Kur­ze Ge­schich­te des Trak­tors auf Ukrai­nisch

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman -

„Ge­nau”, mischt Va­ter sich ein, der bis eben ru­hig in der Ecke ge­ses­sen und sei­ne Äp­fel ge­schält hat, „ge­nau das sagt Va­len­ka auch. Aber, Wo­lod­ja Si­me­o­no­witsch, sa­gen Sie mir doch bit­te, wie es so weit kom­men konn­te bei ei­nem so in­tel­li­gen­ten Volk?”

„Das kommt da­her, weil wir jetzt dem Wild­west-Ka­pi­ta­lis­mus aus­ge­setzt sind, Ni­ko­lai Ale­xe­je­witsch”, sagt Du­bov in sei­ner ru­hi­gen, klu­gen Art. „Die Rat­ge­ber, die aus dem Wes­ten ka­men, um uns zu zei­gen, wie wir un­se­re Wirt­schaft nach ka­pi­ta­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en auf­bau­en kön­nen, ha­ben uns das raub­gie­ri­ge Mo­dell des frü­hen ame­ri­ka­ni­schen Ka­pi­ta­lis­mus bei­ge­bracht.”

Der Be­griff „ame­ri­kan­ski ka­pi­ta­lism” hat Mi­ke auf­hor­chen las­sen. Jetzt möch­te er auch mit­re­den.

„Ganz rich­tig, Du­bov. Das ist die­ser neo­li­be­ra­le Mist. Die Ga­no­ven rei­ßen al­len Reich­tum an sich und le­gen ihn in schein­bar le­gi­ti­men Un­ter­neh­men fest. Wenn wir Glück ha­ben, dringt da­nach ein biss­chen da­von auch bis zu uns an­de­ren durch. Ro­cke­fel­ler, Car­ne­gie, Mor­gan ha­ben al­le als Ban­di­ten be­gon­nen. Jetzt ste­hen sie als strah­len­de Hel­den auf mil­lio­nen­schwe­ren Gr­und­fes­ten.” (Für Mi­ke gibt es nichts Schö­ne­res als sich über Po­li­tik zu er­ei­fern.) „Kannst du das bit­te über­set­zen, Na­dia?”

„Ich weiß nicht – ich wer­de mein Bes­tes ver­su­chen.” Ich ver­su­che mein Bes­tes. „Und es gibt Leu­te, die be­haup­ten, dass die­ses Gangs­ter­sta­di­um für die Ent­wick­lung des Ka­pi­ta­lis­mus not­wen­dig sei”, fügt Du­bov hin­zu.

„Das ist ja fas­zi­nie­rend”, ruft Ve­ra aus. „Wol­len Sie da­mit sa­gen, die Ga­no­ven sind ab­sicht­lich dort hin­ge­bracht wor­den?” Ent­we­der ist ihr Ukrai­nisch ziem­lich ein­ge­ros­tet, oder mei­ne Über­set­zung ist schlech­ter, als ich dach­te.

„Nicht ganz”, er­klärt Du­bov ge­dul­dig. „Aber die­se Gangs­ter­ty­pen, die schon dort sind, de­ren Raub­tier­in­stink­te vom Ge­fü­ge ei­ner bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft in Schach ge­hal­ten wer­den, ver­meh­ren sich wie Un­kraut in ei­nem frisch ge­pflüg­ten Feld, so­bald die­ses Ge­fü­ge ir­gend­wo Lö­cher be­kommt.”

Sei­ne Art zu spre­chen hat et­was ir­ri­tie­rend Pe­dan­ti­sches, ähn­lich wie bei un­se­rem Va­ter. Nor­ma­ler­wei­se wür­de mich das die Wän­de hoch­trei­ben, aber ich fin­de ihn in sei­ner Ernst­haf­tig­keit ge­win­nend.

„Se­hen Sie denn ei­nen Aus­weg?”, fragt Mi­ke. Ich über­set­ze.

„Kurz­fris­tig nicht. Aber lang­fris­tig ge­se­hen, glau­be ich schon. Ich persönlich wür­de das skan­di­na­vi­sche Mo­dell fa­vo­ri­sie­ren. Das heißt, man muss sich so­wohl vom Ka­pi­ta­lis­mus als auch vom So­zia­lis­mus die bes­ten Sei­ten her­aus­pi­cken.” Du­bov reibt sich die Hän­de. „Nur die al­ler­bes­ten Sei­ten – mei­nen Sie nicht auch, Mich­ail Gor­do­no­witsch?”

(Mi­kes Va­ter hieß Gor­don. Falls es da­für ein rus­si­sches Äqui­va­lent ge­ben soll­te, kennt es je­den­falls kei­ner von uns.)

„Ja, selbst­ver­ständ­lich kann man das in ei­nem in­dus­tri­ell hoch­ent­wi­ckel­ten Land wie Schwe­den ma­chen, wo es ei­ne star­ke Ge­werk­schafts­be­we­gung gibt.” (Jetzt hat Mi­ke sein Heim­spiel.) „Aber ob es in ei­nem Land wie der Ukrai­ne funk­tio­nie­ren wür­de . . .?”

(Fort­set­zung folgt) © 2006 dtv München; aus dem Eng­li­schen von El­fi Har­ten­stein

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