Boy zit­tert sich zu WM-Sil­ber

Der Tur­ner aus Cott­bus wird in Rot­ter­dam im Mehr­kampf-Fi­na­le nur von Ti­tel­ver­tei­di­ger Uchimura (Ja­pan) be­siegt. Mor­gen steht er im End­kampf am Kö­nigs­ge­rät Reck – wie Team­kol­le­ge Ham­bü­chen.

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman - VON FRIED­HELM KÖRNER

ROT­TER­DAM Fa­bi­an Ham­bü­chen ist das strah­len­de Ge­sicht des deut­schen Turn­sports – seit 2004, als er in At­hen mit 16 Jah­ren das olym­pi­sche Reck­fi­na­le er­reich­te, an sei­nem Lieb­lings­ge­rät auf An­hieb Sieb­ter wur­de und die Fern­seh­zu­schau­er da­heim mit Un­be­küm­mert­heit und Schlag­fer­tig­keit ver­zau­ber­te. Der klei­ne Ath­let aus Wetzlar war der kes­se Turn­floh, auch heu­te misst er nur 1,63 Me­ter, und we­gen sei­ner Bril­le gab man ihm da­mals noch ei­nen zwei­ten Ko­se­na­men: Pro­fes­sor. Ei­ne Stern­stun­de er­leb­te Ham­bü­chen drei Jah­re spä­ter in Stutt­gart als um­ju­bel­ter Welt­meis­ter am Reck. Am En­de ei­ner Wo­che, die er und die Fans wie in ei­nem Rausch er­leb­ten.

Am Mon­tag fei­ert Ham­bü­chen sei­nen 23. Ge­burts­tag. Längst ist er der Leit­wolf der deut­schen Män­ner­rie­ge, aber kei­nes­wegs mehr der ein­zi­ge, der für die Blü­te des deut­schen Tur­nens steht. Denn er hat star­ke Kon­kur­renz, die an sei­nem Thron rüt­telt. Da ist Matthias „Mat­ze“ Fah­rig, der ihn in die­sem Jahr in Bir­ming­ham als Eu­ro­pa­meis­ter am Bo­den ab­lös­te. Und Phil­ipp Boy, der ges­tern bei der WM in Rot­ter­dam hin­ter dem über­ra­gen­den Ja­pa­ner Ko­hei Uchimura Sil­ber im Mehr­kampf ge­wann. Ge­mein­sam hat­te das Trio mit Eu­gen Spi­ri­do­nov, Sebastian Krim­mer und Tho­mas Ta­ra­nu am Vor­abend Bron­ze im Mann­schafts­wett­be­werb er­run­gen, als Drit­ter hin­ter Chi­na und Ja­pan, den EM-Tri­umph von Bir­ming­ham ein­drucks­voll be­stä­tigt und in der Halle hüp­fend und tan­zend ge­fei­ert.

Boy hat­te nach ei­nem Feh­ler in der ab­schlie­ßen­den Reck­übung („Ich ha­be mich ver­grif­fen“) gar nicht mehr an Sil­ber ge­glaubt. „Für mich ist fast schon ei­ne Welt zu­sam­men­ge­bro­chen“, er­zähl­te er nach der Zit­ter­par­tie. „Ich kam run­ter und ha­be mir ge­sagt: Jetzt hast du’s ver­saut!“ Der 23-Jäh­ri­ge prä­sen­tiert sich in der Form sei­nes Le­bens und hat bei der WM be­reits ein Mam­mut­pro­gramm mit drei Klas­se-Sechs­kämp­fen hin­ter sich.

„Ich ha­be ein stol­zes Tem­pe­ra­ment und ein son­ni­ges Ge­müt“, sagt der Sport­sol­dat und Mäd­chen­schwarm aus der Lau­sitz, der kein Fuß­ball­spiel von Ener­gie Cott­bus ver­pas­sen will, wenn er zu Hau­se ist. Boy ist ein Son­ny­boy. Ein ty­pi­scher Ver­tre­ter der Smart­pho­neGe­ne­ra­ti­on, jung, cool, mo­disch, forsch und sehr ehr­gei­zig. Mehr noch als Fah­rig ist er aus Ham­bü­chens Schat­ten ge­tre­ten und ern­tet die Früch­te sei­ner Ar­beit. Nicht von un­ge­fähr nennt man das deut­sche Sex­tett in­zwi­schen auch schon Boy­Group. „Wir hat­ten in der Vor­be­rei­tung mit wahn­sin­nig vie­len schwe­ren Si­tua­tio­nen zu kämp­fen“, sagt Boy nicht zu­letzt im Blick auf den Aus­fall des deut­schen Mehr­kampf­meis­ters Mar­cel Nguy­en (Bein­bruch). „Und auch mei­ne Vor­be­rei­tung war sehr schmerz­haft, denn ich hat­te mit dem Rü­cken, mit Knie und Fuß zu tun. Aber wenn man auf dem Po­di­um steht, will man be­wei­sen, wo­für man sich die letz­ten Wo­chen ge­schun­den hat. Da spürt man kei­ne Schmer­zen mehr.“

Boy und Fah­rig ha­ben kei­nen Hehl dar­aus ge­macht, dass sie die jüngst er­schie­ne­ne Au­to­bio­gra­fie Ham­bü­chens nicht ge­ra­de für ein Meis­ter­werk der Li­te­ra­tur hal­ten, und dar­über ent­spre­chend mit Spott ge­ur­teilt. Der Stär­ke des Teams ta­ten die Dis­kus­sio­nen kei­nen Ab­bruch. „Wir ver­ste­hen uns“, sagt Boy im Blick auf das Reck­fi­na­le mor­gen, für das er sich eben­so wie Ham­bü­chen qua­li­fi­ziert hat, be­tont zu­gleich aber die Kon­kur­renz­si­tua­ti­on: „Er will ei­ne Me­dail­le ge­win­nen, ich will ei­ne Me­dail­le ge­win­nen.“ Ist es ein Vor­teil, dass die Deut­schen beim Kampf um Edel­me­tall am Kö­nigs­ge­rät zu zweit sind? „Im Fi­na­le stehst du al­lein“, er­klärt Ham­bü­chen, der we­gen sei­ner Be­schwer­den an der lin­ken Achil­les­seh­ne auf Bo­den und Sprung und da­mit auch auf den Mehr­kampf ver­zich­tet hat. „Da bist du auf dich kon­zen­triert. Da hat je­der sei­nen ei­ge­nen Tun­nel­blick.“

FO­TO: IMA­GO

Kraft­akt an den Rin­gen: Phil­ipp Boy turn­te die Wett­kämp­fe sei­nes Le­bens. „Wahn­sinn, Wahn­sinn, Wahn­sinn“, kom­men­tie­re er sei­ne Auf­trit­te.

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