVEmp­fän­ger sei­en, von den Äm­tern „zwangs­um­ge­zo­gen“ wür­den. „Al­les, was nicht ins neue Um­feld passt, wird ver­drängt wer­den“, meint Klaus Till­mann.

Ganz an­ders be­ur­teilt Ruth Wehling, die seit neun Jah­ren im ka­tho­li­schen St.-Cla­ra-Pfarr­ge­mein­de­rat in Hör­de sitzt, den Zu­zug von Neu­bür­gern ans See­ufer. „Das bringt mehr Kauf­kraft, und das An­ge­bots­ni­veau der Ge­schäf­te in Hör­de steigt. Da­von pro­fi­tie­ren al­le“, sagt die 45-Jäh­ri­ge. Von Ge­winn kann Bernd Ka­p­ler (40), Päch­ter des Re­stau­rants „Zum Trepp­chen“ in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zum See, bis­lang nur träu­men. Seit er 2007 das un­ter Denk­mal­schutz ste­hen­de Lokal über­nom­men ha­be, kämp­fe er ums wirt­schaft­li­che Über­le­ben sei­nes Be­trie­bes. Die ehe­mals gut­bür­ger­li­che Gast­stät­te hat der neue Päch­ter zwar mäch­tig auf­ge­peppt, aber in­mit­ten ei­ner Bau­stel­le ein Re­stau­rant zu füh­ren, be­deu­te den täg­li­chen Kampf ge­gen den Ru­in. „Ne­ben­an wer­den Häu­ser ab­ge­ris­sen, oder es wird der­art ge­bag­gert, dass mir der Putz und die Bil­der von den Wän­den, die Glä­ser aus den Re­ga­len fal­len“, klagt der Gas­tro­nom.

Sie­ben Jah­re soll es laut den Pla­nun­gen dau­ern, bis das Pro­jekt Pho­enix­see fer­tig ist. „Dann wird’s wun­der­schön. Dann wer­den auch vie­le Yup­pies kom­men und viel gu­tes Geld mit­brin­gen“, meint Bernd Ka­p­ler. Nur ob er sich so lan­ge über Was­ser hal­ten kann, das weiß er nicht. Vie­le, die noch im Hör­der Nor­den le­ben, wer­den das sei­ner Mei­nung nach nicht schaf­fen. Wer da stei­gen­de Mie­ten nicht zah­len kön­ne, der müs­se weg­zie­hen.

Sol­che Kon­flik­te möch­te Yacht­club-Prä­si­dent Svend Krum­na­cker ver­mei­den. Der 49-Jäh­ri­ge be­män­gelt, dass es noch „kei­nen gro­ßen Plan zur So­zi­al­ver­träg­lich­keit“ des See-Pro­jek­tes ge­be. Der Yacht­club je­den­falls wol­le „of­fen“ auf die „al­ten“ Hör­der zu­ge­hen, Se­gel­kur­se an Schu­len an­bie­ten, Mit­glieds­bei­trä­ge nied­rig hal­ten, kein eli­tä­res Ge­ha­be an den Tag le­gen.

Bei Ver­eins­mit­glied „Nr. 26“ – 419 hat der Club be­reits – hat die „Stra­te­gie“ funk­tio­niert. Sieg­fried Dur­lik stand von 1979 bis 2001 – „bis zum letz­ten Guß“ – an der Strang­gieß­an­la­ge des Stahl­wer­kes. Nun hofft der 57-Jäh­ri­ge, mög­lichst bald über sei­ne al­te Ar­beits­stät­te hin­weg­se­geln zu kön­nen. „Die Ko­or­di­na­ten der Strang­gieß­an­la­ge ha­be ich. Wenn’s so weit ist, wer­de ich mit ’ner Jol­le hin­fah­ren, das Se­gel raf­fen und Re­vue pas­sie­ren las­sen, was sich in den Jah­ren so ge­tan hat.“

FO­TO: GUI­DO FREBEL / LICHT­BLICK

Noch hat der Pho­enix­see in Hör­de nicht ge­nug Was­ser, da­mit Yacht­club-Prä­si­dent Svend Krum­na­cker und sei­ne Ver­eins­mit­glie­der dar­auf se­geln könn­ten. Den­noch hat der Ver­ein be­reits mehr als 400 Mit­glie­der.

FO­TO: IMA­GO

Hoch­ofen­an­la­ge des ehe­ma­li­gen Hüt­ten­werks Pho­enix West.

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