Die Kunst-Ak­teu­re der 80er Jah­re im K21

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON ANNETTE BOSETTI

DÜSSELDORF So oft be­zie­hen wir uns auf die 68er Jah­re, auf die po­li­ti­schen Un­ru­hen und ge­sell­schaft­li­chen Erd­be­ben, die ne­ben Rei­bung und Ge­walt auch neue Idea­le und Maß­stä­be in die Welt setz­ten. In der Kunst war das die Zeit der NeoAvant­gar­de. Doch schon in den Sieb­zi­gern kommt die Er­nüch­te­rung. Jun­ge Künst­ler be­gin­nen mit ei­ner kri­ti­schen Re­vi­si­on, sie fra­gen da­nach, was un­ver­zicht­bar ist und was ver­ges­sen wur­de. Sie bah­nen der Mo­der­ne ih­ren Weg. Es weht der Zeit­geist der Null-Bock-Ge­ne­ra­ti­on, Pop­per und Pun­ker er­schei­nen auf der Bild­flä­che, Wör­ter wie cool und geil flie­ßen in den Sprach­schatz, und die Par­tei der Grü­nen grün­det sich.

In ih­rem Hort der Un­an­greif­bar­keit setzt sich die Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie an die Spit­ze ei­ner Be­we­gung, die künst­le­ri­sches Den­ken in an­de­ren Mo­del­len an­strebt. Die „Flug­bahn“ je­ner Ent­wick­lung will Ku­ra­tor Ju­li­an Heynen in sei­ner Aus­stel­lung „Aus­wer­tung der Flug­da­ten“ nach in­sze­nie­ren mit Po­si­tio­nen von zehn heu­te in­ter­na­tio­nal be­kann­ten Künst­lern. De­ren Hö­hen-und Tief­flü­ge ge­scha­hen auf der Hö­he des Epo­chenum- bruchs der Post­mo­der­ne, neue Ak­teu­re wie Andre­as Gurs­ky, Kat­ha­ri­na Fritsch, Rein­hard Mu­cha, Jeff Koons oder Tho­mas Schüt­te wur­den laut und groß.

Im Stän­de­haus (K21) der NRWKunst­samm­lung wur­den Schlüs­sel­wer­ke aus­ge­brei­tet, ein auf den ers­ten Blick un­ter­kühlt schei­nen­des Ar­ran­ge­ment in meh­re­ren Räu­men des Un­ter­ge­schos­ses. Auf­merk­sam­keit muss der Be­trach­ter auf­brin­gen, Denk­ar­beit, As­so­zia­ti­ons­kraft – dann wer­den die in­ne­ren Bil­der die­ser Jah­re wach. Al­len vor­an be­ein­druckt Rein­hard Mu­cha. Sein dröh­nen­des Deutsch­land­ge­rät an an­de­rer Stel­le muss man ein­fach mal ver­ges­sen und nun die Poe­sie und Po­tenz sei­ner Se­rie „Kopf­dik­ta­te“ be­grei­fen. Ver­pan­zert in ei­nem schwe­ren Glas, mit Gra­nit ge­rahmt, stößt man auf Fo­tos aus dem Fa­mi­li­en­al­bum, schwarz-weiß, ty­pisch 50er Jah­re. Ein klei­ner Jun­ge, ein jun­ger Mann – da­ne­ben in Schön­schrift Dik­ta­te wie „Ich muss lei­se sein ...“ – zeich­net die stil­le Re­vo­lu­ti­on Her­an­wach­sen­der nach.

Ganz an­ders, weil viel ober­fläch­li­cher, fällt ei­ne frü­he Ar­beit des ver­spiel­ten Plas­tik­künst­lers Jeff Koons aus. Da­mals, 1985, hat er ein­fach ein Aqua­ri­um auf­ge­baut, halb­hoch Was­ser ein­ge­las­sen und zwei Bas­ket­bäl­le hin­ein­ge­legt, die ra­gen schwim­mend aus dem Was­ser her­aus und de­mons­trie­ren ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen leicht und schwer.

Streng und form­ver­liebt un­ter­sucht Kat­ha­ri­na Fritsch die Welt, acht Ti­schen weist sie acht Ge­gen­stän­de zu und baut dar­aus ei­ne Raum­plas­tik. Un­ge­wohnt kühl sind auch die fo­to­gra­fi­schen Un­ter­su­chun­gen der drei gro­ßen Düs­sel­dor­fer Fo­to­künst­ler aus der Be­cherSchu­le. Tho­mas Ruff zeigt sei­ne mar­kan­ten Frau­en­por­träts mit reg­lo­sen na­tür­li­chen Mie­nen, Tho­mas St­ruth präch­ti­ge Sze­ne­ri­en aus dem Lou­vre und aus der Na­tio­nal Gal­le­ry. Dass der Im­puls die­ser Künst­ler­schaft von Düsseldorf in die Welt ging, de­mons­trie­ren St­ruths Rei­hen von Schwarz-Wei­ßAuf­nah­men; die Düs­sel­dor­fer Stra­ße er­scheint in Tris­tesse, wäh­rend die New Yor­ker Ave­nues glän­zen.

Auch Andre­as Gurs­ky ist prä­sent, so­eben mit Kat­ha­ri­na Fritsch zum Kunst­pro­fes­sor an die Aka­de­mie be­ru­fen. Er ist der heu­te von al­len wahr­schein­lich am teu­ers­ten Ge­han­del­te. Ei­ne Kin­der­grup­pe hockt vor sei­nen Fo­to­ar­bei­ten, ana­ly­siert und staunt. Wo der „Ang­ler“ denn sei, wol­len sie wis­sen an­ge­sichts der so be­ti­tel­ten, gi­gan­ti­schen Land­schaft bei Mül­heim. Auch der Him­mel ist weg, be­merkt ein Mäd­chen. Stimmt. Al­le Him­mel hat Gurs­ky auf die­sen „Bil­dern“ weg­ra­tio­na­li­siert. Selbst im „Ruhr­tal“ von 1989 gibt’s kaum Hin­ter­grund, die Sze­ne­rie be­steht aus Brü­cke, Land­schaft – und erst sehr weit weg kommt der Mensch. Der Reiz liegt im Blick­win­kel, er­klärt die Ku­ra­to­rin. Und der wei­te­te sich da­mals ganz ent­schei­dend in der Kunst. Info K 21 der Kunst­samm­lung NRW, Stän­de­haus­stra­ße 1, Düsseldorf. Di - Frei, 10 - 18 Uhr, Sa 11 - 22 Uhr, So 11 - 18 Uhr. www.qua­dri­en­na­le-du­es­sel­dorf.de

FO­TO: VG BILD-KUNST, BONN

Andre­as Gurs­ky: Ra­tin­gen, Schwimm­bad, 1987. Fo­to­ar­bei­ten des Düsseldorf Künst­lers und Leh­rers kos­ten heu­te ein paar Mil­lio­nen Eu­ro.

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