Tho­reau lie­fert Le­se­stoff für Stutt­gar­ter Pro­test­ler

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON LOTHAR SCHRÖDER

DÜSSELDORF Die­se Neu­er­schei­nung kommt ja wie auf Be­stel­lung: Denn das schma­le Ta­schen­büch­lein – spie­lend leicht an je­dem Ort mit­zu­füh­ren – liest sich wie die Bi­bel für je­ne Bür­ger, die ge­gen den Neu­bau des Bahn­ho­fes zu Stutt­gart auf die Stra­ße ge­hen. Das Er­staun­li­che da­bei ist: „Über die Pflicht zum Un­ge­hor­sam ge­gen den Staat“ hat der Ame­ri­ka­ner Hen­ry Da­vid Tho­reau (1817–1862) schon vor über 160 Jah­ren ver­fasst.

Ob der Ein­zel­gän­ger Tho­reau jetzt auch auf die Stra­ße ge­gan­gen wä­re und sich den Un­bil­den po­li­ti­scher Ak­ti­on aus­ge­setzt hät­te, ist frag­lich. Zu­mal er zu be­den­ken gibt, dass in den „Hand­lun­gen von Men­schen­mas­sen die Tu­gend sel­ten zu Hau­se ist“. Und doch dürf­te er wohl­wol­lend den er­stark­ten schwä­bi­schen Bür­ger­wil­len ver­folgt ha­ben. Schließ­lich geht es ihm bei all­ge­mei­nen Fehl­ent­wick­lun­gen um ei­ne „ak­ti­ve Ver­leug­nung“ staat­li­cher Ge­walt. Und dar­in sieht er kein po­li­tisch kurz­at­mi­ges Pro­gramm, son­dern ein grund­le­gen­des Men­schen­recht: „Wenn ein Mensch frei ist in sei­nen Ge­dan­ken, frei in sei­ner Phan­ta­sie und sei­ner Vor­stel­lung, al­so in den Din­gen, die dau­er­haft sein Le­ben prä­gen, dann kön­nen un­klu­ge Herr­scher und Re­for­m­apos­tel ihm nie ge­fähr­lich in die Que­re kom­men.“ Ei­ne sol­che Frei­heit aber hät­ten un­se­re Volks­ver­tre­ter – an an­de­rer Stel­le nennt Tho­reau sie recht de­spek­tier­lich bloß „mund­fer­ti­ge Leu­te“ – noch nicht schät­zen ge­lernt. Ihm geht es um die „wah­re Ach­tung des In­di­vi­du­ums“ und des­sen gro­ße, vor Un­ab­hän­gig­keit strot­zen­de Macht.

Tho­re­aus mit­un­ter an­ar­chi­scher Ap­pell an den bür­ger­li­chen Frei­heits­sinn ist ein Klas­si­ker, der sich frisch liest und in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der auch so ge­le­sen wur­de: Die­ser Mann, der mit sei­nem stör­ri­schen In­di­vi­dua­lis­mus im Grun­de ei­ne „Ein-Man­nRe­vo­lu­ti­on“ pro­pa­gier­te, war Kult­au­tor und Sprach­rohr für die Hip­pie­be­we­gung, für die Geg­ner des Viet­nam­krie­ges, für die Bür­ger­recht­ler an der Sei­te Mar­tin Lu­ther Kings, spä­ter auch für Steu­er­ver­wei­ge­rer und Öko­lo­gie­be­wuss­te mit Nei­gun­gen zum Aus­stieg – wie es auch Tho­reau tat, der sich 1845 in ei­ner Art Ex­pe­ri­ment für zwei Jah­re in sei­ne klei­ne Block­hüt­te am Wal­den­see zu­rück­zog.

Ob die­ser Tho­reau jetzt auch wie­der Ge­hör fin­det bei je­nen Bür­gern, die ge­gen den Neu­bau des Stutt­gar­ter Bahn­hofs ih­re Stim­me des Pro­tests er­he­ben? Be­den­kens­wert soll­te da­bei blei­ben: Dass Tho­reau sich 1854 ei­nem ge­hei­men Netz­werk an­schloss, das Flucht­rou­ten für Skla­ven aus den Süd­staa­ten nach Ka­na­da er­mög­lich­te. Der Na­me die­ser Be­we­gung: „Un­der­ground Rail­way“.

Ein Sprach­rohr für Bür­ger­recht­ler

und Aus­stei­ger

Info Hen­ry Da­vid Tho­reau: „Über die Pflicht zum Un­ge­hor­sam ge­gen den Staat“ – und an­de­re Es­says. Über­setzt v. W. E. Rich­artz. Dio­ge­nes, 96 S., 7,90 Eu­ro

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