Ste­phen Haw­king liest in London

Rheinische Post Goch - - Wissen - VON ALE­XEI MAKARTSEV

LONDON In ei­ner ro­sa­far­be­nen Kon­zert­hal­le in der Haupt­stadt ei­nes hoch ver­schul­de­ten In­sel­kö­nig­reichs auf ei­nem ziem­lich ver­wohn­ten blau­en Pla­ne­ten ei­nes Son­nen­sys­tems am Rand der Milch­stra­ßen-Ga­la­xie in ei­nem der vie­len Tril­lio­nen Uni­ver­sen pas­siert um 20.30 Uhr Orts­zeit et­was Be­son­de­res: 5000 Men­schen he­ben nach Auf­for­de­rung ei­ner me­cha­nisch klin­gen­den Ro­bo­ter­stim­me ge­mein­sam ab und rei­sen in Ge­dan­ken an den Be­ginn der Zeit und des elf­di­men­sio­na­len Raums, um zu ver­ste­hen, dass sie nicht ver­ste­hen.

So stark ist die Ma­gie des in ei­nem un­be­weg­li­chen Kör­per ge­fan­ge­nen, mäch­ti­gen Geis­tes, dass der 68 Jah­re al­te Astro­phy­si­ker Ste­phen Haw­king in der Lon­do­ner Roy­al Al­bert Hall wie ein Pop­star be­ju­belt wur­de. Es war ei­ner der sel­te­nen öf­fent­li­chen Vor­trä­ge des an ei­nen Roll­stuhl ge­fes­sel­ten Ge­nies, das die Bri­ten wis­sen ließ: Nie­mand muss ver­za­gen. „Zwar sind wir un­wich­tig im kos­mi­schen Maß­stab, den­noch dür­fen wir uns als Her­ren der Schöp­fung füh­len“, sag­te der Mann, der in sei­nem neu­en Best­sel­ler „Der gro­ße Ent­wurf“ Gott für über­flüs­sig er­klärt.

Es ist kom­pli­ziert mit Gott und dem Kos­mo­lo­gen. Pro­fes­sor Haw­king ist über­zeugt, dass sich un­ser Uni­ver­sum selbst spon­tan er­schaf­fen hat, doch die­ser Ge­dan­ke ge­fällt vie­len Gläu­bi­gen nicht. Al­so wird das kon­tro­ver­se The­ma schnell ent­schärft. „Ste­phen hat nie be­haup­tet, dass Gott nicht exis­tie­re“, sagt der Phy­si­ker Jim Al-Kha­li­li, als er den Star vor­stellt. Wenn die Men­schen den Grund, war­um sie auf der Welt sei­en, „Gott“ nen­nen woll­ten, sei das in Ord­nung. Vie­le wir- ken er­leich­tert. „Und nun“, sagt fei­er­lich Al-Kha­li­li, „kommt der welt­größ­te Wis­sen­schaft­ler“.

Der Saal bebt vom Ap­plaus, als ei­ne Blon­di­ne im ro­ten Kleid ei­nen klei­nen Mann im Roll­stuhl hin­ein­rollt. Sie stellt dem Pro­fes­sor ei­ne Fra­ge und er­hält kei­ne Ant­wort – so scheint es. Tat­säch­lich aber hat der von der Ner­ven­krank­heit ALS ge­lähm­te For­scher durch das Zu­cken ei­nes Mus­kels in der Wan­ge auf dem Bild­schirm sei­nes Com­pu­ters ge­schrie­ben: „We­ni­ger Licht“. Dann bleibt er al­lei­ne auf der ab­ge­dun­kel­ten Büh­ne.

Haw­king er­zählt von sei­nen El­tern, dem Stu­di­um in Ox­ford und sei­nem bren­nen­den Wunsch, das Rät­sel un­ser al­ler Her­kunft zu lö­sen. „Wenn man das Uni­ver­sum ver­steht, kann man es in ge­wis­ser Hin­sicht kon­trol­lie­ren”, sagt der „Word Plus”-Syn­the­si­zer für den For­scher, der 1985 sei­ne Stim­me ver­lor. Die Zu­schau­er er­le­ben ihr blau­es Wun­der: Dank sei­nes Com­pu­ters scheint Haw­king den­noch frei „spre­chen“ zu kön­nen. Doch es ist ei­ne Il­lu­si­on. Der Vor­trag ist in sei­nem Lap­top ge­spei­chert. Auf der Büh­ne gibt der Phy­si­ker le­dig­lich mit sei­ner Wan­ge dem Rech­ner den Be­fehl, ei­nen Text­block vor­zu­le­sen.

Die mor­se­ähn­li­chen Be­stä­ti­gungs­si­gna­le des Com­pu­ters klin­gen in der ehr­furchts­vol­len Stil­le des Saals wie ein fer­ner SOS-Ruf aus dem All: „Wenn man – piep – mit der Mög­lich­keit ei­nes frü­hen Tods kon­fron­tiert wird, er­kennt man – piep­piep-piep – wie viel man noch er­le­di­gen muss.“

Mit der Ele­ganz ei­nes Su­per­ge­hirns führt Haw­king das Pu­bli­kum ein in die Rea­li­tät der Welt mit un­zäh­li­gen Uni­ver­sen, von de­nen ei­ne un­ser Le­ben ge­bar. Auf ei­ner Lein­wand sind Ster­nen­stra­ßen, Schwar­ze Lö­cher und Feu­er­bäl­le zu se­hen. „Die Phi­lo­so­phie ist tot. Es le­be der gro­ße Ent­wurf“, er­klärt Haw­king. Man­che schüt­teln ver­wirrt mit den Köp­fen. Nach 90 Mi­nu­ten kommt die Zeit für ein paar Fra­gen, die Le­ser der „Ti­mes“ ge­schickt ha­ben.

„Ist das Schwar­ze Loch ei­ne Ku­gel?“, will ein Hob­by-As­tro­nom wis­sen. „Nein, es kann auch ring­för­mig sein“, liest Haw­kings Com­pu­ter die vor­ge­fer­tig­te Ant­wort vor. „Wer­den die Men­schen je­mals die Phy­sik kom­plett ver­ste­hen?“. Ein Pie­pen. „Ich hof­fe nicht“, sagt Haw­king, und als ei­ne Pau­se ent­steht, spricht er ei­nen wei­te­ren Satz in den Ap­plaus des Pu­bli­kums. Die ble­cher­ne Stim­me geht un­ter. Wir wer­den nie er­fah­ren, wel­ches Ge­heim­nis der Pro­fes­sor uns an­ver­traut hat.

FO­TO: DPA

Ste­phen Haw­king (68) lehr­te bis 2009 Astro­phy­sik in Cam­bridge.

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